MTVA ist die Dachorganisation und Nachrichtenzentrale für die staatlichen Medien in Ungarn. Foto: Screenshot MTVA.info

Medien in Ungarn
Orbán über alles?

Ich weiß nie, wie eine Geschichte ausgeht. Deshalb weiß ich auch vor einer Recherche nicht, was sie ergibt. So war es auch diesmal. Ich war nach Budapest gefahren, weil ich für ein längeres Feature über Medien in Ungarn recherchieren und Interviews machen wollte. In Deutschland hatte ich oft gehört: „In Ungarn gibt es doch keine Pressefreiheit mehr“. Das widersprach meinem eigenen Urteil. Lese ich doch viele kritische Artikel, die in ungarischen Online-Medien erscheinen. Und ich kenne auch viele kritische Kollegen persönlich.

Aber kürzlich war die größte Tageszeitung, das linksliberale Blatt „Népszabadság“, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verkauft worden – und zwar an eine Firma, die einem Freund des Premiers gehört. Im Paket war auch ein Dutzend Regionalzeitungen. Ich kenne auch das: Immer, wenn ich in Ungarn das staatliche Radio oder Fernsehen einschalte, sehe und höre ich den Premier, Viktor Orbán oder andere Regierungsvertreter. Regelmäßig hat der Regierungschef im Kossuth Radio seinen Auftritt, Spötter nennen diese vorgestanzten Interviews in der Sendung „180 Minuten“ das  „Freitagsgebet“. Ich hatte von den Säuberungen im staatlichen Rundfunk und Fernsehen gehört – schon unter den Sozialisten, aber besonders, als Orbán 2010 erneut an die Macht kam. Und ich wusste auch, dass die Nachrichtenredaktion für alle staatlichen Medien zentralisiert wurde: In der MTVA. Die einzige Nachrichtenagentur MTI liefert Rohnachrichten zu, diese werden dann bei MTVA und ihren Ablegern weiter verarbeitet und als fertig geschnürte Nachrichten-Pakete – umsonst, bereits gesprochen – angeboten.

Von ehemaligen Insidern habe ich in Budapest gehört, dass es innerhalb der MTVA und der staatlichen Medien klare Sprachregelungen gibt. Das wollte ich mit einem MTVA-Vertreter besprechen. Per E-Mail kam die Antwort: Sie würden nicht an einem Beitrag mitwirken, der zum Ziel habe, darzustellen, dass die Pressefreiheit in Ungarn bedroht sei. Und sie wollten mein Material vor der Ausstrahlung sichten. Ich habe ein Interview mit Vorbedingungen abgelehnt – ich war nicht überrascht, als die Absage per E-Mail kam. Als ungarische Kollegen von der Anekdote erfuhren, sagten sie, das sei typisch: „So läuft es bei uns in den Medien“.

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Klubradio gilt als eines der wenigen regierungskritischen Medien in Ungarn. Foto: BR | Stephan Ozsváth
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