Schauplatz des politischen Missbrauchs von 1998 im Dorf Kamenica anlässlich der Einweihung eines der längsten und kompliziertesten Tunnels. Die 300 Meter Schienen, die auf dem Plateau des künftigen Bahnhofs gelegt wurden, blieben ironischerweise auch der einzige fertige Abschnitt der Strecke. Zeitzeugen berichten, dass zu dem Zeitpunkt nicht mal der Tunnel wirklich fertig war. Der Durchbruch vor den Kameras des Staatsfernsehens soll inszeniert worden sein. Foto: BR | Dejan Stefanovic

´Verfluchte Bahnstrecke´
Seit über 100 Jahren wartet man im serbischen Valjevo auf den Zug

Die Bewohner Westserbiens haben wirklich kein Glück. Die Initiative, Zentralserbien über die beiden Städte Valjevo  und Loznica mit Bosnien und Herzegowina zu verbinden, gab es schon Ende des 19. Jahrhunderts. Doch der Bau der nur 68 Kilometer langen Strecke wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts viermal begonnen und musste genauso viele Male unterbrochen werden – der Grund war immer der selbe: Kriegsausbruch:
1914: 1. Weltkrieg
1941: 2. Weltkrieg
1991: Jugoslawienzerfallskrieg
1999: NATO-Intervention gegen (Rest-)Jugoslawien.

Schnell bekam die Strecke im Volksmunde, aber auch in den Medien Namen wie „Kriegsbahn“, „verfluchte Bahn“ oder „hundertjährige Bahn“. In den letzten Jahren wurde immer wieder über die Möglichkeit gesprochen, dass die Strecke „zu Ende“ gebaut wird, denn offiziell sind etwa 40% des Projektes, bis auf die Schienenverlegung  selbst, umgesetzt worden. Die meisten Tunnels und Brücken sollen bereits ganz oder größtenteils fertig sein, etwa 50 Millionen Euro soll das Vorhaben bereits verschlungen haben. Woran liegt es, dass für die Entwicklung dieser Region Westserbiens angeblich so wichtiges Infrastrukturprojekt, das auch den frequenten Eisenbahnkorridor 10 aus dem Westen Richtung Südosteuropa entlastet und verkürzt, nie fertig wird?

„Nach hundertjährigem Warten haben wir einen Dokumentarfilm bekommen“, lautete um den Jahreswechsel die ironische Überschrift zu einem Fernsehbeitrag im serbischen Fernsehen, der mich wieder auf das Thema aufmerksam machte. Wie konnte der Film anders heißen als „Hundert Jahre des Erwartens“, sagt mir die 28-jährige Journalistin Ivana Pavlovic, die den Film im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Belgrader Fakultät für politische Wissenschaft drehte. Getroffen haben wir uns am Ausgangspunkt, am Bahnhof von Valjevo, neben den verrosteten und mit Unkraut verwachsenen Gleisen, die in den 90er Jahren für die Strecke nach Loznica gelegt wurden. Ivana selbst stammt aus Osecina, einem Städtchen ziemlich in der Mitte der geplanten Verbindung. Mit den Geschichten über die Eisenbahn sei sie aufgewachsen, viele habe sie von ihrem Großvater gehört, erzählt sie mir. Vom Film habe man ihr abgeraten – zu kompliziert, zu viel Politik warnte man sie. Denn der damalige serbische und später jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic und seine Sozialistische Partei erklärten Anfang der 90-er Jahre den Bau der Strecke zu ihrer Hauptinvestition und missbrauchten ihn mehrmals gnadenlos zu Propagandazwecken.

Teil einer solchen „Vorstellung“ fürs Volk, die die Hoffnungen der Menschen wieder wecken sollte, wurde 1998 ungewollt auch Ivana selbst, als sie bei dem feierlichen Durchbruch eines der längsten und kompliziertesten Tunnel beim Dorf Kamenica Teil des Bühnenprogramms war. Für das Spektakel wurden extra paar Hundert Meter Schienen gelegt, ein roter, speziell zum Büro-und Konferenzwagen umgebauter Eisenbahnwaggon per LKW aus Valjevo hertransportiert und aufgestellt. Mehrere Tausend Menschen versammelten sich, die 10-jährige Ivana tanzte mit ihrer Folkloregruppe im Hintergrund, Ochsen drehten sich am Spieß, die lokale und die politische Führung aus Belgrad hielten Reden. „Politiker winkten vom Fenster des Waggons in die Kameras, alles war so geschickt präsentiert, als stünde bald die Einweihung der ganzen Strecke bevor. Kein Wunder, dass es Tag darauf Menschen gab, die den Bahnhof in Valjevo anriefen, um Fahrkarten nach Loznica zu reservieren“, erzählt sie schmunzelnd über die Erkenntnisse ihrer Recherchen. Nach der NATO-Intervention 1999 wurden die Arbeiten fortgesetzt, das Aus kam allerdings nach Milosevics Machtverlust im Jahr 2000 – bei der neuen demokratischen Regierung hatte die Strecke keine Priorität mehr. Der „rote Waggon“, der noch einige Jahre dort stehen blieb sowie  die Feier von Kamenica gingen in das kollektive Gedächtnis der Lokalbevölkerung ein, die 300 Meter Schienen blieben als einzig „kompletter Abschnitt“ der Strecke verzeichnet. Das zeige, so Ivana, dass die Bezeichnung „Kriegsbahn“ eigentlich falsch sei, weil Kriege den Bau vorübergehend hätten stoppen, aber nur politische Entscheidungen wirklich einstellen können.

