Frauen hatten es auf ihrer Flucht über die Balkanroute besonders schwer. Foto: picture-alliance | dpa

Gulsum und Hanin haben es nach Österreich geschafft
Zwei Frauen - eine Route

Gulsum hält sich nervös an ihrer großen schwarzen Handtasche fest. Die 57 Jahre alte Afghanin wirkt  in sich gekehrt und sehr zurückhaltend. Dabei muss diese Frau enorme Kräfte entwickeln können, denn sie schob ihren Ehemann im Rollstuhl über die Balkanroute.

Neben Gulsum sitzt Mohammedi, einer ihrer fünf Söhne und lächelt aufmunternd. Gulsum taut langsam auf und rückt ihr grün gemustertes Wolltuch zurecht. Belästigt oder bedrängt fühlte sich Gulsum unterwegs nie, aber schwer war es trotzdem.

 

Mein Mann saß also im Rollstuhl. Einmal konnten wir nicht weiter, weil ich müde war und dann haben meine Söhne ihren Vater getragen. Eine Stunde der eine und eine Stunde der andere. Polizisten haben uns geholfen und den Weg für uns freigemacht und den anderen gesagt, dass sie uns durchlassen sollen. Der Mann im Rollstuhl zuerst. Weil mein Mann behindert ist, war es für mich sehr anstrengend. Er konnte ja nicht gehen. Und auch mit dem Essen war es schwierig - nie regelmäßig.

Gulsum
Gulsum lebt mit ihrer Familie in Wien und wartet auf die Entscheidung über ihren Asylantrag. Foto: BR | Andrea Beer
Gulsum lebt mit ihrer Familie in Wien und wartet auf die Entscheidung über ihren Asylantrag. Foto: BR | Andrea Beer

Mohammedi gibt seiner Mutter immer wieder Zeichen oder flüstert ihr etwas zu und will ihr so  bei ihren Erinnerungen helfen, die ihn selbst offenbar quälen. Immer wieder wendet sich der junge schwarzhaarige Mann ab – keiner soll seine Tränen sehen. Durch welche Länder sie kamen?  Weder Gulsum noch ihr Sohn wissen es, denn lesen und schreiben können sie nicht. Gulsums Eltern hatten sich nie darum gekümmert ob sie in die Schule geht. Eigentlich wollte sie es mit ihren fünf Söhnen immer anders machen, aber …

Die Stadt Gashni in Afghanistan musste die Familie wegen eines religiös motivierten, blutigen Konflikts verlassen. Gulsums Mann wurde angeschossen und blieb dadurch behindert. 18 Jahre lebte die Familie dann in der iranischen Stadt Ghom. Doch sie hatten keine Papiere. Die Söhne durften deswegen nicht zur Schule gehen. Sie schlugen sich durch als Bäcker Schneider oder Tagelöhner. Dann hörten sie: Der Weg nach Europa soll offen sein.

 

Wir hatten das eigentlich nicht geplant,  aber dann sind wir einfach los.

Gulsum
Junge Frauen, wie Hanin, waren auf der Balkanroute zusätzlich zu allen Gefahren auch männlichen Übergriffen ausgesetzt. Hanins Brüder haben stets für ihren Schutz gesorgt. Heute lebt sie in Wien, geht zur Schule und möchte Apothekerin werden Foto: BR | Andrea Beer
Junge Frauen, wie Hanin, waren auf der Balkanroute zusätzlich zu allen Gefahren auch männlichen Übergriffen ausgesetzt. Hanins Brüder haben stets für ihren Schutz gesorgt. Heute lebt sie in Wien, geht zur Schule und möchte Apothekerin werden Foto: BR | Andrea Beer

Die Türe öffnet sich und Hanin stiehlt sich herein. 17 Jahre und vom IS aus dem irakischen Ramadi vertrieben. Hanin hat ein offenes fröhliches Wesen. Ihr hellblaues Kopftuch passt gut zu ihren Augen. Eine Hand tippt ständig auf das goldene  Smartphone –  ein überlebenswichtiges Utensil. Heute wie damals, im Sommer 2015, als sie sich aufmacht über die Türkei und übers Meer nach Griechenland und weiter über den Balkan.

Ihr Vater blieb in Bagdad während Hanin mit ihrer Mutter und zwei älteren Brüdern auf der Balkanroute unterwegs war. Sie waren mein Schutz, meint die junge Frau, wenn sich Männer nähern wollten. Die meisten Männer wollten aber einfach nur schnell weiter, erinnert sich Hanin. Und Probleme mit Schleppern oder Grenzbeamten hätten Männer wie Frauen gehabt. Etwa Schläge von Polizisten an der ungarischen Grenze.

Übergriffe, keine Intimsphäre, Tote am Wegesrand – Hanin hat auf der Balkanroute viel erleben müssen. Ob sie weiter in Österreich bleiben kann, entscheidet sich im Juni  und auch Gulsum und Familie  warten noch voller Bangen auf den Asylentscheid. Gulsum wünscht sich, zu bleiben und meint scherzhaft: „Ich habe hier alles, nur ein Grab fehlt mir noch, denn beerdigt bin noch nicht!“

 

 

Wir sind frei! Jeder darf hingehen, wohin er möchte. Als ich in Afgansitan mal zum Arzt wollte, haben die Taliban es nicht erlaubt und mich geschlagen. Und jetzt wenn ich mit meinem Mann in den Park möchte, dann mache ich es einfach und niemand hat etwas dagegen. Das ist Freiheit!

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Gulsum und ihrem Sohn Mohammedi fällt es immer noch schwer über ihre Erlebnisse auf der Balkanroute zu erzählen.
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