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Anhänger von Partizan Belgrad beim Duell gegen Roter Stern im September 2016. Foto: picture-alliance | dpa

Zwischen Boykott-Aufruf und Ausschluss
Serbiens Fußball am Scheideweg

Das Jahr 2017 hätte für den serbischen Fußball kaum schlechter starten können. Zunächst lässt eine Pressemitteilung der Fußballervereinigung FIFPro, aufhorchen. Profifußballer werden in der Mitteilung davor gewarnt, im Winter-Transferfenster nach Serbien zu wechseln, welches heute öffnet. Einige Tage später gibt die UEFA bekannt, dass Partizan Belgrad, aufgrund von wiederholten Verstößen gegen das „Financial Fair Play“, vom europäischen Wettbewerb ausgeschlossen wird. In anderen europäischen Fußball-Ligen würden solche Nachrichten die Alarmglocken schrillen lassen. In Serbien hingegen, sorgen sie lediglich für Schulterzucken und Unverständnis beim Fußballverband. Wie konnte es so weit kommen?

 

Spielervereinigung gegen Verband

Wenn man in Serbien einen Vertrag unterschreibt, liegt die Wahrscheinlichkeit bei 50 Prozent, vor Gericht zu landen

Mirko Poledica, Präsidenten der serbischen Spielervereinigung Nezavisnost

Im kürzlich erschienenen „FIFPro 2016 Global Employment Report“, einer von der FIFPro jährlich erhobenen Spieler-Umfrage, gaben 68 % der Befragten an, ihr Gehalt verspätet zu beziehen. 89 % der transferierten Spieler bestätigten, zum Vereinswechsel gedrängt worden zu sein. Hinzu kommt, dass der Serbische Fußball-Verband (FSS) das unabhängige Schiedsgericht radikal umorganisiert hat. Das Schiedsgericht dient dazu, Rechtsstreitigkeiten zwischen Vereinen und Spielern zu verhandeln. Der FSS hat im Dezember 2016 in Eigenregie das Schiedsgericht aufgelöst und sämtliche Posten mit, dem Verband genehmen, Funktionären neubesetzt. Zeitgleich wurden die Gebühren erhöht, um einen Prozess vor dem Schiedsgericht überhaupt in Gang zu bringen. Für FIFPro-Generalsekretär Theo van Seggelen ein unerhörter Vorgang, wie er in der Pressemitteilung erklärt: „Das ist eine schamlose Missachtung fundamentaler Rechte professioneller Spieler in Serbien, die nun effektiv in einem gesetzlosen Umfeld spielen. […] Bis die Situation geklärt ist, raten wir Spielern dringend davon ab, in Serbien Fußball zu spielen.“

Bei einer Liga mit 500 Spielern landen laut Mirko Poledica, dem Präsidenten der serbischen Spielervereinigung Nezavisnost, 250 Fälle vor dem Schiedsgericht.

Die Reaktion des Verbandes lies war prompt und wenig zaghaft, wie der serbische Sport-Journalist Milos Markovic im Interview mit der ARD erzählt: „Der Verband hat heftig auf die Vorwürfe reagiert und bezichtigt Poledica und die Vereinigung aus Eigeninteresse zu handeln.“ In einer Presseerklärung des FSS heißt es außerdem, dass die FIFPro ihre Schlüsse aufgrund von „unvollständigen und unkorrekten Informationen“ ziehe. Man habe bereits einen neuen Bericht übermittelt. Für Nachfragen zum Thema stand der Verband nicht zur Verfügung. Es wurde lediglich auf die Presseerklärung verwiesen.

