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Mufid Ramic (1965 -1992) war Soldat der bosnischen Armee in Sarajevo. Foto: Nedim Ramic

Eine andere serbisch-bosnische Kriegsgeschichte
Mufid und Ivan

Es gibt Menschen und Unmenschen. Alle anderen Aufteilungen sind erlogen.

Aleksandar Popovic, serbischer Schriftsteller

Die Begegnung zweier Menschen

 

1991 – der Zerfallskrieg Jugoslawiens beginnt! Der Serbe Ivan Lalic, gerade mit seinem Dramaturgie-Studium in Belgrad fertig, will nicht zur Waffe greifen, sondern schließt sich dem Team des Internationalen Roten Kreuzes (IRK) als Dolmetscher an.
Mai 1992, Sarajevo, die Hauptstadt Bosnien und Herzegowinas, befindet sich im zweiten Kriegsmonat. Die Stadt steht unter heftigem Artilleriefeuer der Armee der bosnischen Serben. Ein kleiner Konvoi des IRK versucht in die Stadt zu gelangen – unter ihnen auch Ivan Lalic. Der Konvoi gerät unter schweren Beschuss. Ivan bleibt im Geländewagen, lebensgefährlich verletzt. Ein Soldat der bosnischen Armee läuft im größten Kugelhagel zu ihm, schleppt ihn auf seinem Rücken in Deckung und bringt ihn anschließend in ein Stadtkrankenhaus. Ivan Lalic überlebte.

„Er sang unterwegs einen italienischen Schlager, um mich und den verletzten Schweizer Kollegen am Leben zu erhalten“, erinnert sich Ivan. Der bosnische Soldat besuchte ihn am nächsten Tag im Krankenhaus und brachte ihm ein Packet Waffeln mit, obwohl in der Stadt bereits Lebensmittelknappheit herrschte und er sie wegen der schweren Gesichtsverletzung gar nicht essen konnte.

An diesem Stadttor war Mufid Ramic 1992 in Deckung gegangen und hat den Angriff auf den Hilfskonvoi beobachtet. Sofort nach dem Granateinschlag rannte er zu den Verwundeten und brachte sie ins Krankenhaus. Er konnte nur Ivan Lalic retten. Der Schweizer Frederic Maurice starb - an ihn erinnert eine Gedenktafel. Foto: BR | Eldina Jasarevic
An diesem Stadttor war Mufid Ramic 1992 in Deckung gegangen und hat den Angriff auf den Hilfskonvoi beobachtet. Sofort nach dem Granateinschlag rannte er zu den Verwundeten und brachte sie ins Krankenhaus. Er konnte nur Ivan Lalic retten. Der Schweizer Frederic Maurice starb - an ihn erinnert eine Gedenktafel. Foto: BR | Eldina Jasarevic

Der Mensch Ivan

 

Aus der kurzen Begegnung erfuhr Ivan Lalic nur den Vornamen seines Retters: Mufid, etwa in seinem Alter. Einige Tage später wurde Ivan nach Belgrad evakuiert. Mufid sah er nie wieder. Doch das Bild dieses Menschen, der sein Leben rettete, wurde zu seinem ständigen Begleiter. Es verging kaum ein Tag, an dem er nicht an ihn dachte. Nach dem Krieg wollte er Mufid wiederfinden, sich bedanken, sich irgendwie revanchieren; dabei wusste Ivan stets, dass ein Leben durch nichts aufzuwiegen ist. Die Suche nach seinem Retter war erfolglos, obwohl er mittlerweile als bekannter Dramaturg und Publizist in Serbien auch rege Kontakte zur Kulturszene in Sarajevo pflegte und selbst oft dort war.
„Meine Sehnsucht, Mufid zu treffen, brachte mich dazu, damals einen Roman mit dem Titel ‚Wo bist du, Mufid?‘ zu schreiben. Auf der anderen Seite beschlich mich so ein Gefühl, dass er vielleicht nicht mehr am Leben sein könnte. Über die Jahre hinweg habe ich ihn wohl ein wenig idealisiert, und mit den Jahren, in denen ich ihn einfach nicht finden konnte, ist diese Sorge immer größer geworden“, erklärt Ivan.
Seine Befürchtungen sollten sich bestätigen. Im Dezember letzten Jahres, während eines Gastspiels seines Theaters „Mikser House“ in Sarajevo erfuhr er, dass Mufid, ein Einzelkind, sechs Monate nachdem er Ivan aus dem Geländewagen gezogen hatte, im Dezember 1992 im Kampf gefallen war. Eine Nachricht, die ihn schwer getroffen hat.

