'Kostenloser Haarschnitt' - hier muss niemand für irgendetwas bezahlen. hier für nichts. Magdolna Rozsa bietet nicht nur Schminken, Maniküre, oder Frisieren an, sondern auch Gruppentherapien, Übungen fürs Selbstvertrauens und zur Persönlichkeitsentwicklung. Foto: BR | Attila Poth

'Werkstatt Spiegelbild' in Budapest
Wo Menschen in Not umsonst schöner werden können

Ein Schönheitssalon ohne ein großes, buntes und protziges Ladenschild über der Eingangstür – das ist eher ungewöhnlich in Budapest. Doch in Zuglo, im 14. Bezirk,  gibt es so einen Salon. Nicht einmal ein Schild weist darauf hin, dass sich hinter der Tür überhaupt ein Schönheitssalon befindet. Nur ‚Tükörkep Mühely‘ steht unscheinbar auf der weißen Tür, was auf Deutsch ‚Werkstatt Spiegelbild‘ bedeutet. Eine gutgelaunte, lächelnde Frau öffnet mir. „Kommen Sie rein, die erste Kundin ist schon hier“, bittet mich Magdolna Rozsa hinein. In dem großen weißen Raum gibt es einen Friseursessel, einige Stühle mit der Aufschrift ‚free haircut‘ und ein Tisch für Maniküre. In der Ecke stehen Kindertisch und Kinderstühle mit Bleistifte und Papier zum Zeichnen. „Falls jemand mit Kindern kommt“, erklärt Magdolna.

 

Andrea Szego ist alleinziehende Mutter und arbeitslos. Nächste Woche wird im Bezirk eine Jobbörse organisiert. Sie möchte hingehen und hofft darauf, eine Arbeitsstelle zu finden. Sie möchte schöne Nägel haben und ist deswegen zu Magdolna gekommen. „Ich finde diese Möglichkeit toll. Gut, dass es so was gibt. Ich kann mir keinen Friseur oder Maniküre leisten. Und bei der Arbeitssuche gibt es mir mehr Selbstvertrauen, wenn ich es weiß: mein Aussehen ist ordentlich und sogar schön“, erklärt Andrea.

 

Andrea Szegö (li.) ist alleinziehende Mutter und arbeitslose. Magdolna Rozsa (re.) ist ausgebildete Kosmetikerin, Friseurin und Sozialarbeiterin und selbst Mutter von zwei Kindern. Foto: BR | Attila Poth
Andrea Szegö (li.) ist alleinziehende Mutter und arbeitslose. Magdolna Rozsa (re.) ist ausgebildete Kosmetikerin, Friseurin und Sozialarbeiterin und selbst Mutter von zwei Kindern. Foto: BR | Attila Poth

Wer sich von Magdolna ‚in Schuss bringen lassen will‘ muss sich erst beim Familienzentrum des Bezirks registrieren. Dort wird entschieden, ob jemand einen Gutschein für Schönheitsbehandlung in der ‚Werkstatt Spiegelbild‘ bekommen kann. „Besonders strenge Kriterien gibt es da nicht. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entscheiden einfach darüber, ob jemand bedürftig ist oder nicht“, erklärt Rebeka Szabo, Vizebürgermeisterin des Bezirks und verantwortlich für Sozialfragen. „Es geht vor allem um die Menschen, die Arbeit suchen. Aber wir kümmern uns auch um unsere Senioren und junge Menschen in unserem Bezirk. Es gibt Familien, in denen sich es die Eltern nicht leisten können, ihrem Teenager eine moderne Frisur zu zahlen. Die kriegen dann auch einen Gutschein“, versichert die Lokalpolitikerin.

