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Unwürdiges Gedenken
60. Jahrestag des Ungarnaufstandes

Ein Kommentar von Stephan Ozsváth

Es hätte ein würdevolles Gedenken sein können. Eine Erinnerung an die, die vor 60 Jahren in Ungarn gegen sowjetische Panzer kämpften: Mit Molotow-Cocktails und Handfeuer-Waffen. Eine David-Goliath-Erzählung. Das kleine, freiheitsliebende Ungarn gegen die übermächtige Sowjetunion.

Wie es ausging, wissen wir – auch dieser ungarische Freiheitskampf endete in einer Niederlage – aber einem moralischen Sieg. 2700 Ungarn starben dabei, 200.000 gingen ins Exil. Unter ihnen auch mein Vater.

Die Regierung Orbán hat sich das Gedenken an den Aufstand vor 60 Jahren viel Geld kosten lassen. 44 Millionen Euro gab sie aus für eine 3 D-Ausstellung, eine Nostalgie-Straßenbahn, Wandplakate, Lehrerfortbildungen, Veranstaltungen weltweit. Offenbar geht es hier um mehr: Viktor Orbán und seine Leute, allen voran seine Hofhistorikerin Mária Schmidt, die er zur Gedenkbeauftragten machte, haben den Aufstand für ihre politischen Ziele gekapert. Wir sind die Erben von 56, das ist die Botschaft.

Ihre Erzählung ist eine Heldenerzählung. Der Budapester Jungs, kaum 15 Jahre alt, die sich den Panzern entgegen stellten. Und dabei starben. Es ist die Erzählung eines nationalen Freiheitskampfes gegen eine übermächtige ausländische Macht. Diese Idee macht sich Viktor Orbán zueigen. Gestern gegen russische Panzer, heute gegen Brüsseler Bürokraten – das ist seine Rhetorik. Er spielt virtuos auf der Klaviatur des ungarischen Opfermythos, der aus Niederlagen Siege macht.

Mit spöttischem Gesichtsausdruck und erkälteter Stimme trat er vor Tausende Anhänger vor dem Parlament in Budapest, wo vor 60 Jahren auch die Demonstranten hinzogen. Wo die Sowjets ein Blutbad anrichteten.

Hier zog Orbán das Andenken an die Aufständischen in die Niederungen des Populismus, warnte vor einer Sowjetisierung der Europäischen Union, stellte seinen Anti-Flüchtlingszaun in eine Reihe mit dem Aufstand und der Grenzöffnung 1989. Die Botschaft: Wir sind die Erben der 56er. Linke Veteranen von damals waren übrigens nicht geladen, dafür der polnische Präsident Duda, mit dem Orbán eine neue Waffenbrüderschaft geknüpft hat: in einem nationalistischen Aufbegehren gegen die EU, von der beide Länder profitieren. In diesem Stall könne man gemeinsam noch viele Pferde stehlen, so das süffisante Bonmot des polnischen Nationalisten Kaczynski.

Auch die Opposition in Ungarn kochte ihr politisches Süppchen auf den Feierlichkeiten. Der ehemalige sozialistische Premier Gyurcsány warb bauernschlau um Einigkeit – Ungarn müsse die Heimat aller sein: der Orbán-Anhänger vor dem Parlament, wie der anderen in der Opposition. Seine Schlussfolgerung: Deshalb müsse die Regierung abgewählt werden. Andere posierten seit Tagen mit Trillerpfeifen im Netz, um Orbán lautstark ihre Meinung kundzutun. 1956 sei man gegen die Krakenhand Moskaus aufgestanden, heute suche der ungarische Premier jeden Tag mehr den Schulterschluss mit Putin, so der Vorwurf.

Die Erzählung der Linken und Liberalen über den Aufstand ist eine andere: 1956 sei eine Erhebung für einen demokratischen Sozialismus gewesen. Eine Reformbewegung. Eine republikanische Bewegung. Eine für Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, nationale Selbstbestimmung.

Trillerpfeifen untermalten den Festakt dieses Jahr, es kam zu Handgreiflichkeiten. Das war keinen Deut besser als bei den Feierlichkeiten vor 10 Jahren, als Rechtsextreme und Anhänger des damaligen Oppositionsführers Orbán wochenlang das Parlament belagerten, um den Rücktritt des sozialistischen Premiers Gyurcsány zu erzwingen. Einer kaperte sogar einen russischen Panzer und fuhr damit durch Budapest. Es kam damals auch zu Straßenschlachten. „Gyurcsány, hau ab“ riefen sie damals, oder Schlimmeres. „Viktator“ riefen sie heute.

Was der Aufstand 1956 zeigte: Wenn nötig, können die Ungarn gemeinsam Unmenschliches leisten. Sie hatten eine Vision. Voller Bewunderung und Respekt schaute man 1956 und danach auf die wagemutigen Ungarn und ihren Freiheitskampf. Davon sind die zerstrittenen Zeitgenossen im Ungarn von heute Lichtjahre entfernt. Es gibt keine gemeinsame Vision in Ungarn, die über der Tagespolitik steht. Nur tiefe Gräben.

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Der Zorn der Veteranen des Ungarnaufstandes

Beitrag: Till Rüger

Kamera: Markus Grohs

Schnitt: Christine Dériaz

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