Ich bin gespannt, ob ich Einheimische treffe, die an einen Fluch glauben oder gar wieder einen Krieg fürchten, falls der Bau fortgesetzt wird. Auch in der Stimme ihres Großvaters sei immer eine gewisse Besorgnis zu hören gewesen, wenn er darüber erzählt habe, sagt mir Ivana bei der Verabschiedung. Ich fahre von Valjevo Richtung Osecina, Ivanas Heimatort. Es ist eine bergige Landschaft, die Straße folgt in scheinbar endlosen Kurven dem Tal eines kleinen Flüsschens. „Alles Quatsch, lauter Ammenmärchen“, kommentiert knapp und resolut die 52-jährige Branka, die im Dorf Pricevic eine klassische serbische Dorfkneipe betreibt, als ich sie auf den Ruf  des Bauvorhabens anspreche. „Ob die Eisenbahn gebaut wird, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass die ganze Gegend menschenleer bleiben wird, falls sich nichts ändert. Die Eisenbahn könnte da was bringen“, sagt sie ziemlich resigniert und spricht das Hauptproblem an, das aus ihrer Sicht die Folge der jahrzehntelangen Vernachlässigung der Region ist – die Landflucht. Dabei gäbe es genügend Möglichkeiten, denn die Gegend ist seit jeher für den Obstanbau bekannt und Osecina selbst gilt als die serbische Hauptstadt der Pflaume.

Der 86-jährige Pavle Lukic lebt alleine mit seiner Ehefrau im benachbarten Dorf Tupanci, auf einem wunderschönen Hügel. Mehrere Häuser auf dem gut ausgestatteten Bauernhof stehen leer, seine Söhne und Enkelkinder leben alle in Valjevo und Belgrad. Früher habe er Land hinzugekauft, jetzt gebe es niemanden, der es bearbeiten könne, erzählt er mit trauriger Stimme. Er erinnert sich ganz gut an den Bau der Strecke zwischen 1939 und 1941, als Pferde und Ochsen die Pritschenwagen mit abgetragener Erde zogen. Umso mehr ist es ihm unverständlich, dass bei so viel moderner Bautechnik, er einen Zug unterhalb seines Hauses höchstwahrscheinlich nicht mehr erleben werde. „Kriegsbahn? Verflucht? Davon kann keine Rede sein. Die  Machthaber hatten doch fast 50 Jahre Zeit, diese 68 Kilometer fertigzustellen und haben es trotzdem nicht getan.

„Doch, doch, da ist was dran“, schüttelt der pensionierte Dorflehrer Srba aus Kamenica den Kopf, „jedes Mal kam irgendein Unheil über uns“. Ich treffe ihn im Hof eines kleinen Holzsägewerks am Dorfrand. Ob die Strecke irgendwann fertiggestellt wird, will ich von ihm wissen. Er könne es nicht wissen, sagt er, der kleine Mann werde sowieso nicht gefragt. Immer hätten andere Interessen überwogen und das Geld anderswo umgeleitet. Er hoffe es trotzdem, sagt er und zeigt mir auf das stolze Gebäude der im Jahr 1824 errichteten Dorfschule. „Die Zahl der Schüler hat sich in den letzten Jahren halbiert. Hier findest du nur noch Seniorenhaushalte, die langsam aussterben. Vielleicht lässt sich das noch aufhalten“, sagt er fast flüsternd. Der 37-jährige Rade, Besitzer der Sägemaschine, ist sich hingegen sicher, dass aus der Eisenbahn nichts mehr wird: „Zu spät. Es gibt keine Industrie mehr, die Menschen sind weggezogen. Für wen soll sie denn gebaut werden? Die haben doch bis jetzt nur unnötig das Geld verschwendet. Nichts werden sie mehr darin investieren“. Aber Rade sieht ein noch viel größeres Problem, was durch die Landflucht entstanden ist: es gäbe kaum noch jüngere, heiratswillige Frauen, die auf dem Lande leben wollten. Vor 3 Jahren heiratete er eine Frau aus Albanien, aus Shkodra am Skutarisee. 2 weitere Männer aus dem Dorf folgten seinem Beispiel.

Etwa 300 Millionen Euro und 2 Jahre Bauzeit wären Schätzungen nach für die Fertigstellung des Projektes notwendig. Und das Geld war 2012 fast gesichert, das Warten schien langsam sein Ende zu haben: 300 von insgesamt 800 Millionen Dollar aus dem russischen Kredit für die Erneuerung der serbischen Eisenbahnen waren für die Fertigstellung geplant. 2013 wurde das Geld aber für die Erneuerung eines Abschnitts der Strecke Belgrad-Budapest umgeleitet. Die Entscheidung der Eisenbahnführung wurde mit einer „Ohrfeige“ verglichen, Proteste und Appelle aus Valjevo, Osecina und Loznica brachten nichts. Ob Ivanas Dokumentarfilm „Hundert Jahre des Erwartens“ irgendwann eine zweite Folge haben wird? Die aus ihrer Sicht letzte Chance, dass die Strecke jemals gebaut wird, sieht Ivana in der direkten Eisenbahnverbindung Belgrad-Sarajevo, einem regionalen Projekt, das im Rahmen des von Deutschland initiierten „Berliner Prozesses“ 2015 in Wien vorgestellt wurde und mit internationaler Finanzhilfe umgesetzt werden sollte. Der Haken an der Sache: Für den Streckenverlauf bis zur bosnisch-herzegowinischen Grenze gibt es noch eine alternative Variante. Die Chancen stehen also 50:50 für die Menschen zwischen Valjevo und Loznica. „Sollte sie wirklich wieder weitergebaut werden? Vermutlich wird es nicht wieder Krieg geben, aber uns könnte ja ein anderes Unheil ereilen. Vielleicht zerfällt die EU?“, fragt sich der etwas abergläubische Dorflehrer Srba.

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