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Der Wahlkampf für das Verfassungsreferendum in der Türkei nimmt in Österreich besorgniseregende Ausmaße an wie der Fall Sonja Sagmeister zeigt. Foto: Symbolbild | picture alliance/dpa

„Agentin mit Kopftuch“
Wie eine ORF Journalistin im türkischen Wahlkampf in Österreich eingeschüchtert werden soll

Türkischer Wahlkampf wird in Österreich mit harten Bandagen geführt. das merkt auch die ORF Journalistin Sonja Sagmeister als sie darüber berichten will. Und zwar Anfang März dieses Jahres beim Auftritt des türkischen Ex-Abgeordneten Sevki Yilmaz. Dieser wirbt in Wien für ein „Ja“ bei dem anstehenden Verfassungsreferendum in der Türkei. Im Vorfeld bemüht sich die erfahrene Reporterin um eine Akkreditierung beim Veranstalter. Doch vergebens, erzählt Sonja Sagmeister: „Die Entscheidung war trotzdem so, wir gehen hin. Weil wir wollen wissen wie so was abläuft und vielleicht gibt es vor Ort Möglichkeiten, mit Verantwortlichen zu sprechen und ein Stimmungsbild dann im Laufe der Woche dann in der Nachrichtensendung zu bringen.“

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Sonja Sagmeister war langjährige EU und NATO Korrespondentin für den ORF in Brüssel.
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Am Veranstaltungsort angekommen setzt sich die 42 jährige Journalistin ein Kopftuch auf. Der Grund: fast alle Besucherinnen sind so bedeckt und Sagmeister hält es so für einfacher die – wohlgemerkt – öffentliche Wahlveranstaltung zu besuchen. Innen macht die Reporterin Handyaufnahmen und fragt nach Verantwortlichen. „Es ist kein Verantwortlicher aufgetaucht“, erzählt Sagmeister, „sondern es sind fünf bis zehn  Männer aufgetaucht. Schwarz gekleidet. Mit Horcherl, also mit Möglichkeiten mitzuschneiden, mit Kameras in der Hand, mit Smartphones und die sind auf mich zugegangen und die erste Frage war: Sind Sie Moslem?“.  Jede kleinste Bewegung der früheren Auslandakorrespondentin Sagmeister wird nun  gefilmt. Ein Teil der Aufnahmen läuft noch selben Abend im türkischen Fernsehen. In dem Video ist zu sehen und zu hören wie ein Mann die Journalistin fragt; „Tschuldigung, Tschuldigung, Tschuldigung Sind Sie Moslem? Sind Sie nicht.“ Die Aufnahme zeigt deutlich, Sonja Sagmeister wird bedrängt und eingeschüchtert und geht nach draußen. Vor der Türe wartet aber nicht nur ihr ORF – Team, sondern auch Ramazan Aktas,  Sprecher der UETD in Österreich. Ein Ableger der türkischen Regierungspartei AKP. An diesem Tag fungiert der UETD Funktionär Aktas auch als schreierischer Wien Korrespondent des türkischen TV Senders A Haber. Ein Privatsender aus dem Umfeld des türkischen Präsidenten Erdogan. Vor laufender Kamera nimmt Ramazan Aktas die ORF Journalistin Sagmeister nun regelrecht ins Kreuzverhör.

Ramazan Aktas: „Meine Frage ist jetzt warum Sie gerade hier waren mit ihrer Kopfbedeckung, carmoufliert. Fotos gemacht und dann wieder rausgegangen. Aus welchem Grund haben  Sie das gemacht?“

Sonja Sagmeister: „Ist es für Österreicher verboten dort hinein zu gehen?“

Ramazan Aktas: „Nein, aber das war eigenartig von ihrer Seite.“

Sonja Sagmeister: „Also man darf als Österreicher in diese Veranstaltungsraum nicht rein?“

Ramazan Aktas: „Nein, Sie können doch rein. Sie wollen uns nur provozieren.“

 

„Eine kopftuchtragende Agentin“.  Das ist der verheerende Grundtenor des ganzen Auftritts. Dem folgen derart massive Drohungen, dass der Verfassungsschutz aktiv wird. Sonja Sagmeister samt Familie wird verfolgt, via Internet bedroht und niedergemacht und bekommt zeitweise Personenschutz „Das ist eher eine Propagandasendung gewesen, wo man einfach eine Dame, die ihre Aufgaben machen wollte hier einschüchtert und dann als Spion darstellt. Das geht nicht,“ betont Birol Kilic, Vorsitzender der türkischen Gemeinden in Österreich. Jeder Österreicher habe das Recht zu erfahren, was in so einer Wahlveranstaltung gesagt werde. „Und hier haben wir Dinge gesehen, die eigentlich auch nicht zur türkischen Kultur gehören. Dass vier fünf Männer eine Dame verfolgen. Zwar ohne körperlichen Kontakt, sie aber mit einer Kamera verfolgen und ihr Angst machen,“ führt Kilic weiter aus.

Der Verein „Wonder“  in dem die Wahlveranstaltung Anfang März stattfindet hat sich inzwischen von den Vorfällen distanziert. Doch es lohnt sich ein weiterer Blick darauf. „Wonder“ fördert türkische Studierende in Österreich und gilt laut Experten als Kaderschmiede der türkischen Regierungspartei AKP.  Der Grünenpolitiker Peter Pilz mutmaßt, im Thema „Wonder“ könnte weit mehr stecken. „Wir schauen uns diesen extrem dubiosen Verein sehr, sehr genau an. Wir schauen uns insbesondere alles um die Person Bilal Erdogan, dem dritten Sohn des türkischen Präsidenten, an. Gegen den gibt ja die Geldwäschegeschichte in Italien. Dahinter gibt’s Stiftungen und wir müssen uns anschauen ob hier wesentliche Beträge nach Österreich geflossen sind, ob sich die Geldwäscheaktivitäten nicht von Italien  nach Österreich verlagert haben.“ Pilz spricht zudem von einer „Erdogan-Stasi“. Funktionäre des österreichischen Moscheevereins ATIB würden Türkinnen und Türken würden am Arbeitsplatz und privat systematisch einschüchtern. Und nicht nur sie. „Der Fall Sagmeister zeigt,“ so Pilz, „dass das jetzt auch in Richtung österreichischen Journalistinnen geht und das wird es jetzt noch heikler. Das Grundproblem ist, dass es einige Erdoganleute gibt, die gut organisiert sind, die sehr viel Geld haben, die direkt ihre Befehle aus Ankara bekommen und die jetzt türkische Staat in Österreich spielen. Und das werden wir ihnen abgewöhnen.“

Rückhalt für Sonja Sagmeister kommt auch vom ORF und vielen Kollegen.  Wie ihr umgegangen worden sei, habe eine völlig neue Dimension, Dieter Bornemann, Sprecher der ORF Journalisten Doch er übt auch  Selbstkritik. „Offensichtlich ist es so, dass wir als österreichische Medien zu wenig in der Community unterwegs sind. Wir brauchen auch Leute, die türkisch können, die in der Community zuhause sind, die darüber auch Berichterstattung machen. Das ist in den österreichischen Medien offensichtlich zu wenig der Fall.“ Lohnen würde sich das auf alle Fälle. Denn der türkische Wahlkampf wird in Österreich wohl weiter mit harten Bandagen geführt.

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