Nicht immer sind die Bedingungen auf dem fast 4.000 Kilometer Marsch von Berlin nach Aleppo günstig. Foto: Daniel Kempf-Seifried

Ein Jahr geschlossene Grenzen - Geschichten entlang der Balkanroute
Ahmed aus Aleppo läuft zurück

Rogatec ist ein kleiner Ort an der slowenisch-kroatischen Grenze und das Kulturzentrum dort hat sich an diesem Abend in ein Schlaflager verwandelt. Überall liegen bunte Schlafsäcke und vollgepackte Rucksäcke.  Ein paar Leute kochen gerade, andere machen sich ein Bier auf, in einer Ecke gammelt ein sehr müder schwarz-weißer Hund. Rund 35 meist junge Menschen sind im Saal. Wir unterhalten uns mit ihnen, erfahren woher sie kommen und wie lange sie mitgehen wollen. Alle sind sehr offen und interessiert. Ahmed ist der einzige Syrer unter ihnen und er möchte lieber nicht fotografiert werden. Weil er sich der Einberufung zur Armee entzogen hat musste er Syrien verlassen. Würde er zurückkehren, bekäme er als Deserteur große Schwierigkeiten. Seine Eltern und sein kleiner Bruder sind aber noch in Aleppo. Er hat Angst um sie und möchte deswegen nicht erkannt werden. Vor einem Jahr lief Ahmed über die sogenannte Balkanroute. Von Syrien aus in die Türkei, dann weiter nach Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn bis nach Österreich, wo er Asyl bekommen hat.

Ich hatte zuvor keine Ahnung, was die Balkanroute ist. Wir haben in Griechenland einfach kleine Gruppen gebildet und sind losgelaufen. Ich gehe jetzt fast den gleichen Weg, aber es ist ein anderes Gefühl, denn auf dem Hinweg war ich ja gezwungen. Jetzt habe ich die Wahl, etwas für mein Land zu tun, für den Frieden und dann kommt die Freiheit vielleicht auch wieder zu mir zurück.

Ahmed aus Aleppo
Der Marsch von Berlin bis Aleppo ist fast 4.000 Kilometer lang. Grafik: civilmarch.org
Der Marsch von Berlin bis Aleppo ist fast 4.000 Kilometer lang. Grafik: civilmarch.org

Der dunkelhaarige Ahmed ist im Moment wieder unterwegs auf dem Balkan. Dieses Mal läuft 28 jährige allerdings in umgekehrter Richtung.  Denn Ahmed macht mit beim „Civil March for Aleppo“, beim Bürgermarsch für Aleppo. Eine Friedensaktion initiiert von einer Deutschen, bei der Menschen seit Ende Dezember 2016 von Berlin aus nach Aleppo unterwegs sind. Seit dem Beginn des Marsches sind insgesamt rund 2.000 Menschen mitgelaufen aus fast 30 Ländern.  Manche wandern nur ein paar Stunden mit, andere ein Woche, wieder andere gehören zum harten Kern. Ahmed ist dabei, seit die Gruppe durch Österreich kam.  „Ich gehe fast den gleichen Weg“, sagt er leise,  „aber es ist ein anderes Gefühl. Denn auf dem Hinweg war ich ja gezwungen  zu kommen, war gezwungen, meine Stadt meine Familie zu verlassen.“  Viele Flüchtlinge die Europa erreicht hätten, wären erst einmal krank geworden, erzählt Ahmed. Er selbst hat in Österreich inzwischen Asyl bekommen, lebt nun in Vorarlberg und will Sozialarbeit studieren. Seine zerbombte Heimatstadt Aleppo verließ er, als ihm in Syrien der Militärdienst drohte  und er sich diesem entzog.  Er gilt damit als Deserteur und sollte er nach Syrien zurückkehren, bekäme er große Schwierigkeiten.  Ahmeds Eltern und sein 18 Jahre alter Bruder blieben in Aleppo zurück, weswegen Ahmed auch seinen Familiennamen lieber  verschweigt.  Schon in Syrien war Ahmed Student und hat sich gegen Präsident Assad aufgelehnt. Damals verspürte auch er eine hoffnungsvolle Aufbruchsstimmung. Doch nach sechs Jahren  Krieg, meint Ahmed, wollten die Menschen nur noch eins: Frieden. „Denn jeder Mensch hat doch das Recht am Leben zu bleiben“, meint Ahmed ernst.

