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Offene Feuer sind die einzige Möglichkeit, sich aufzuwärmen. Foto: BR | Videostandbild | Zarko Bogdanovic

Flüchtlinge in Serbien
Das Geschäft mit den Schleppern boomt

Die Flüchtlinge in den Baracken sind gut sichtbar von einem der Bahnsteige des Belgrader Bahnhofs. Trotzdem waren sie bis vor wenigen Wochen ein blinder Fleck für die serbische Bevölkerung. „Niemand wusste von diesem Ort“, erzählt Goran. „Ich kam nach Hause nach Novi Sad und erzählte von meiner Arbeit und den 2.000 Menschen, die hier leben. Aber niemand zuhause wusste davon, es war nicht in den Nachrichten“, erklärte er. Die Medien seien von der Regierung gesteuert, die wenig Aufmerksamkeit auf das Thema lenken wollte, ist er überzeugt. Doch seit wenigen Wochen tummeln sich internationale Fernsehteams um die Flüchtlinge.  Goran stammt aus Novi Sad, der zweitgrößten Stadt Serbiens, etwa eine Autostunde von Belgrad entfernt. Seit acht Monaten arbeitet der junge Serbe für eine lokale Hilfsorganisation in der Nähe des Bahnhofs und scheint dort jeden zu kennen. Das Thermometer zeigt minus fünf Grad. Eine Kette von Männern drängt an ihm vorbei in die Lagerhalle. Sie tragen Kanister und Holzscheite. Ihre Gesichter sind dunkelrot, bei manchen schält sich die Haut. In der Halle erkennt man nur mehr ihre Silhouetten und das Feuer, an dem sie sich wärmen.

Viele Gerüchte gehen um in den aufgelassenen Lagerhallen im Belgrader Stadtzentrum, in dem seit Monaten rund 1.000 Flüchtlinge hausen. Die Grenzen zu Ungarn sind wieder offen, sollen Schlepper den mehrheitlich männlichen Afghanen versprechen. Lokale NGOs sehen dagegen immer restriktivere Maßnahmen und fürchten, dass Ungarn bald seine Grenzen ganz schließen wird. Seit der Schließung der Balkanroute vor elf Monaten und der Errichtung des Stacheldrahtzauns an der serbisch-ungarischen Grenze ist es für Schutzsuchende schwierig geworden, nach Österreich, Deutschland oder weiter nach Nordeuropa zu kommen. Der einzige Weg führt über Schlepper, unter die sich auch viele mischen, die nur das Geld kassieren und die Flüchtlinge vor der Grenze absetzen. Darum wird die Reise in die EU von den Flüchtlingen auch „The Game“ genannt und die Schlepper „travel agents“.

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Flüchtlingssituation in der Nähe des Belgrader Bahnhofs

Autor: Darko Jakovljevic

Kamera: Zarko Bogdanovic

Schnitt: Bojan Perisic

Das Geschäft der Schlepper boomt, gerade weil viele Fluchtrouten geschlossen sind. Der legale Weg nach Ungarn über die Transitzone Horgos sei gerade für alleinstehende afghanische Männer keine Garantie mehr, um in die EU zu kommen. Ungarn reduziere jeden Tag die Zahl der Grenzgänger, die auf einer inoffiziellen Warteliste stehen, die in den offiziellen Flüchtlingsunterkünften in ganz Serbien ausgehängt werden. An der Grenze entscheide ein Interviewer, ob die Flüchtlinge weiterkommen oder zurückgebracht werden.   Die Luft ist stickig von den giftigen Dämpfen, der entsteht wenn der Lack auf den Schienengleisen verbrennt. Neben dem Lagerfeuer schlafen sie, in Zelten, auf Matratzen und Decken, die jeden freien Meter in der Halle bedecken. Die Wände und Decke sind vom Russ schwarz gefärbt. Durch eingeschlagene Fenster dringt nur wenig Rauch hinaus ins Freie. Auch Goran spürt die Wirkung der giftigen Dämpfe. Jedes Mal wenn er die Halle betritt schmerzt sein Kopf.

