Das Leben in der Trepca-Mine. Foto: ©Ridvan Slivova

Das größte Bergwerk im Kosovo wird verstaatlicht
„Meine Helden von Trepca“

Vor kurzem beendete das kosovarische Parlament eine Ära. Es entschied, das Trepca-Bergwerk zu verstaatlichen. Die Regierung soll nun selbst mit 80 Prozent der Anteile zum größten Anteilseigner werden. Die restlichen 20 Prozent werden den Trepça-Angestellten überlassen. Die serbische Regierung in Belgrad missbilligt diese Entscheidung, denn sie erhebt immer noch selbst Ansprüche auf Trepça.

Für unseren Mitarbeiter in der kosovarischen Hauptstadt Pristina, Besnik Hamiti, und die Menschen im Kosovo haben das Bergwerk und seine Männer unter Tage, eine ganz besondere Bedeutung.

Über die Erzählung Unverhofftes Wiedersehen, meinte der Philosoph Ernst Bloch einmal sie sei die “schönste Geschichte der Welt”. Der deutsche Dichter Johann Peter Hebel hatte da eher die grausamen Arbeitsbedingungen der Grubenarbeiter im Sinn, als er schrieb: „der Bergmann hat sein Totenkleid immer an“.

“Trepca punon, Beogradi nderton” (Trepça arbeitet, Belgrad wird aufgebaut) war einer der Slogans der Studentendemonstrationen 1981, die erst in soziale Unruhen mündeten und sich dann auf Forderungen nach der Gleichberechtigung des Kosovo mit den anderen Teilen der jugoslawischen Föderation ausweiteten. Dass der Gewinn von Trepca, dem größten Unternehmen des Kosovo, für die Weiterentwicklung Serbiens benutzt worden war und nicht wieder für den Wohlstand der Einwohner des Kosovo eingesetzt wurde, war der Grund, weshalb viele Menschen mehr politische Rechte verlangten. Sie wollten ihre Investitionsentscheidungen selbst treffen, ohne Einfluss aus Belgrad.

Demonstrationen in Pristina für die Nationalisierung von Trepca 2015. Foto: BR | Besnik Hamiti
Demonstrationen in Pristina für die Nationalisierung von Trepca 2015. Foto: BR | Besnik Hamiti

Trepca war weit mehr als ein Bergwerk, eher ein verzweigtes Unternehmen, das die Bodenschätze auch nach 1983 weiter exportierte. Produkte im Wert von 103 Millionen Dollar. Sie ist damit in diesem Jahr das fünft stärkste jugoslawische Exportunternehmen. Mit dem Aufstieg des späteren Kriegsherrn Slobodan Milosevics wurde zunächst versucht, die Autonomie des Kosovo zu beenden. Aus Protest dagegen, traten die Bergarbeiter von Trepca in der Grube Stan Terg im Februar 1989 in einen achttägigen Hungerstreik. 800 Meter unter der Erde! Ein verzweifelter Versuch, die Autonomie zu behalten und die Abdankung der kommunistischen Regierung des Kosovo zu erzwingen. Der kommunistische Führer Stipe Suvar überzeugte die Arbeiter jedoch, den Streik abzubrechen. Man werde über die Forderungen nachdenken, hieß es. Dies erwies sich allerdings als ein Trick, denn die Bergleute wurden oben am Grubenausgang von einer Spezialeinheit empfangen. Tags darauf wurde im Kosovo der Notstand ausgerufen.

Als Erstsemester nahm ich damals an den ständigen Studentenprotesten teil, denn wir wollten uns mit den Bergleuten solidarisieren. Die Proteste wurden so lange fortgesetzt, bis der Hungerstreik endete. Damals kamen mir Hebels Zeilen über die Bergarbeiter immer wieder in den Sinn, die in jedem Augenblick für den Tod bereit sein müssten.

