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Oma Ljubinka und ihre Tochter Tatjana bei der Arbeit. Ljubinkas Kräfte lassen langsam nach, weshalb sie immer mehr eine beratende Rolle hat. Tatjana ist in den letzten Jahren die treibende Kraft. Ihre zwei Töchter sind auch am Handwerk interessiert und helfen oft gemeinsam mit der Oma aus. Foto: BR | Dejan Stefanovic

Oma Ljubinka gibt nicht auf
Die Regenschirm-Doktorin von Belgrad

„Poooopravljamo kisobraneeee… poooopravjamo kisobraneeee!!!“… zu Deutsch: „Repariereeee Regenschirmeee, Repariereeee Regenschirmeee!!!…“ An diese lauten Rufe von draußen, meistens am Wochenende, können sich viele in den 70er Jahren und früher geborene Belgrader erinnern. Für meine Mutter war das immer ein Zeichen, laut zu fragen, ob wir nicht „was zum Reparieren hätten“. Als kleiner, neugieriger Junge hatte ich die Gelegenheit zuzuschauen, wie die geschickten Hände dieser „fliegenden“ Handwerker, meist Roma, fast jeden Regenschirm, bis auf den Austausch der Bespannung, innerhalb weniger Minuten wieder in Form brachten – Speichen, Schieber erneuern, Nieten ersetzen, kleinere Näharbeiten und sonstige Kleinreparaturen. Der spezielle, selbst zusammengebastelte Blechkasten an ihrem Rücken verbarg nicht nur notwendige Werkzeuge, sondern auch viele „Ersatzteile“, meist von ausgeschlachteten Regenschirmen. War auch nicht wichtig, Hauptsache Problem gelöst.

Ich kann mich nicht so recht erinnern, wann diese „Meister“, wie sie meistens angeredet wurden, aus dem Straßenbild verschwunden sind. Auch nicht wann ich das letzte Mal einen Regenschirm habe reparieren lassen. Kaputt? Kein Problem, wird gleich günstig ein neuer gekauft – die Konsequenz des billigen Angebots aus Fernost und der Wegwerf-Mentalität, der ich auch selbst verfallen bin. Wie die meisten Belgrader – trotz Krise der Kriegsjahre der 90er, trotz Wirtschaftskrise in diesem Jahrhundert, die verheerende Auswirkungen auf den Lebensstandard der Menschen hatten.

Das Geschäft befindet sich in der Visnjiceva Straße Nr. 6 in Dorcol, dem ältesten Stadtteil Belgrads. Der Name stammt vom türkischen Wort „Dörtyol“, was Kreuzung von vier Wegen bedeutet. Bis zu den Hauptanziehungspunkten für Touristen, der Fußgängerzone, der Belgrader Festung oder dem Boheme-Viertel sind es jeweils nur einige Hundert Meter. Foto: BR | Dejan Stefanovic
Das Geschäft befindet sich in der Visnjiceva Straße Nr. 6 in Dorcol, dem ältesten Stadtteil Belgrads. Der Name stammt vom türkischen Wort „Dörtyol“, was Kreuzung von vier Wegen bedeutet. Bis zu den Hauptanziehungspunkten für Touristen, der Fußgängerzone, der Belgrader Festung oder dem Boheme-Viertel sind es jeweils nur einige Hundert Meter. Foto: BR | Dejan Stefanovic

Nicht viele der 1,7 Millionen Einwohner der serbischen Hauptstadt wissen, dass es für ihren „Regenschirm-Patienten“ einen „Doktor“ gibt – in Form eines kleinen, unscheinbaren Ladens mitten im Zentrum Belgrads. Bis vor kurzem wusste ich es auch selbst nicht. Die 74-jährige Ljubinka Boskovic, betreibt ihn seit Anfang der 70er Jahre. „Den Wunsch meiner Großeltern, beide Ärzte vom Beruf, bei denen ich aufgewachsen bin,  „Doktor“ zu werden, konnte ich nicht erfüllen.  Ich konnte kein Blut sehen. Aber so wurde ich später dann doch „Doktor“ – eben für Regenschirme“, erzählt Oma Ljubinka, von Beruf eigentlich Textilkauffrau. Der Verkaufsladen eines staatlichen Textilunternehmens, in dem sie damals arbeitete, hatte auch Regenschirme im Angebot. Oft wurden Exemplare mit zerrissener oder gelöster Bespannung oder anderen kleineren Defekten geliefert, die sie nicht einfach so abschreiben oder zurückschicken wollte. Dank ihrer Begabung fürs Nähen, kleines Werkeln und Geschicklichkeit wurden viele Schirme gerettet, auch wenn einige als Teilespender geopfert werden mussten. Ihre Kollegen ermutigten sie, sich selbständig zu machen. So begann es. Alles andere lernte sie in der Praxis.