Weiter Richtung Stadtzentrum haben sich andere Flüchtlinge ein Notquartier in einer Autogarage eingerichtet. Dünne Decken sollen sie dort vor Wind und Schnee schützen. Der angrenzende Park ist zum wichtigsten Schlepperort Serbiens geworden, weiß Goran. Auch heute erkennt er die Menschenschmuggler an den ihm fremden Gesichtern. Verstecken müssen sie sich nicht. Jeder weiß von ihnen, aber die darauf spezialisierte Einheit der Polizei sei nicht oft im Einsatz und greife nicht ein, auch weil sie keine Straftat nachweisen könne. „Die Schlepper geben den Flüchtlingen Hoffnung. Wenn es sie nicht gäbe, würden alle Menschen in offiziellen Lagern schlafen“, ist Goran sicher. Zudem hätten viele Flüchtlinge eine falsche Vorstellung davon, wie das Leben in Europa aussieht.

17.000 Euro soll Ruhula bisher an Schlepper gezahlt haben, um von Afghanistan nach Serbien zu kommen. Neun Versuche hat er gebraucht, um von Bulgarien nach Belgrad zu kommen. „Früher hat es sieben Tage gedauert, nun zehn Monate, um Europa zu erreichen“, klagt er. Rund 3.000 Euro wird er noch für die Reise nach Österreich brauchen, schätzt der 25-Jährige. Das Geld schickt ihm seine Mutter, die in Afghanistan zurückgeblieben ist. Ruhula kommt aus Laghman, einer ländlichen Region, wo viele junge Afghanen von Terrorgruppen rekrutiert werden sollen. „Das ist der Grund, warum so viele Afghanen hier sind“, erklärt er.

Die afghanischen Frauen hingegen sollen in Flüchtlingslagern in der Türkei geblieben sein. Ruhula, der fließend Englisch spricht, hat in Pakistan studiert. „Bücher sind meine besten Freunde“, sagt er. In seinem Heimatland trifft er damit auf Unverständnis. Jetzt wartet er darauf von seinem Schlepper abgeholt zu werden. Er hat viel Geld dafür investiert, darum gibt es kein Zurück für ihn. „Wir hätten nicht gedacht, dass die Reise so lang wird, aber nun haben wir uns daran gewöhnt, halten alles aus und versuchen einfach zu überleben“.

Um 13.00 Uhr bildet sich eine Menschenschlange vor der einzigen Essensausgabe in der Mitte der Baracken. Einmal am Tag gibt eine Gruppe von Freiwilligen, die sich „Hot Food Idomeni“ nennt, Essen aus, nachdem die serbischen Behörden es den Hilfsorganisationen verboten hatte. Gegessen wird auf dem Boden zwischen Müllbergen aus Plastik und Dreck. Vor den Baracken haben sich einige Flüchtlinge versammelt, um vor den Kamerateams ihren Protest zu demonstrieren. Auf Plakaten haben sie „Open the borders“ („Öffnet die Grenzen“) geschrieben, dasselbe rufen sie in Sprechchören.

Kommen neue Flüchtlinge in den Lagerhallen an, rücken lokale Notärzte aus. „Wir rufen sie nur in kritischen Fällen an, beispielsweise wenn jemand nicht mehr aufstehen kann“, sagt Goran. Besonders bei Flüchtlingen aus Bulgarien, die Hunderte Kilometer zu Fuß gegangen sind, greifen die NGOs mehrmals täglich zum Hörer. Durch die Kälte leiden manche unter schweren Erfrierungen an Fingern und Zehen, viele können wegen Schmerzen in den Nieren nicht mehr sitzen. Einige sollen die Reise nicht überlebt haben. „An der Grenze zu Belgrad sollen nur ein paar Menschen an der Kälte gestorben sein, aber inoffiziell habe ich von vielen mehr gehört“, sagt Goran. Noch habe sie niemand gefunden, da die Flüchtlinge durch Wälder gewandert sind, der von Schnee bedeckt ist, vermutete Goran und resignierte: „Vielleicht im Frühling – ich hoffe es nicht – werden wir mehr Leichen finden.“

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