Einen Monat später traten unter Polizei- und Panzerbelagerung die gesetzlichen Änderungen in Kraft, die dem Kosovo seinem Autonomiestatus innerhalb Jugoslawiens absprachen, und die damalige Regierung in Belgrad gewann die volle Kontrolle. Dreißig Albaner wurden bei den Protesten, die darauf folgten, während der Zusammenstöße mit der Polizei getötet. Es war der Beginn des Falls des Kommunismus und des blutigen Endes Jugoslawiens.

Das Unternehmen wurde dann seit 1999 privat geführt und förderte nur noch minimale Mengen von Erz. Im Zuge des Konkursverfahrens und der Auflösung 2015 begannen die Bergarbeiter wieder zu streiken, um den Druck auf Parlament und Regierung des Kosovo zu erhöhen, die das Kapital des Unternehmens verstaatlichen wollten.

Mit ihrer Opferbereitschaft, ihrer ehrlichen Arbeit und mit ihrer großen Selbstaufgabe haben sich die Bergleute des Kosovo zu einer moralischen Instanz entwickelt, die bis heute in der Lage ist die Nation zu jeder Zeit zu mobilisieren.

Zum Beispiel im Jahr 2015. Damals kam es wieder zu Bergbauprotesten in Pristina und Hebels Geschichte erlangte eine neue Aktualität. Seit ihren Protesten im 1989 ist unendlich viel passiert. Die Berliner Mauer ist gefallen, die Sowjetunion hat sich aufgelöst, der Krieg in Jugoslawien begann und nach und nach wurden die Nachfolgeländer unabhängig. Die NATO führte Krieg im Kosovo. Und viele Politiker starben, die diese Zeit wie auch immer mitgeprägt haben. Darunter der Kroate Franjo Tudjman, der Bosniake Alija Izetbegovic oder der Kosovare Ibrahim Rugova starben. Auch der ehemalige Kriegsherr Slobodan Miloševic starb im Gefängnis in Den Haag, angeklagt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Viel geschah also, aber die Bergleute arbeiteten weiter. Und damit wären wir wieder in Trepca und meinen persönlichen Erlebnissen mit den Männern, die für damals richtige Helden waren. Und das Mindeste, was ich für diese Männer tun konnte, war: Hebels Unverhofftes Wiedersehen ins Albanische zu übersetzen. Denn es war einfach zu schade, dass es bis dahin keine albanische Version dieser wundervollen Geschichte gegeben hat!

Industrieanlage von Trepca. Foto: BR|Besnik Hamiti
Industrieanlage von Trepca.
Foto: BR | Besnik Hamiti

 

DIE GESCHICHTE DER TREPCA MINEN

1930 begann die britische Gesellschaft Selection Trust Eisenerz aus den mittelalterlichen Gruben von Stan Terg zu gewinnen. Blei und Zink waren damals die beiden wichtigsten Metalle des Bergbaubetriebs von Trepca. Silber und Gold baute man in geringeren Mengen ab. Während des Zweiten Weltkriegs arbeiteten die Minen von Trepca unter deutscher Besatzung. Von 1945-1990 entwickelte sich das Unternehmen zu einem der erfolgreichsten und größten im früheren Jugoslawien. Es gab sowohl metallverarbeitende, als auch chemische Industrie. Damit wurde das Bergwerk zu einem Symbol des ökonomischen Fortschritts in einem eher schwachen  Gebiet Jugoslawiens. Nach der Aufhebung der Autonomie wurden die Arbeiter von Trepca entlassen und es gab immer mehr Schwierigkeiten, das verzweigte Unternehmen am Leben zu erhalten. Denn niemand wollte mehr unter solch harten Bedingungen arbeiten. Der Betrieb schloss mehrere Einheiten und konzentrierte sich auf Bergbau und nur in wenigen Bereichen auf Metallurgie. Nach dem Kosovokrieg 1999 teilte sich das Unternehmen, nachdem auch die Stadt Mitrovica in zwei Teile geteilt worden war. In einen südlichen mit albanischer Mehrheit und einen nördlichen mit serbischer Mehrheit. Zwei Minen (Crnac und Belo Brdo) und die Schmelzerei in Zvecan wurden dem Norden zugeordnet, Stan Terg, Hajvalia und Artana dem Süden.

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