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Flüchtlinge stehen am 09.01.2017 in Belgrad am Rande des Zentrums bei Eiseskälte vor einem leerstehenden Lagergebäude unweit einer Baustelle an einem Lagerfeuer. Foto: picture-alliance | dpa

Kommentar: Kälte auf der Balkanroute
Wer friert, kommt vielleicht weiter

Die Bilder gingen um die Welt: Ein junger Afghane wäscht sich in einer Tonne im Freien, nur mit Unterhose bekleidet  – bei eisigen Außentemperaturen. Die Boulevard-Zeitung, die ihren Chef-Reporter nach Belgrad geschickt hatte, titelte von Migranten, die dem „Kältetod“ ausgesetzt seien. Etwa Tausend sind es wohl, die hinter dem Belgrader Hauptbahnhof in alten Lagerhallen campieren, sie verfeuern alte Bahnschwellen, Müll, Plastikflaschen, was sie eben finden, um sich etwas zu wärmen.

Viele kommen aus Pakistan oder Afghanistan, viele sind minderjährig. Alle frieren. Und husten. Und sie wollen weiter: Nach Deutschland oder Österreich oder Frankreich. Manch einer hat es schon mehrfach über die Grenze nach Ungarn versucht, oder nach Kroatien. Vergeblich. Und so warten sie – auf eine neue Chance.

Einmal am Tag bringen Helfer etwas zu essen. Die serbische Regierung ist deshalb verärgert. Der zuständige Sozialminister sagt: Warum geht ihr nicht in die Aufnahmezentren ? Dort ist es warm. Es gibt Kleidung. Zu Essen. Medikamente. Wer an die Tür klopft, werde nicht abgewiesen. Aber man wolle auch keine Flüchtlinge außerhalb des Systems. Wohl auch, weil die Regierung in Belgrad ein Programm für die freiwillige Rückkehr in die Heimatländer auflegen will,  mit Geld von der Europäischen Union.

Mehr als ein Dutzend Aufnahmezentren gibt es mittlerweile in Serbien. Sie sind über das ganze Land verstreut, einige neue sind an der Grenze zu Bulgarien entstanden. Flüchtlinge und Helfer sagen: Die Lager sind voll. In Presevo – im Süden Serbiens – gibt es 500 freie Plätze, heißt es dagegen aus dem serbischen Sozialministerium.

Nur: Den Flüchtlingen ist das zu weit weg von den Grenzen im Norden. Das wäre für sie: Zwei Schritte vor, einen zurück. An der serbisch-ungarischen Grenze harren sie lieber in Zelten bei Minusgraden aus, als ihren Platz in der Warteschlange zu verlieren. Denn nur 30 Asylanträge pro Tag werden von den Ungarn bearbeitet. Oder sie frieren in der verfallenen Ziegelfabrik in Subotica. Oder in den Lagerhallen von Belgrad. Sie haben Angst, registriert zu werden, abgeschoben zu werden, kurzum: ihr Ziel nicht zu erreichen – Deutschland oder Österreich oder Frankreich.

Das serbische Flüchtlingskommissariat sagt: Lasst uns nicht streng nach dem Buchstaben des Gesetzes handeln. Es ist egal, ob die Migranten Papiere haben oder nicht. Hauptsache, sie bekommen Hilfe. In drei Schichten, rund um die Uhr, sind die Mitarbeiter in Belgrad unterwegs, um Gestrandete aufzulesen. Immerhin: 400 Migranten, die in Belgrad im Freien hausten, hat das Flüchtlingskommissariat überreden können, doch in Aufnahmezentren zu gehen. Drei Busse brachten auch Flüchtlinge aus Subotica wieder in den Süden zurück, nach Presevo. Andere harren lieben aus.

Das Flüchtlingskommissariat sagt auch, warum viele der jungen Migranten in Belgrad lieber frieren. Sie wollen im Zentrum Belgrads bleiben – näher an Western Union-Schaltern, wo sie Geld holen können, wenn sie welches haben. Und näher an den Schleppern, die sie vielleicht weiter bringen. Auch das ist ein Teil der Wahrheit. Wer friert, kommt vielleicht weiter.

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In langen Schlangen warten die Menschen auf eine warme Mahlzeit. Ehrenamtliche Helfer kommen täglich um den Menschen in den verfallenen Lagerhallen zu helfen. Foto: picture-alliance | dpa
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