102 Menschen, darunter Frauen und Kinder werden hier festgehalten. Einige warten schon seit mehr als sechs Monaten auf eine Asylentscheidung. Deswegen sind jetzt viele von ihnen in den Hungerstreik getreten. Foto: BR | Attila Poth

Hungerstreiks in Ungarn
„Wir sind keine Kriminellen, wir sind Flüchtlinge“

Békéscsaba, im Südosten Ungarns. Auf der Straße riecht es nach verbranntem Holz, die Wurstfabrik arbeitet auf Hochtouren. Gleich gegenüber der Fabrik, in der Paprikawürste produziert werden, liegt das geschlossene Flüchtlingsheim. Gitter und Maschendrahtzaun schirmen es von der Umwelt ab. Immer wenn sich ein Reporter mit Kamera oder Mikrofon nähert, gehen die Fenster auf. „Hilfe, wir sind Flüchtlinge, keine Kriminellen“, ruft einer der verbitterten Männer aus dem Innern des Gebäudes. Seit einem halben Jahr schon leben sie hinter Gittern, erzählen sie. Nichts passiert.

Es ist ein geschlossenes Flüchtlingslager, in dem die Fremden eingepfercht sind. Sie sagen, die Zustände im Haus seien wie in einem Gefängnis. Jetzt sind sie in einen Hungerstreik getreten, um gegen die Umstände und die Aussichtslosigkeit zu protestieren. „Nirgends in Europa sonst gibt es geschlossene Flüchtlingscamps. Wir sind keine Verbrecher“, schreien die Männer durch die Gitter. „Warum nehmen uns die Ungarn unsere Zukunft weg? Bitte, hilf uns!”, flehen sie mich an. Ein Polizist nähert sich, verlangt meinen Personal- und Presseausweis. „Sie dürfen mit diesen Ausländern nicht reden“, sagt er. „ Sie können Aufnahmen machen, aber Sie dürfen kein Gespräch mit ihnen führen”, bestimmt er. Meine Dokumente müsse er kontrollieren.

In Békéscsaba leben derzeit etwa hundert Flüchtlinge, meist aus Afghanistan, Syrien, Pakistan. Es sind nicht nur Männer, sondern auch Frauen und sogar Kinder unter ihnen.  „Etwa Zwei Drittel der Menschen im Lager sind schwer traumatisiert”, erzählt Psychologin Mária Barna von der Cordelia Stiftung, die den Flüchtlingen Hilfe anbietet. „Viele sind gefoltert worden“, sagt sie, „oder sie sind durch Kriege in ihren Heimatländern traumatisiert.“ Sie brauchten eine bessere Versorgung als sie momentan bekämen, meint die Psychologin. Die Zustände in Békéscsaba seien zwar nicht die schlimmsten, „aber niemand weiß, wie lange sie dort bleiben. Sie dürfen kein Handy haben, es gibt nur ein Münz-Telefon, der Internetzugang ist begrenzt, Besucher dürfen sie nicht empfangen“. Die ungarischen Behörden sagen, die Flüchtlinge bekämen in Békéscsaba alles, was sie brauchten. Verpflegung, medizinische Hilfe. „Auf dem Papier scheint alles ok zu sein“, meint die Psychologin. Die Praxis sehe aber anders aus. Das fängt bei der Kommunikation an: „Die Ärzte können höchstens Englisch. Wenn sie weg sind, können die Krankenschwestern mit den Leuten kaum reden“.

Flüchtlingslager Békéscsaba in Ungarn

„Please open,“ rufen die Flüchtlinge. Manche sind hier schon seit einem halben Jahr interniert. Sie dürfen das Lager nicht verlassen und haben dort nicht einmal einen Internetzugang, um mit ihren Familien in Kontakt zu bleiben.  Video: BR | Attila Poth

Die Regierung plant jetzt, dass künftig alle Flüchtlinge in sogenannten Transitzonen an der Grenze konzentriert werden und sich im Land nicht frei bewegen dürfen, solange keine Entscheidung über ihren Asylantrag gefallen ist. Darüber sollen die Behörden innerhalb von nur drei Tagen im Eilverfahren entscheiden. In den Transitzonen sollen die Leute in Containern untergebracht werden, auch unbegleitete Jugendliche, die älter als 14 Jahre sind.

„Ich habe mit einem jungen Mann gesprochen, der Selbstmord begehen wollte“, erzählt Lydia Gall, Mitarbeiterin der Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch. „Er verstand nicht, was mit ihm geschieht. Er dachte, in Europa sei er in Sicherheit und nicht im Gefängnis“, sagt sie. Sie glaubt, dass die neuen Regeln nur ein Ziel haben: Potentielle Asylbewerber abzuschrecken.

Die Menschen, die in Békéscsaba fest sitzen, warten nun auf Hilfe von außen, von der EU. Sie glauben, hier gelten Menschenrechte noch etwas. In der Hauptstadt Budapest macht unterdessen der Viktor Orbán, des EU-Mitgliedsstaates Ungarn klar, was er von Asylpolitik hält: Nichts. Begleitet von den Trillerpfeifen seiner Kritiker wettert er am Gedenktag für den Aufstand gegen die Habsburger 1848 gegen die „Brüsseler Bürokraten“. Ungarn müsse seine Grenzen verteidigen und dagegen kämpfen, dass Flüchtlinge angesiedelt würden, sagt er.

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Kommentare (3)

Klaus von Winsfeld am

Von jede(r/m) kann verlangt werden, dass bevor sie/er eine Grenze überschreitet, sich im Besitz von zugelassenen Dokumenten befindet. (…) Wer diesem nicht Folge leistet, sollte einigesperrt und deportiert werden. (Der Kommentar wurde auf Grund der Kommentarrichtlinien redaktionell gekürzt.)

Mulinski am

Um wag geht es? Schutz vor Verfolgung und die ist in Ungarn gegeben, die Asylsucher haben eine Unterkunft und sind in Sicherheit, was soll dann dieser reißerische Artikel?

Anton Meier am

Wie kann man so viel negativen Unsinn über Ungarn verbreiten?

Wie können sie es für gutheißen eine Maßnahme zu kritisieren, die sie und die Bürger eines Landes direkt schützen. Wir wissen nichts über diese Leute. Sind es Kriminelle die vor der heimatlichen Justiz fliehen? Fliehen sie etwa vor der Armut? Oder sind es Menschen mit ganz anderen Absichten?

Sehr geehrter Herr Póth, es ist mir sch. egal mit wem sie ihr Hab und Gut teilen oder mit welchen Menschen sie verkehren wollen. Aber heizen sie in solchen Propagandaberichten kein gesetzwidriges Verhalten an. Und für solche Beiträge erhalten sie auch noch Geld von den öffentlichen Sendern, die vorher den Haushalten ohne wenn und aber entnommen wurde. Ein Trauerspiel ist das, ein echtes Armutszeugnis!

Ich hoffe, dass solche Positionen bald der Vergangenheit angehören und auch anderswo Gerechtigkeit einkehrt bzw. die, die für diese Situation verantwortlich sind, auch zur Verantwortung gezogen werden.

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