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Fußgänger können die Brücke über den Ibar zwischen Süd- und Nordmitrovica passieren - für Autos bleibt sie weiterhin gesperrt. Foto: BR | Andrea Beer

Kenan bleibt entspannt
Brückenspaziergang in Mitrovica

Zu jungen Menschen auf die andere Seite haben wir keine Kontakte. Warum wissen wir auch nicht, wir haben einfach keine.

Zwei serbische Jugendliche aus dem nördlichen Teil von Mitrovica

Der umstrittene Zug von Belgrad nach Mitrovica hat es wieder einmal gezeigt; Trotz des offiziellen Dialogs in Brüssel sind die Beziehungen zwischen Serbien und dem Kosovo alles andere als entspannt. Die Gemeinden im Nordkosovo sind nach wie vor nach Belgrad ausgerichtet und unterwandern die gesamtstaatlichen Strukturen im Kosovo. Die Folge: Parallelstrukturen in der Gerichtsbarkeit oder den Schulen sowie ein eklatanter Mangel an Perspektiven und gegenseitigem Vertrauen. Das zeigt auch die Brücke über den Fluss Ibar in Mitrovica. Unter den festen Schuhen von Kenan Beqiri knirscht der Schnee während er diese von Süd nach Nord Mitrovica überquert.  Ich gehe oft hin und her, meint der Kosovoalbaner und wirkt völlig entspannt dabei. Meine Schwiegereltern leben im sogenannten Bosniakenviertel im vorwiegend serbischen Norden der Stadt. Kenan Beqiri arbeitet für die Nichtregierungsorganisation CBM, Community Building Mitrovica, die sich für ein Zusammenleben in der Stadt stark macht. In nur zwei bis drei Minuten ist er drüben auf der serbischen Seite angelangt. Vorbei am „Cafe Ura“ (Cafe Brücke) und den Bauarbeiten, die an der Brücke gemacht werden.  „Das ist sie, die berühmte Mauer“, meint er dann und zeigt auf das politisch heikle Bauwerk am Ende der Brücke, das vor einigen Wochen gebaut wurde. Es ist eine graue Mauer, etwa 20 Meter lang und 1.30 Meter hoch. Zunächst war sie noch höher, musste aber auf Druck teilweise abgetragen werden. Die Mauer soll eine entstehende Fußgängerzone schützen, vor möglichen Angriffen vom Süden her, so die serbische Lesart. Aus kosovoalbanischer Sicht ein vorgeschobener Grund. Sie muss abgerissen werden, so lautet deswegen ein Beschluss des Parlaments in Pristina. „Normalerweise ist es ruhig hier aber es kann hier eben innerhalb einer Stunde eskalieren. Wenn jemand davon profitiert, dass es Unruhen gibt, dann gibt es auch welche,“ meint Kenan Beqiri und geht noch ein Stück weiter. Vorbei an einem Denkmal für die Toten durch die NATO Bombardierungen während des Kosovokriegs. Es gäbe übrigens genügend andere Brücken über die die Autos fahren könnten, bemerkt Kenan Beqiri. Diese hier sei vor allem ein Symbol. Immer wieder grüßen ihn die Menschen und er nickt zurück. Anders als er haben viele Bewohner von Mitrovica keine Kontakte mehr auf die jeweils andere Seite und die Kluft wächst. Vor allem bei Jugendlichen, wie eine Studie kürzlich zeigte. Das trifft auch auf zwei serbische Schüler zu, die gerade durch die Stadt schlendern. Sie kennen keine Bewohner im südlichen Teil der Stadt. Beide wollen später vielleicht mal bei einer Bank arbeiten, erzählen sie freundlich. Und einer ergänzt: „Das Leben hier ist nicht so gut.  Ich möchte später in eines anderen Land ziehen, eins das besser entwickelt ist. Nach Sacramento vielleicht. Zu jungen Menschen auf die andere Seite haben wir keine Kontakte. Warum wissen wir auch nicht, wir haben einfach keine.“

 

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„Wenn man sich die Wirtschaft anschaut. Beide Seiten machen Geschäfte miteinander und wenn der politische Wille da wäre, dann könnte man gut miteinander auskommen. Wenn man uns in Ruhe arbeiten lassen würde, wäre das kein Problem.“ - Kenan Beqiri Projektleiter bei der Nichtregierungsorganisation CBM in Mitrovica, die sich für das Zusammenleben einsetzt. Foto: BR | Andrea Beer
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Normalerweise ist es hier ruhig, aber es kann hier eben innerhalb einer Stunde eskalieren. Wenn jemand davon profitiert, dass es Unruhen gibt, dann gibt es auch welche.