Ivan lernte Mufids Familie kennen und besuchte mit ihr Mufids Grab. „Als ich auf dem Friedhof stand, dachte ich nur: Er liegt dort und ich habe danach drei hübsche Kinder bekommen, eine glückliche Ehe, einen schönen Job. Als ob ich auch eine Art Schuld gegenüber diesem Menschen hätte. Es klingt vielleicht pathetisch: Mufid hat mir das alles ermöglicht! Aber de facto ist es so“, erzählt Ivan gerührt. Man merkt ihm an, wie schwer es ihm fällt, über Mufid zu reden. Aber er habe begriffen, dass die Geschichte von ihm und Mufid eine Botschaft sei. Eine wichtige Botschaft, die die Menschen hören sollen. „Ich bin Anhänger der Theorie, dass ein Volk wie Knetmasse ist und dass man es mit guten Botschaften formen kann“, erklärt Ivan überzeugt. Zusammen mit einem Theater aus Sarajevo habe er eine „Mission“ vereinbart: sie wollen gemeinsam noch mehr am Dialog, am Austausch und an der Wiederherstellung zerrissener Beziehungen zwischen den Menschen in Sarajevo und Belgrad arbeiten. Ivans Geburtsstadt ist Belgrad, Sarajevo ist die Stadt seiner Wiedergeburt, sagt er oft. Die „Menschen“ Mufid und Ivan sind bereits wichtige Teile seiner Mission.

Der Mensch Mufid

 

An den Hängen des Berges Trebevic, weit über dem geschäftigen Zentrum Sarajevos, liegt der Stadtteil Mahmutovac. Die Straßen sind eng, die Häuser klein und bescheiden. Hier leben vor allem Arbeiter und die, die es einmal waren, als es noch Arbeit gab. Seit jeher hat die Not die Menschen Solidarität gelehrt und immer wieder haben sie erfahren, dass sie nur so, gemeinsam, schwere Zeiten überstehen können. Solidarität lebt durch ihre alltäglichen Rituale, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. So gilt es, die Kranken im Krankenhaus nie „mit leeren Händen“ zu besuchen – selbst in der größten Not nicht – auch im Krieg nicht.

In diesem Stadtteil ist Mufid Ramic bei seiner Oma aufgewachsen. Seine Eltern waren geschieden. Sein Vater wanderte nach Deutschland aus und schickte Geld für Mufids Unterhalt und Ausbildung. Mufids Mutter ließ nichts von sich hören.

Mufid mochte Musik, Tauben und Gewichtheben. Er liebte seine Großmutter, den Blick auf die Stadt und die Menschen um sich herum, mit denen er groß geworden war. Das war seine Welt. So mancher verließ die Stadt Richtung Westen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Aber Mufid wollte nie zu seinem Vater nach Deutschland ziehen – er sah keinen Sinn darin. Als der Krieg in Bosnien ausbrach, meldete er sich freiwillig zur bosnischen Armee. Sein Sarajevo zu verteidigen hieß für ihn, sein Leben zu verteidigen – er hatte kein anderes. Er wollte nicht töten, nur überleben! Wie eng Töten und Überleben miteinander verbunden sind, war ihm ebenso wenig klar, wie den meisten jungen Menschen, die in Kriege ziehen. Im ersten Kriegswinter fiel er.
Für seinen Mut an der Front bekam er den wichtigsten bosnischen Orden ‚Die goldene Lilie‘

Im Hof der kleinen Moschee in Mahmutovac liegt Mufid neben seinem Onkel begraben. Er war bei Mufids Beerdigung – am Tag danach ist er auch gefallen.

Von der Geschichte über Ivan haben Mufids Verwandte Nedim und Mirza aus der Zeitung erfahren. Nedim ist mit Mufid aufgewachsen. Er war wie ein Bruder für ihn. Mufid hatte niemandem von der seiner Rettung Ivans erzählt, selbst ihm nicht. Es schien ihm wohl nicht der Rede wert, normal, Ausdruck eines alltäglichen Rituals. Als die Geschichte öffentlich wurde, meldete sich Nedim bei Ivan und so begann der erste Kontakt, aus dem eine tiefe Freundschaft geworden ist. Mittlerweile ist Ivan eine Art Bruder für Nedim geworden. Für ihn ist Ivan ebenso ein Held wie Mufid, weil er damals nach Sarajevo gekommen ist, um der geschundenen Bevölkerung in der belagerten Stadt Infusionen und medizinisches Material zu bringen.

 

Die Geschichte von Ivan und Mufid ist traurig und schön zugleich. Ich wünsche mir, dass es mehr solcher Menschen gibt, die ein Beispiel dafür sind, dass man Menschen in Not immer helfen soll, unabhängig welcher Religion oder Nation sie angehören.

Nedim Ramic, Mufids Cousin
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