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Die Spielervereinigung FIFPro warnt derzeit vor einem Wechsel nach Serbien. Im Februar gibt es zu diesem Thema ein Treffen zwischen FIFPro und UEFA. Im Bild zu sehen sind FIFPro-Präsident Philippe Piat (l) und FIFPro-Generalsekretär Theo van Seggelen (r) bei einer Pressekonferenz im September 2015 in Brüssel. Foto: picture-alliance | dpa
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Jugoslawische Strukturen

Die nächste Hiobsbotschaft folgte einige Tage nach der Erklärung der FIFPro. Partizan Belgrad wurde von der UEFA vom europäischen Wettbewerb ausgeschlossen. Der Meister von 2015 hatte zum dritten Mal innerhalb der letzten fünf Jahre gegen das Financial Fair Play verstoßen. Laut UEFA ist der Verein dem Staat 2,5 Millionen Euro an Steuern und Sozialabgaben schuldig. Der Verein und die Öffentlichkeit zeigten sich überrascht über die Entscheidung, wie Markovic erläutert: „Wir haben uns zwar schon an solche Ausschlüsse gewöhnt. Trotzdem kam diese Entscheidung der UEFA völlig unerwartet. Partizan ging zunächst mit der Mitteilung an die Öffentlichkeit, dass der Verein seinen Zahlungen nachkommt und sich weiterhin im Lizensierungsprozess befindet.“ Die UEFA reagierte mit einer weiteren Mitteilung, in der sie bekräftigte, dass Partizan definitiv ausgeschlossen wird. Erst daraufhin gestand auch Partizans Präsident Milorad Vucelic öffentlich ein, schon länger von der UEFA-Entscheidung gewusst zu haben. Ginge es nach Vucelic, gibt es jedoch Licht am Ende des Tunnels. Ministerpräsident Aleksandar Vucic habe bereits seine Hilfe angekündigt. Wie so oft in Serbiens Fußball muss die Politik einspringen. Rein rechtlich befinden sich die meisten Vereine nämlich noch immer im jugoslawischen Sozialismus und gelten als Einrichtungen, die sich  im öffentlichen Besitz befinden. Es gab häufiger Versuche ein neues Sportgesetz auf den Weg zu bringen, zuletzt im Jahr 2013.  Diese Versuche waren laut Markovic nicht von Erfolg gekrönt. „Es hat sich nichts geändert. Die Regierung hat es nicht geschafft, ein Sport-Gesetz auf den Weg zu bringen oder auch nur zu diskutieren, dass den Fokus auf die Eigentümerstruktur legt. Das sozialistische Vermächtnis ist immer noch tief in den Strukturen verwurzelt. Sogar Ministerpräsident Vucic sagte vor kurzem, er sei ´hilflos das Problem zu lösen.´“

Was das letztlich für die serbischen Vereine bedeutet, führt Markovic weiter aus: „Finanziell bedeutet es, dass die Vereine sehr abhängig von öffentlichen Investitionen sind. Roter Stern und Partizan werden von vielen Menschen, denen es sozial nicht gut geht, als Schoßhündchen des Staats verflucht. Die Öffentlichkeit findet zurecht, dass das Geld besser in die Bildung oder Gesundheitsvorsorge investiert werden sollte. Bei den Entscheidungen die die Vereine betreffen, sind ihnen oft die Hände gebunden. Sie sollen sich möglichst konform verhalten, was sie nicht immer tun. Wenn sie dann Schulden bei Spielern, anderen Vereinen oder andere Probleme haben, warten sie einfach wieder bis die Regierung ihnen hilft.“

Generell geht nicht viel ohne dass die Regierung oder der Verband mitreden. So ist es nicht verwunderlich, dass der derzeitige Präsident des FSS Slasiva Kokeza, früher der Vizepräsident von Roter Stern war und enge Verbindungen zu Aleksandar Vucic pflegt. Kokezas Vorgänger beim Verband, Tomislav Karadzic, ehemaliger Präsident von Partizan und Günstling von Vucics Vorgängerregierung.

Intransparenz und marode Stadien

Besonders offensichtlich werden die Missstände an den Spieltagen. Die Stadien sind marode und es kommt immer wieder zu Ausschreitungen auf den Zuschauerrängen. Seit Jahren sind die Zuschauerzahlen rückläufig, das letzte ausverkaufte Spiel liegt drei Jahre zurück. Zu manchen Spielen sind nicht einmal mehr 100 Zuschauer gekommen.