Kenan Beqiri, Projektleiter bei der Nichtregierungsorganisation CBM in Mitrovica, die sich für das Zusammenleben einsetzt.

Kosovo ist ein armes Land. Die Arbeitslosigkeit liegt bei circa 40%. Unter den Jüngeren – zwischen 15 und 35 Jahren – ist sie noch höher, bei um die 65 %.  Einen Job zu finden, ist für die meisten Bewohner im Kosovo ein Problem und viele leiden unter entsprechender Armut. Der Norden von Mitrovica wirkt jedoch vergleichsweise heruntergekommen. Die Post ist ein Trümmerhaufen, Autos fahren ohne Nummernschilder herum oder mit ungültigen Schildern. Es gibt allerdings auch den ein oder anderen teuren Geländewagen und nach Expertenmeinung blüht hier die organisierte Kriminalität. Ein paar hundert Meter weiter im Süden hat Agim Bahtiri sein Büro. Er lebte 25 Jahre lang als Geschäftsmann in den Niederlanden und ist seit drei Jahren der albanische Bürgermeister von Mitrovica. Agim Bahtiri nimmt auch an dem Brüsseler Dialog teil, der die Beziehungen von Serbien und dem Kosovo verbessern soll. Sein Thema dort : Die Brücke über den Ibar. Die Barrikaden seien nach und nach verschwunden, die Brücke werde renoviert und auch die neue illegale Mauer auf der serbischen Seite müsse weg meint der Bürgermeister. „Wir wollen keine Berliner Mauer. Die Menschen sollen sich frei bewegen können.

Und diese Mauer hat nun verhindert, dass die Brücke im Januar geöffnet werden kann. Natürlich hat uns das zurückgeworfen aber wir arbeiten hart, dass die Brücke bald für den Verkehr geöffnet wird.“   Der Aufbau gesamtkosovoarischer Strukturen wird nicht nur politisch torpediert. Anfang Januar 2017 explodierte ein Sprengsatz in Nordmitrovica vor einem künftigen gesamtkosovarischen Gerichtsgebäude. Fensterscheiben gingen zu Bruch und es sind Einschusslöcher zu sehen.
„Für den serbischen Bürgermeister Kollegen ist es schwieriger als für mich.“ meint Agim Bahtiri. „Denn er hat noch mit den Parallelstrukturen zu kämpfen, die ihm von Serbien aus diktiert werden. Und diese sollen verhindern, dass wir gemeinsam und gut zusammenarbeiten und deswegen passiert auch so etwas.“
Leider hat der serbische Bürgermeister keine Zeit für ein Gespräch mit uns, wie es heißt. Trotzdem. Dank der Kontakte mit dem serbischen Bürgermeister im Nordteil gäbe es weit weniger ethnisch motivierte Gewalt, erzählt sein Amtskollege Agim Bahtiri. Es seien nur sieben Zwischenfälle in den letzten drei Jahren gewesen. Nicht ethnisch motivierte Gewalt ist hier nicht mitgerechnet.

Zurück zu Kenan Beqiri. Nach seinem Brückenspaziergang wärmt sich er in einem Cafe nahe der Brücke auf. Seine Nichtregierungsorganisation CBM will die Kommune zum demokratischen Austausch mit den Bürgern und zur Korruptionsbekämpfung motivieren. Sie bringt Schüler aus ganz Mitrovica zusammen oder unterstützt Start-Ups für Frauen. Und obwohl die symbolisch wichtige Brücke über den Ibar im Januar wieder nicht für den Verkehr geöffnet wird strahlt dieser Mann irgendwie einen unverbesserlichen Optimismus aus.
„Wenn man sich die Wirtschaft anschaut. Beide Seiten machen Geschäfte miteinander und wenn der politische Wille da wäre, dann könnten wir gut miteinander auskommen. Wenn man uns in Ruhe arbeiten lassen würde, wäre das kein Problem. Und wenn wir das mit der Brücke nicht hinkriegen,“ grinst er zum Abschied, „dann machen wir für ausländische Touristen eben ein Museum draus“

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