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Wer ist eigentlich Deda Mraz?
Multikulturelles Weihnachten in Sarajevo

Als ich klein war, hat Josip Broz Tito über das ehemalige Jugoslawien regiert. In seinem Jugoslawien waren wir alle seine Pioniere – keine Serben, Kroaten, Bosniaken, keine Christen, Moslems oder Juden, wie die Kinder jetzt.

Unser Genosse Tito hat uns allen ‚Deda Mraz‘ (übersetzt ‚Väterchen Frost‘) geschenkt. Titos ‚Deda Mraz‘ sah wie ein üblicher Weihnachtsmann aus, hatte aber offiziell nichts mit Weihnachten zu tun, weil Weihnachten halt christlich ist, und religiöse Bräuche jedweder Art und Konfession damals im Sozialismus ziemlich unpopulär waren.

Aber ‚Deda Mraz‘ verteilte natürlich Geschenke an die Kinder aller Religionen und Nationen, nur eben nicht an Weihnachten, sondern zum Neuen Jahr. Die Firmen und Fabriken hatten zum Jahresende immer die Verteilung der Neujahrspakete für die Kinder ihrer Mitarbeiter organisiert.

In den Paketen waren meistens Puppen für die Mädchen und Spielzeugautos für die Jungs. Und viele Süßigkeiten dazu! Als wir ankamen, saß unser ‚Deda Mraz‘ neben einem geschmückten Tannenbaum, nahm uns auf den Schoß und gab uns unser Paket. Dann kam ein Profi-Fotograf und fotografierte uns noch mit unserem lieben ‚Deda Mraz‘. Das waren schöne Zeiten für mich …

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'Deda Mraz' (übersetzt 'Väterchen Frost') in Aktion

Video: BR | Eldina Jasarevic

Als ich groß wurde, zerfiel Titos Jugoslawien, unser gemeinsamer Staat. Fast über Nacht wurden wir zu Anhängern verschiedener Religionen und Nationen und begannen euphorisch jeweils nur noch vermeintlich „unsere“ Traditionen zu pflegen und vertrieben vieles, womit wir lange gelebt hatten.

So kam vor 9 Jahren eine „böse Tante“, die für die Kindergärten in Sarajevo zuständig war, auf die Idee, ‚Deda Mraz‘ aus den Kindergärten zu vertreiben, da ja die meisten Kinder in der bosnischen Hauptstadt ja jetzt muslimisch seien und keinen ‚Deda Mraz‘ brauchten.

Dann aber haben die ehemaligen Pioniere Titos und mittlerweile selbst Eltern –  nämlich dieser Kinder, denen man den  ‚Deda Mraz‘ wegnehmen wollte,  entschlossen gesagt: „Nein, so nicht! Wir wollen unseren ‚Deda Mraz‘ weiter haben!“ Die Proteste in der Öffentlichkeit waren so laut und so heftig, dass unser lieber ‚Deda Mraz‘ im Handumdrehen wieder da war und sich -wie immer – um alle Kinder kümmerte.

Doch mit dem Thema Weihnachten ist es wie mit fast allen anderen Angelegenheiten, die das religiöse und kulturelle Leben der Sarajlija, der Bewohner Sarajevos bestimmen.  Im multiethnischen Sarajevo scheint seit Jahrhunderten ein ungeschriebenes Gesetz den Umgang mit solchen Fragen zu bestimmen: es gilt immer die kulturelle und religiöse Vorherrschaft derjenigen, die die Macht innehaben, aber – und hier handelt es sich um ein großes, unumstößliches aber –  die Anderen in der Stadt nicht zu übergehen und ihnen stets im Geist der Toleranz und des Miteinanders das – wenn auch eingeschränkte – Ausleben ihrer Vorstellungen zu ermöglichen.

Dazu diente oft die Taktik der Camouflage – nicht des Aussehens, sondern der Bezeichnung. So wie aus dem Weihnachtsmann einst unter der Vorherrschaft der Sozialisten ‚Deda Mraz‘ wurde, so heißen die zwei Weihnachtsmärkte in Sarajevo, wo die Muslime nun den Ton vorgeben, Wintermärkte.

Sie aber abzuschaffen ist in Sarajevo unvorstellbar und wenn es mal ein ideologischer, religiöser oder sonst wie verbohrter Fanatiker versucht, ergeht es ihm wie der „Bösen Tante“, die ‚Deda Mraz“ abschaffen wollte: alle Sarajlija wehren sich!

Die Wintermärkte sind bis Mitte Januar geöffnet und das ist nicht zufällig: Katholiken, die ihr Weihnachten am 24. 12. und Orthodoxe, die ihr Weihnachten am 7.1. haben. Die bosnischen Muslime und Juden feiern wie die Christen das Neue Jahr mit. An alle wird gedacht und es wird lange gefeiert. Toleranz und Multikulturalität als Standort-Vorteil.

Auf den ersten Blick ist hier die Stimmung wie in fast jeder überwiegend christlichen europäischen Metropole. Nur ragen hier die Minarette hinter den Wintermärkten hervor und  der universelle Deda Mraz hat mehr Aufträge als der Weihnachtsmann.

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