 

Der Spruch aus längst vergangenen Zeiten ist immer noch aktuell. Foto: Daniel Kempf-Seifried
Der Spruch aus längst vergangenen Zeiten ist immer noch aktuell. Foto: Daniel Kempf-Seifried

Darauf möchte auch Lea aufmerksam machen. Jeder kann bei uns mitlaufen erzählt die Studentin.  Sie habe nicht damit gerechnet, dass sie von den Menschen unterwegs so gut angenommen würden, meint die blonde 23 jährige. Oft könnten sie umsonst übernachten oder die Menschen würden etwas kochen. Unterwegs macht die Gruppe auch kleine Theateraktionen oder erzählt in Schulen von ihrer Idee, für den Frieden zu laufen und auf den Krieg in Syrien aufmerksam zu machen. Der „Civil March for Aleppo“ ist gut organisiert. Rucksäcke werden transportiert, die Sicherheitslage oder die Laufgeschwindigkeit sind ein Thema, für die Versicherung muss aber jeder Teilnehmer selbst sorgen, erzählt Alexander. Er ist selbstständig und hat sich für die Aktion freigenommen. Alexander kommt aus dem Schwarzwald in Deutschland, Lea stammt aus Norwegen, andere aus Polen, Finnland, Belgien, Deutschland oder Frankreich, so wie Antoine. Der grauhaarige Grafikdesigner im grünen, fast eleganten Outfit,  gehört mit Mitte 50 zu den älteren Teilnehmern. Aber er scheint wütend wie eh und je.

Unglücklicherweise treffen wir vor allem Menschen, die gut finden was wir machen, es wäre phantastisch, wenn wir welche treffen, die gegen uns sind. Dann könnten wir sie überzeugen, dass das was wir tun aus Gründen der Menschlichkeit wichtig ist – und dann könnten wir verstehen ,warum die Menschen Angst vor Flüchtlingen haben und warum sie es nicht wagen, die Situation in Syrien zu lösen.

Antoine, Grafikdesigner und Teilnehmer aus Frankreich

Frieden in Syrien. Das ist auch für Ahmed ein Herzenswunsch. Er ist der einzige Syrer in der Gruppe und der bisher einzige für den Krieg weit mehr bedeutet als nur ein unangenehmes Wort. Das wird sich mit den Begegnung in den Balkanländern ändern, wo viele Menschen mit Kriegserfahrungen leben. Jeden Tag stellt sich die Gruppe eine Frage des Tages und Ahmed  sprach das Schwierigste an. „Ich fragte wie geht dieser Marsch nach Aleppo hinein? Und  wir hörten eine Menge Meinungen. Aber am Ende merkten wir,  dass wir diese Frage nicht beantworten können. Die Situation dort ändert sich so schnell, aber ich bin hier und vielleicht kann ich ihnen helfen zu verstehen was dort passiert.“ Die Teilnehmer wollen einen Brief an ihre jeweiligen Botschaften schreiben und hoffen von dort auf Unterstützung. Doch je näher sie Aleppo kommen, desto schwieriger wird es sicher werden und viele rechnen schon in der Türkei mit Schwierigkeiten. Ahmed kann und will nicht bis Aleppo gehen. Spätestens an der türkischen Grenze wird seine selbstbestimmte Balkanroute ohnehin zu Ende sein, wegen seiner Papiere. Die Idee des „Civil March for Aleppo“ hat ihn von Anfang an fasziniert und die Menschen seien wie eine Familie für ihn geworden. Ob er aber den Frieden und die Freiheit findet, die er sucht? Solange sich die Lage in Syrien nicht ändern, wohl eher noch nicht.

Jeder Mensch hat das Recht zu leben. Ich werde wirklich oft gefragt bist du glücklich? Zum Beispiel in Österreich. Ich kann nicht sagen, dass ich glücklich bin, aber ich kann sagen, ich lebe noch.

Ahmed aus Aleppo

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Grafik: APA-Grafik / picturedesk.com
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Kommentare (1)

Noah am

Die Initiatorin des Marsches ist Polin, keine Deutsche!

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