Man nennt sie wegen ihrer Form 'die schlafenden Löwen'. Hunderte - in ihrer Art weltweit einzigartige - Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof von Sarajevo. Foto: BR | Eldina Jasarevic

Der zweitgrößte jüdische Friedhof Europas
Die schlafenden Löwen von Sarajevo

Von einem Hügel oberhalb von Sarajevo blicken rund 4.000 „schlafende Löwen“ seit Jahrhunderten auf die bosnische Metropole. Die ältesten von ihnen sitzen hier seit Mitte des 17. Jahrhunderts, nachdem die vor der Inquisition auf der iberischen Halbinsel flüchtenden sephardischen Juden Zuflucht in Bosnien gefunden hatten. Bosnien stand damals unter osmanischer Herrschaft. Mit „schlafenden Löwen“ sind die Grabsteine auf dem alten jüdischen Friedhof Borak in Sarajevo gemeint, dem nach Prag zweitgrößten in Europa .
Warum diese Grabsteine die Form eines schlafenden Löwen im Sitzen haben, konnte bisher niemand genau beantworten. Sie sind einzigartig und auf keinem jüdischen Friedhof der Welt sind ähnliche zu finden. Die Parallele zu den bosnischen mittelalterlichen Grabsteinen „stecci“ ist aber nicht zu übersehen. „Stecci“ hatten eine ähnliche Sarkophag-Form, so dass man in den steinernen „schlafenden Löwen“ die Verbindung der sephardischen Juden mit ihrer neuerworbenen Heimat vermutet.

So blicken die 'Löwen' seit Jahrhunderten auf ihre Stadt Sarajevo. Foto: BR | Eldina Jasarevic
So blicken die 'Löwen' seit Jahrhunderten auf ihre Stadt Sarajevo. Foto: BR | Eldina Jasarevic

Der Friedhof überlebte viele Kriege, die Shoah. Aber der Bosnien-Krieg hat ihm zugesetzt. Wegen seiner strategisch wichtigen Lage am Belagerungsring um Sarajevo stationierte die Armee der bosnischen Serben auf dem Friedhof ihre Artillerie und ihre Heckenschützen. Fast vier Jahre lang wurde von dort die belagerte Stadt beschossen.

Nach dem Krieg wurden von dem Friedhofsgelände mehr als 70 Landminen und 100 nicht entschärfte Artilleriegranaten entfernt. Umfangreiche Restaurierungs- und Renovierungsarbeiten waren nötig, um diesen historisch so bedeutenden Friedhof zu retten. Einige Grabsteine zeugen heute noch von den erbarmungslosen Gefechten der beiden verfeindeten Armeen.

2004 wurde der Friedhof vom Staat Bosnien und Herzegowina zum Nationalmonument erklärt und jetzt will ihn die Stadt Sarajevo für die UNESCO Kulturerbe-Liste nominieren. Geplant war das schon vor fast drei Jahrzehnten. Fast alle nötigen Unterlagen für die Nominierung waren 1991 fertig, aber dann brach der Krieg aus und das Projekt war gescheitert.

Unglücklicherweise hat in den vergangenen Jahrzehnten dieser Friedhof weltweite Berühmtheit erlangt, als der Ort, von dem aus Sarajevo am heftigsten attackiert wurde und von wo aus Scharfschützen in täglicher Routine unschuldige Bürger erschossen

Jakob Finci, Präsident der jüdischen Gemeinde Bosnien-Herzegowinas
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Kommentare (2)

Julian Nitzsche am

Es wird zwar in Sarajevo gerne behauptet, aber der Jüdische Friedhof in Sarajevo ist ebensowenig der zweitgrößte in Europa wie der Prager der größte ist. Es ist ohne Zweifel ein sehr schöner Friedhof, aber er hat gerade einmal 3 Hektar Fläche. Der alte Prager Friedhof sogar nur einen Hektar. Weit davor kommen Berlin-Weißensee (42 ha), Łódź (40 ha), Warschau (33 ha), Czernowitz (14 ha), der neue Prager jüdische Friedhof (10 ha) sowie die beiden jüdischen Friedhöfe in Breslau (7 und 5 ha). Außer acht gelassen sind jetzt einige weitere jüdische Friedhöfe in der Ukraine und Moldawien mit mehr als 10 Hektar Fläche.

    Studio Wien am

    Sehr geehrter Herr Nitzsche, vielen Dank für ihre Informationen. Im Artikel beziehen wir uns hier auf die explizite Aussage des Präsidenten der jüdischen Gemeinde Bosnien und Herzegowinas Jakob Finici. Mit freundlichen Grüßen Ihre Online-Redaktion.

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