Im 14. Bezirk der ungarischen Hauptstadt stellt die oppositionelle Partei Parbeszed Magyarorszagert (Dialog für Ungarn) die Mehrheit. Obwohl es im Bezirk schon einige Initiativen zur Unterstützung von Armen und Obdachlosen gibt, war man im Stadtrat erst kritisch und fragte sich, ob es nicht dringlicheres als einen Schönheitssalon gäbe. Aber der Erfolg gab den Fürsprechern schon nach einem Monat Recht. „Einige, die bei Magdolna waren, haben dann auch einen Job bekommen. Natürlich können wir nicht mit Gewissheit behaupten, dass sie nur wegen ihrer Frisur, Schminke oder Maniküre so erfolgreich waren, aber die Schönheitsbehandlung hat ihnen sicherlich geholfen“, lächelt Szabo. Das ganze Projekt finanziert die Bezirksverwaltung – von den Räumlichkeiten, der Renovierung, der Ausstattung bis hin zu den laufende Kosten, doch Spenden sind immer willkommen.

 

Rebeka Szabo, die Vizebürgermeisterin des Stadtbezirks Zuglo. Sie hat sich für die Eröffnung und Finanzierung des Salons eingesetzt. Für die Renovierung und Ausstattung wurden rund 13.000 Euro ausgegeben. Foto: BR | Attila Poth
Rebeka Szabo, die Vizebürgermeisterin des Stadtbezirks Zuglo. Sie hat sich für die Eröffnung und Finanzierung des Salons eingesetzt. Für die Renovierung und Ausstattung wurden rund 13.000 Euro ausgegeben. Foto: BR | Attila Poth

Magdolna Rozsa schneidet Obdachlosen und Armen seit mehr als zehn Jahren ehrenamtlich die Haare, feilt und lackiert ihre Nägel und sorgt einfach dafür, dass sie gepflegt aussehen. Der Salon wurde Mitte Januar eröffnet. „In Medien steht immer, dass es um einen sozialen Schönheitssalon geht, aber das stimmt nicht ganz. Hier geht es um viel mehr als nur Frisur, Maniküre und Schminke “, sagt die ausgebildete Kosmetikerin, Friseurin und Sozialarbeiterin. „Hier geht es auch um Persönlichkeitsentwicklung, wir machen Gruppentherapien und Übungen zur Stärkung des Selbstvertrauens“, erklärt Magdolna und feilt munter am Nagel ihrer Kundin. „Arbeitssuchende können hier Hilfe bekommen. Jeder fühlt sich viel besser und selbstbewusster mit einer schönen Frisur und diskret geschminkt, zu einem Vorstellungsgespräch zu gehen“, sagte die alleinziehende Mutter. „Es passiert oft, dass er oder sie keine ordentliche Jacke, oder kein passendes Kleid für ein Jobinterview hat. Ich nehme auch Kleiderspenden an, und die Kunden können sich im Hinterzimmer passende Kleidung auswählen und mitnehmen.“

 

Magdolna versucht mit immer neuen Ideen, ihren Mitmenschen mit dem Salon zu helfen. So hat sie inzwischen eine Facebook-Seite für die Initiative. „Es passiert oft, dass etwas ausgeht. Oder es wäre toll bestimmte Kleider, Hosen, Schuhe usw. für Arbeitsuchende zu haben. Dann poste ich das, und die Unterstützung kommt sofort. Es gibt immer großzügige Menschen“, freut sich Magdolna. „Neulich sammelte ich Fahrkarten. Warum? Weil meine Kunden oft kein Geld für Bus, Metro oder Straßenbahn haben. Und so drücke ich ihnen eine Fahrkarte in die Hand und sie verpassen ihre Vorstellungsgespräche dann nicht.“, erklärt Magdolna Rozsa.

Magdolna ist sehr froh, dass sie den Leuten auf diese Weise helfen kann. „Ich habe in Brüssel als Gastarbeiterin in einem Wellnesszentrum gearbeitet. Da habe ich es immer gehasst, als es zum Bezahlen kam. Ich habe es einfach so oft vergessen, Geld zu verlangen. Hier bezahlen am Ende die Kunden gar nichts und das erleichtert mir die Arbeit ungemein. Endlich kein Rummel mehr um Geld“, lächelt sie glücklich. Und ihre Pläne für die Zukunft? „Wenn ich doch irgendwie zu einer Menge Geld kommen sollte, dann würde ich eine Stiftung gründen, und landesweit eine soziale Schönheitssalonkette ins Leben rufen. Das ist mein Traum.“

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