Jeden Tag demonstrieren tausende von Menschen gegen die serbische Regierung. Foto: BR | Videostandbild | Tamara Link

Warum die Menschen in Belgrad immer noch auf die Straße gehen
Zuhause bei den Demonstranten

Wieder steht Dusko Petrovic mit seiner Frau und deren Schwester vor dem Parlamentsgebäude in Belgrad. Seine kleine Tochter Mia fährt mit dem Fahrrad im Kreis herum. Sie laviert geschickt zwischen den vielen Menschen hindurch, die sich heute wieder versammelt haben. Seit Aleksandar Vucic die Wahlen gewonnen hat, gehen täglich Tausende auf die Straße. Mia rollt bis direkt vor das weiße Demonstrationsbanner, das die Protestierenden über die Länge der gesamten Fahrbahn halten. Dort ist mehr Platz zum radeln. „Juhuu“, ruft sie, die Haare wehen und die Pressefotografen zücken ihre Kameras.

Wir haben Dusko und seine Familie bei einer der Demonstrationen kennen gelernt. Eine Hintergrundgeschichte über die Protestierenden, so lautete mein Drehauftrag. Am ersten Tag schüttet es in Strömen. Im Vorbeigehen sehe ich einen Vater mit seinem Kind auf den Schultern, beide in Regenjacken, daneben die Mutter mit dem Baby im Arm. „Da, die fragen wir,“ sage ich zu Dejan, meinem serbischen Kollegen.

Warum sie hier beim Demonstrieren sind, bei dem Sauwetter, mit den Kindern auch noch, fragen wir sie und ob wir sie zuhause besuchen dürfen, mit der Kamera, damit die Leute in Deutschland verstehen, was da eigentlich los ist in Serbien.

Wir dürfen. Bis wir das Haus in einem der Randgebiete von Belgrad gefunden haben, vergeht fast eine Stunde. Die Gegend ist ruhig. Einfamilienhäuser reihen sich aneinander, die Leute sitzen im Garten und grillen, alles gut, so scheint es. Dusko steht auf der Straße und hält nach uns Ausschau, als wir um die Ecke biegen. Er winkt und lächelt freundlich. In seiner Werkstatt erzählt er uns von seinem Schreinerhandwerk und dass er die Preise für seine Möbel drastisch hat senken müssen, damit er sie weiterhin verkaufen kann. „Die Leute haben kein Geld mehr“, sagt er und wenn es so weiter gehe mit seinem Land, dann müsse er ins Ausland gehen, um seine Familie weiter zu ernähren. Das sei das Schlimmste Szenario für ihn: Ein Leben getrennt von seinen Kindern.

Im Haus kocht Duskos Frau Jovana Kaffee für uns. Die Kinder kritzeln unterdessen die Wand, sich selber und Duskos Stirn mit Malstiften voll. „Wir müssen eh renovieren“, sagt Jovana und lacht. Sie will nicht auf die Tränendrüse drücken, jetzt, wo die Journalisten da sind. Aber das muss sie auch nicht. Ich sehe eine alte Couch, ein paar Funzeln als Beleuchtung, die so schwaches Licht geben, dass ich kaum filmen kann, einen Vater, der seine Kinder von ganzem Herzen liebt und eine Mutter, die lächelt – auch wenn es schwer wird.

Beitrag: Tamara Link

Kamera: Tamara Link

Schnitt: Peter Sumonja

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