Wenn man sich dann doch mal in ein Stadion verirrt, ist die Chance nicht gerade gering, ein manipuliertes Spiel live mit zu verfolgen. Transparenz von Seiten des Verbandes sucht man bei der Aufklärung dieser Sachverhalte vergebens, wie Mirko Poledarica im Interview erklärt: „Der FSS hat in den letzten Monaten die Öffentlichkeit über manipulierte Spiele und Unregelmäßigkeiten informiert. Es wurden sogar Punkte abgezogen. Konkrete Gründe, welche Unregelmäßigkeiten dies  waren, wurden nicht angegeben. Wenn eine Begegnung manipuliert wird, muss das jemand organisieren und auch umsetzen. Was ist damit passiert? Wenn der FSS Beweise für so was hat, muss er die Staatsanwaltschaft darüber informieren.“

Ein Hoffnungsschimmer könnte theoretisch die exzellente Jugendarbeit in den serbischen Vereinen sein. In den letzten Jahren haben serbische Jugendmannschaften regelmäßig und vor allem erfolgreich an Welt- und Europameisterschaften teilgenommen. Im Jahr 2015 sicherte sich die U20 Nationalmannschaft die Weltmeisterschaft. Die Frage nach der ungenügenden Leistung der A-Nationalmannschaft ist die Folge. Laut Milos Markovic erschwert das System talentierten, jungen Spielern im Profibereich Fuß zu fassen.  „Die Probleme sind vielfältig. Zu viele talentierte junge Spieler gehen verloren oder ruinieren ihre Karriere bevor sie überhaupt begonnen hat. Aufgrund der angespannten finanziellen Lage, werden Spieler zu früh ins kalte Wasser geworfen.[…]. Außerdem können die Vereine den Talenten nichts anbieten, weder Wettbewerbsfähigkeit oder Entwicklungsmöglichkeiten, noch finanzielle Anreize. Außer vielleicht Roter Stern oder Partizan, aber die leben großteils noch von ihrem guten Ruf aus der Vergangenheit.”

Wenig Hoffnung auf Verbesserung

Nicht viele Fußballfans, inklusive mir, können momentan etwas positives am serbischen Fußball sehen

Milos Markovic, Sport-Journalist

Der Fußball in Serbien hat zu viele Probleme und zu wenig wird dagegen unternommen. Milos Markovic ist ernüchtert. „Nicht viele Fußballfans, inklusive mir, können momentan etwas positives am serbischen Fußball sehen. Ich denke, unsere Hoffnungen wurden von den vielen schlimmen Sachen die sich seit Jahren abspielen, getrübt. Wenn es irgendetwas positives gibt, dann ist es das Talent und der Enthusiasmus der Kinder, die mit ihrem Herzen spielen. Die pure Kraft die ihnen zu wahrer Größe verhilft. Wenn sie auf diesem Weg bleiben und sich nicht den Verlockungen des modernen Fußballs erliegen, können sie auch einmal Karriere wie Branislav Ivanovic oder Nemanja Matic hinlegen. Spieler die nüchtern und besonnen und ihre Ziele verfolgt haben.“

Wie wird es weitergehen? Partizan Belgrad ist vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS gezogen, um die Teilnahme am europäischen Wettbewerb einzuklagen. Die UEFA hat am 6. Februar ein treffen mit der FIFPro einberufen, um die Situation der Spieler in Serbien zu besprechen.

Mirko Poledica wüsste was er tun würde: „Wäre ich Präsident des FSS, würde ich am ersten Arbeitstag einstweilige Maßnahmen einführen. Ich würde den Fußball in Serbien erst einmal stoppen. Im ersten Monat würde ich dann die komplette Revision durchführen, alle Vereine durchkämmen. Danach würde ich mit einem guten Team entscheiden, wie es auf seriöse Weise weitergeht. Ebenfalls würde ich eine ersthafte Entschuldigung an die serbische Öffentlichkeit richten – wegen der Schande, die sie sich in den letzten 15 Jahren ansehen mussten.“

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