Rüdiger von Fritsch, der Passfälscher von einst, wurde Vizepräsident des Bundesnachrichtendienstes und ist heute deutscher Botschafter in Russland. Foto: BR | Ekatarina Popova

Die Geschichte einer erfolgreichen Flucht aus der DDR über Bulgarien ist nun auch auf Bulgarisch erschienen
Stempel in die Freiheit

Juli 2014. Das Denkmal des russischen Zaren Alexander II. im Zentrum der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Treffpunkt für Rüdiger, Burkhard, Thomas, Maximilian und Bernd. Genau wie vor 40 Jahren.

Diesmal sind alle fünf aus Deutschland angereist. Nicht wie damals, im Juli 1974. Rüdiger und Burkhard aus der Bundesrepublik, ihr Vetter Tom und seine Freunde -aus der DDR. Nun sind sie keine Fluchthelfer und Flüchtlinge mehr, die dabei sind, ihr Leben zu riskieren. Die es wagen wollen , mit gefälschten westdeutschen Papieren über die bulgarische Grenze den Eisernen Vorhang zu überwinden.
Die Männer sind zum ersten Mal nach der erfolgreichen Flucht „aus Deutschland nach Deutschland“ nach Bulgarien gekommen, um sich die Orte anzuschauen, an denen sich damals der wichtigste und gefährlichste Teil ihres Abenteuers abgespielt hat. Die ARD ist auch dabei, um mit Mikrofon und Kamera über diese unglaubliche Geschichte zu erzählen.
Dabei stellt sich heraus, dass deutsche Leser die Geschichte schon kennen: Denn 2009 hat der ehemalige Passfälscher und heutige Diplomat Rüdiger von Fritsch ein spannendes Buch darüber veröffentlicht. „Die Sache mit Tom“ hatte schon mehrere Auflagen in Deutschland und wurde inzwischen ins Polnische und ins Russische übersetzt.

Auf dem Jubiläumstreffen in Bulgarien 2014 entsteht die Idee, dass die Fluchtgeschichte auch auf Bulgarisch erscheint.

ARD Korrespondentin Karla Engelhard war 2014 bei diesem ungewöhnlichen Treffen dabei:

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Ein Beitrag von 2014. Treffen 40 Jahre nach der Flucht - Burkhard von Fritsch, Thomas von Fritsch, Hans-Bernd Herzog, Rüdiger von Fritsch, Thomas Roethig (v.l.n.r) - Foto: BR | Karla Engelhard
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Zwei Jahre später liegt die bulgarische Ausgabe mit dem Titel „Stempel in die Freiheit“ schon vor. Im Herbst 2016 hat der Autor sie persönlich in Sofia und Plovdiv vorgestellt.

Der Literaturklub „Peroto“ („Die Feder“) im nationalen Kulturpalast in Sofia ist überfüllt. Unter den potenziellen bulgarischen Lesern des „Stempels in die Freiheit“ sitzen auch viele Schüler. Für sie ist es besonders spannend zu hören, wie eine so riskante Flucht aus der DDR in die Bundesrepublik während des Kalten Kriegs von zwei westdeutschen Jugendlichen selbständig organisiert wurde und trotz einiger unvorhersehbarer Zwischenfälle am Ende erfolgreich verlaufen ist. Wie der damals 20-jährige Rüdiger von Fritsch und sein Bruder Burkhard es schafften, den bulgarischen Grenzern zu suggerieren, die drei Ostdeutschen wären drei westdeutsche Hippies, die mit westdeutschen Pässen in die Türkei ausreisen. Wie die beiden Brüder diese westdeutschen Pässe fälschten. Wie der Plan beim ersten Versuch scheiterte und erst im zweiten Anlauf gelang. Wie der junge Fälscher Rüdiger von Fritsch später beim Bundesnachrichtendienst landete, bevor er dann als deutscher Botschafter nach Warschau und nach Moskau ging.

„Das ist eine Geschichte, die in zwei sozialistischen Diktaturen gespielt hat: in der DDR und in Bulgarien. Und mir haben manche Bulgaren gesagt, das ist eine Geschichte, die wir hier brauchen, weil sie auch ein Stück weit die Geschichte unseres Landes erzählt.“ So erklärt der Buchautor seine Entscheidung, das Buch auch auf Bulgarisch erscheinen zu lassen.

Erst durch persönliche Schicksale können junge Menschen begreifen, was der Verlust von Freiheit bedeutet, meint der Autor. Wenn man sich nicht aussuchen darf, was man studieren möchte, wenn man seine Meinung nicht frei äußern kann, wenn man bestraft wird, weil man einen ausländischen Rundfunksender hört. All das verleitet Menschen zu solch extremen Wagnissen wie dieser spektakulären Flucht.

Die Diskussion über die Flucht aus der DDR während des Kalten Kriegs dreht sich natürlich dann auch um die Menschen, die heute nach Europa fliehen. Laut Rüdiger von Fritsch ist es wichtig, zwischen jenen zu unterscheiden, die aus wirtschaftlichen Erwägungen zu uns kommen, und jenen, die flüchten, weil sie einen Krieg erleiden oder zu Hause verfolgt werden.