„Geschäft zur Herstellung und Reparatur von Regenschirmen“, heißt ihr Geschäft. Bis in die 90er Jahre stimmte die Beschreibung, denn Oma Ljubinka, wie sie meist genannt wird, war bis dato eigentlich Schirmmacherin. Das Material besorgte sie aus Italien und Slowenien, Teile wurden auch aus Zagreb bezogen. „Das waren stabile und qualitative Schirme, die je nach Ausführung und abhängig von den Wünschen 50-100 DM gekostet haben. Schon zwei verkaufte Schirme monatlich deckten die Miete und alle anderen Nebenkosten des Ladens. Man konnte anständig leben“, erzählt sie und zeigt noch auf Teile und fertige Exemplare aus eigener Produktion, die aus diesen glücklichen Zeiten übrig geblieben sind. Repariert wurde wenig. Das machten offenbar die oben erwähnten fliegenden „Meister“.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Heute lebt das Geschäft fast ausschließlich von Reparaturen. Hunderte Schirme aller möglichen Größen und Ausführungen sowie alle denkbaren größeren und kleineren Bauteile stapeln sich farbenfroh in den deckenhohen Regalen oder hängen an den Wänden des kleinen Kundenraums. Tochter Tatjana, die seit ihrer Kindheit dabei ist und inzwischen die Arbeit größtenteils von ihrer Mutter übernommen hat, erzählt, dass der Laden früher nicht so vollgestopft war. Aber die Sorge, sie könnten mal etwas nicht reparieren, verleitete sie immer mehr dazu, vorsorglich eine Art „Teile-Lager“ zu schaffen. „Menschen schätzen nicht mehr die Qualität. Schirme, die heute verkauft werden, sind einfach Abfall“, sagt Oma Ljubinka fast wütend und zeigt mir als Beispiel einen 40 Jahre alten, ausziehbaren Herrenschirm von „Knirps“, den sie aufgefrischt und für die nächsten 40 Jahre fit gemacht haben.

Tatjana inspiziert auf der kleinen Theke zwei neue „Patienten“, etwas jünger zwar, die Lieblingsschirme meiner Frau, von denen sie sich aber nicht trennen wollte. Und das herbstliche Regenwetter hat bereits begonnen. Gute Entscheidung, denn angesichts des geordneten Chaos, das hier herrscht, bezweifle ich nicht, dass Tatjana und Ljubinka einen passenden neuen Griff, eine neue Spitze finden oder die eine oder andere Naht verstärken werden.

Einst existierten in Belgrad drei Schirmmachergeschäfte. Der letzte machte vor etwa 10 Jahren zu, denn nach dem Tod der „Meister“ fehlte der Nachwuchs. Kein Wunder, denn heute kann man von diesem Geschäft alleine kaum überleben, oft reicht es nur zur Deckung der Grundkosten, erzählt Tatjana, die auch anderer Tätigkeit nachgehen muss, um das Familienbudget aufbessern zu können. Wenn sie nicht im Laden sein kann, werden die Kunden von einer ihrer zwei Töchter und Oma Ljubinka betreut. Der größte Teil des Umsatzes sind Kleinreparaturen, die zwei bis drei  Euro kosten. Ab und zu bekommt ein Schirm einen neuen Stoffbezug. Ich frage die Beiden, ob der Regen mehr Kunden bringt und was sie während der heißen und trockenen Belgrader Sommermonate machen. „Eigentlich nicht, mehr Arbeit gibt es danach, wenn alle Schwächen zum Vorschein kommen“, sagt Tatjana. „In den Sommermonaten ist es schwer. In den letzten Jahren bauen wir immer mehr Regenschirme in Sonnenschirme um. Vermutlich eine Folge des Klimawandels und der Angst der Menschen vor der schädlichen Wirkung der Sonne“, erklärt ihre Mutter.

Wie lange wird es den letzten „Doktor“ in Belgrad und vermutlich einen der wenigen in Europa noch geben? Wäre es nicht einfacher neue Regenschirme zu verkaufen? „Ich habe Perioden, wo ich alles satt habe. Dann sage ich Tatjana, wir machen alles zu, es lohnt sich nicht“, sagt fast resigniert Oma Ljubinka. Aber dann packt sie immer wieder die Liebe zu ihren „Patienten“. 40 Jahre, in denen sie sich liebevoll um sie und ihre Besitzer gekümmert hat, können nicht einfach weggewischt werden. Was die beiden Frauen im täglichen Überlebenskampf ermutigt, ist die Tatsache, dass ihr Handwerk inzwischen zum immateriellen Erbe und zur Geschichte Belgrads gehört. Manchmal bestellen Belgrader Theater alte Sonnenschirmmodelle für ihre Vorstellungen. Auch Filmemacher waren ihre Kunden, zuletzt eine Hollywoodproduktion, die in Belgrad drehte. Besitzer einiger kleinerer Hotels und Hostels aus dem Zentrum haben den Laden bereits auf Eigeninitiative in ihre Stadt-Touren aufgenommen. Mit Tochter Tatjana und den beiden Enkelinnen, die Interesse am Handwerk zeigen, wäre der Nachwuchs gesichert. Ob das im täglichen Überlebenskampf  ausreichen wird? Ich zumindest werde meine Patienten jetzt regelmäßig  zur „Regenschirm-Doktorin“ bringen und hoffen, dass meine Kinder auch diese Möglichkeit haben werden

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