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Dieses Jahr eröffnete die Diagonale mit Michael Glawoggers Reiseessay UNTITLED. Bundespräsident Alexander Van der Bellen hielt die Eröffnungsrede. Foto: BR | Christine Dériaz

Diagonale 2017
Was ist österreichisch am österreichischen Film?

Ein nationales Festival, aber national, was heißt das schon?

Bundespräsident Alexander Van der Bellen

In Zeiten, in denen der österreichische Schauspieler Georg Friedrich den Silbernen Bären für seine Rolle in einem deutsch-norwegischen Film bekommt oder Michael Haneke in Frankreich gefeiert wird und der altmodische Heimatfilm ausgedient hat, stellt sich die Frage nach dem originär Österreichischen. Vielleicht findet sich ja bei der Diagonale, dem Festival des österreichischen Films, das zum 20. Mal in Graz stattfindet, eine Antwort.

Technisch gesprochen sind zur Einreichung zugelassen: Filme von österreichischen Regisseuren und Regisseurinnen, egal, ob diese im Land oder, wie viele Filmstudenten, im Ausland leben, studieren und vor allem drehen. Zugelassen sind aber auch Koproduktionen, besonders bei teuren (Spiel-) Filmen(mittlerweile eher die Regel als die Ausnahme) und Filme von Regisseuren und Regisseurinnen, die in Österreich leben und arbeiten, egal welchen Pass sie in der Tasche haben.

All diese Filmschaffenden haben dann noch verschiedenste kulturelle und nationale Hintergründe. Entsprechend vielfältig oder auch multikulturell zeigt sich das Filmgeschehen.

Gibt es also einen gemeinsamen Nenner, gemeinsame Themen?

Eröffnet wurde mit dem Film „untitled“ des viel zu früh verstorbenen Michael Glawogger. Ein Weltreisender, aber auch immer ein Weltschauender, der mit großer Neugierde und viel Liebe zu seinen Themen die nicht immer schöne, aber immer bunte und spannende Welt auf die Leinwand brachte. Der posthum von Cutterin Monika Willi gestaltete und geschnittene Film ist eine assoziative Reise, die im Kopf jedes Zuschauers entsteht.  Kein geradliniges Erzählen. Die Schauplätze von Ungarn über den Balkan, Nord- und Westafrika bleiben unbenannt. Keine Didaktik, nur die pure Freude an Bildern und Formen; ein Erinnern, so sprunghaft, wie Erinnern eben funktioniert. Eine Zeitreise unternimmt Levin Peter in „Hinter dem Schneesturm“. Beharrlich, manchmal bis an die Grenze gehend, befragt er seinen Großvater zu dessen Zeit als Wehrmachtsoldat in der Ukraine. Das oft stumme Gesicht, die immer wieder kryptischen Antworten erzählen dabei viel mehr als der alte Mann wohl für möglich hält. Und trotzdem bleibt das Großvater-Enkel-Verhältnis immer liebevoll. Es geht nicht um Anklage, es geht um Neugierde, um den Wunsch nach Verstehen. Um‘s Verstehen geht es auch in „Seeing voices“ von Dariusz Kowalski, denn obwohl die österreichische Gebärdensprache offiziell als Landessprache anerkannt ist, bleiben Gehörlose im Alltag doch weitgehend unsichtbar. In diesem Dokumentarfilm machen die Gehörlosen deutlich, dass sie, abseits von der Gehörlosigkeit, die zu ihrer Identität gehört, eine inhomogene Gruppe sind, in der sich alle Bevölkerungsschichten wiederfinden. Ein spannendes Bild entsteht, lehrreich aber nicht belehrend, und auch hier kommt ein Film 90 Minuten ohne geschwätzige Kommentare und Erklärungen aus. Wer schaut, sieht. Wer sieht, beginnt zu verstehen.

 

Der Experimental-Animation-Stoppmotion-Sciencefiction Film „Mappa Mundi“ von Bady Minck erzählt nichts weniger als die Geschichte unseres Planeten. Auf gleichermaßen skurrile und künstlerische Art wird die Kartierung der Welt in verschiedensten Zeiten und durch die Augen der verschiedener Kulturen und Religionen benutzt, bis die Erde sich wehrt: sie hat und will keine Linien auf ihrer „Haut“ und schüttelt sich in ein schwarzes Loch.

Grenzen scheinen definitiv ein wiederkehrendes Thema im österreichischen Film zu sein. In „Beyond bounderies – brezmejno“ umrundet Peter Zach Sloweniens Außengrenze. Er kommt zu Orten, die in ihrer Geschichte viele Staatsnamen trugen und dabei eigentlich immer Nachbarn und Familien trennten, egal wie der Grenzverlauf  und wessen Hoheitsgebiet dort gerade war. Die Menschen entlang und auf den verschiedenen Seiten dieser Grenze sind froh, dass- zumindest zum Zeitpunkt der Dreharbeiten- diese Grenze nur noch in der Theorie besteht. Der Nachspann und die täglichen Nachrichten zeigen, wie schnell sich das auch wieder ändern kann.

Womöglich kann man also gar nicht so genau sagen, was österreichisch am österreichischen Film ist. Vielleicht sind die vielen Varianten zum Thema Grenze auch ein Weg, sich der Einordnung in nationale Schubladen zu verweigern.

Bei der Eröffnung gab es einige Worte des Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen, der die Frage in den Raum stellte: „ein nationales Festival, aber national, was heißt das schon?“ Das trifft es wohl am besten. National oder österreichisch, das ist, zumindest was die Filmwelt angeht, vor allem eines: menschlich und thematisch bunt und grenzenlos – und unter keinen Umständen ein Nebenschauplatz in der Filmwelt.

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