Wir müssen uns immer wieder intensiv mit der Geschichte beschäftigen, und jede Generation wirft einen neuen Blick. Es ist aber sehr schwer, die großen Geschichten der Vergangenheit jungen Menschen zu vermitteln, weil sie sehr abstrakt ist. Die Diktatur, die Teilung, der Kalte Krieg. Was heißt denn das konkret? Geschichte können junge Menschen verstehen, wenn sie an einem einzelnen Schicksal illustriert wird, wenn ihnen erzählt wird, was hat das, was einen großen Titel hat, eigentlich für einen einzelnen Menschen bedeutet. Und dies hier ist ein Versuch, genau das zu tun.

Rüdiger von Fritsch, Buchautor

Die Freiheit ist nicht selbstverständlich. Das sollten wir uns klar machen. Sie scheint uns selbstverständlich. Aber wenn wir Länder sehen, wo die Freiheit plötzlich wieder beschränkt wird, sehen wir auch, wie einfach das ist. Das Gefährlichste ist, wenn wir unsere Hand dazu geben, indem wir entweder schweigen oder einfach an Wahlen nicht teilnehmen, oder glauben, die populistischen Lösungen seien die einfacheren und besseren. Wir müssen ein sehr genaues Gespür dafür entwickeln, worin Bedrohung von Freiheit besteht. Sie kommt schleichend daher, und plötzlich merken wir, sie erfasst immer mehr Bereiche. Am Ende hat ein Einzelner, die Macht, eine Partei das Sagen und sie können uns zu furchtbaren Abgründen führen. Dann sind wir verloren.

Rüdiger von Fritsch, Buchautor

Unsere Gesellschaften basieren auf wichtigen humanitären Grundsätzen, und zu denen gehört die Hilfe für den, der in Not ist. Das kann uns gelingen, wenn wir die Last, die wir alle tragen, versuchen, auf möglichst viele Schultern zu verteilen. Sehr wichtig ist auch, den Ursachen auf den Grund zu gehen und sie anzupacken. Wir müssen schauen, was die Situation der Menschen in den Ländern ist, aus denen sie zu uns kommen und sie so gestalten, dass es für sie attraktiver ist, zu Hause zu bleiben. Das ist die eigentliche Aufgabe.

Rüdiger von Fritsch, Buchautor
Als Geheimdienstler und Diplomat begleiten Rüdiger von Fritsch die Themen Flucht und Grenzen sein ganzes Leben lang. Foto: BR | Ekatarina Popova
Als Geheimdienstler und Diplomat begleiten Rüdiger von Fritsch die Themen Flucht und Grenzen sein ganzes Leben lang. Foto: BR | Ekatarina Popova

Auf Bulgarisch ist „Die Sache mit Tom“ mit der Unterstützung der Friedrich-Naumann-Stiftung erschienen. Dafür nennt Daniel Kaddik, Leiter der FNS für Südosteuropa, genau dreieinhalb Gründe:

  • Einmal, weil wir die Stiftung für die Freiheit sind und gerade dieses Thema von einem jungen Mann, der seinen Verwandten und Freunden hilft, aus einem Unrechtsregime in die Freiheit zu kommen, für uns ein fundamental wichtiges Thema ist. Gerade das Thema Freiheit und Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen ist ein starkes Signal auch für Bulgarien.
  • Das Zweite ist, dass es eine deutsch-deutsch-bulgarische Geschichte ist und dass es natürlich für den bulgarischen Kontext wahnsinnig spannend ist.
  • Der dritte Grund: Es ist eine Geschichte, die auch heute noch relevant ist, weil viele junge Menschen nicht wissen, was damals passiert ist, daran aber erinnert werden müssen, was es bedeutet, in einem Land zu leben, wo man nicht studieren kann, was man möchte, nicht das tun kann, was man möchte, nicht dorthin reisen kann, wo man möchte. Gerade in der Welle, wo wir rechten, aber auch linken Populismus insbesondere in Bulgarien haben, ist das eine sehr wichtige Botschaft.
  • Der halbe Grund ist ein sehr persönlicher Grund: weil auch ich aus einer Familie komme, wo es in Ostdeutschland Verwandtschaft gab. Ich komme selbst aus Hamburg, war 1990 zum ersten Mal im Osten. Ich habe Familienmitglieder, die geflohen sind. Ich habe einen sehr netten Nachbar gehabt, der damals aus Sachsen zu uns gekommen war. Er hat mir damals erklärt, was es für ihn bedeutet habe.

„Die Sache mit Tom“ von Rüdiger von Fritsch ist in Bulgarien unter dem Titel „Stempel in die Freiheit“ in der Übersetzung der ARD-Mitarbeiterin in Sofia Ekaterina Popova erschienen“ Minerva Verlag

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