Die kleinste Gemeinde Bosnien und Herzegowinas, Istocni Drvar (Ostdrvar) zu finden, ist kein leichtes Unterfangen. Foto: BR | Eldina Jasarevic

Bosnische Realität: Istocni Drvar
Im winzigen Städtchen Ostdrvar sitzt die Hälfte der Bewohner im Gemeinderat

Die Stadt Drvar im Westen Bosnien und Herzegowinas war einmal eine Stadt in der rund 18.000 Menschen lebten, fast ausschließlich alle waren Bosnier mit serbischer Nationalität. Doch im Bosnien-Krieg bekam in Drvar die Armee der bosnischen Kroaten die Oberhand und das hatte Folgen, die bis heute sichtbar sind. Denn bei den Friedensverhandlungen von Dayton wurde die Stadt Drvar zweigeteilt. So wie das ganze Land. Und zwar in die „Föderation von Bosniaken und Kroaten“ und in die „Republika Srpska“, wo vorwiegend Serben leben.

Was bedeutete das für Drvar?

Der größere Stadtteil mit Wohnungen, Häusern, Fabriken, Plätzen, Parks, Straßenampeln und Geschäften fiel den Kroaten zu, den militärischen Siegern und sie behielten den  Namen der Stadt Drvar bei.

Den kleineren Teil des Stadtgebietes mit vielen Wäldern und nur wenig Infrastruktur bekamen die Serben, die damals militärisch unterlegen waren. Sie tauften „ihre Stadt“ um und nannten sie Ostdrvar. Um die militärische Niederlage und das politische Versagen am Verhandlungstisch zu überdecken, verliehen die serbischen Behörden dem fast menschenleeren Ostdrvar den Status einer Ortsgemeinde. Und so haben die 79 Einwohner dort ihre eigene Gemeindevorsteherin und ihren eigenen Gemeinderat. Bei den letzten Kommunalwahlen bewarben sich 48 der Einwohner für den Gemeinderat. Also fast zwei Drittel der Gemeindebevölkerung zieht es in die Politik! Wer es in den Gemeinderat schafft, bekommt ein festes Einkommen und hat für die kommenden vier Jahre ausgesorgt.

Stojanka Marceta  ist Hausfrau. Als ich zu ihr komme, hat sie gerade Kraut für den Winter eingelegt. Auch Stojanka hat für den Gemeinderat kandidiert, ebenso wie eines ihrer zwei Kinder. Ihr Sohn Ognjen hat es sogar schon einmal zum Gemeindevorsteher gebracht. Wenn sie Glück haben, dann leben bald zwei Gemeinderatsmitglieder unter einem Dach.  Umgerechnet fast ein Fünftel des ganzen Gemeinderats.

Die Gemeindevorsteherin Milka Ivankovic bringt mich dann zu Mutter und Sohn Marceta. Keiner hier findet es merkwürdig,  dass ihre Ortschaft keinerlei Infrastruktur hat: keine Schule, kein Lebensmittelgeschäft, keinen Zeitungskiosk, kein Postamt. Die kroatischen Machthaber im größeren Drvar würden die Serben in „Ostdrvar“ diskriminieren und ihnen keine Arbeit geben, heißt es hier unter den Arbeitern.

Doch kann man die kroatischen „Nachbarn“ in Drvar auch nicht völlig ignorieren. Schließlich befinden sich in deren Stadtteil die Häuser der Serben. So führen die Serben ein zwiegespaltenes Leben: Sie wohnen im  kroatischen Drvar (Teil der Föderation BiH) und arbeiten im serbischen Ostdrvar (Republika Srpska). Die Holzindustrie bietet in der Saison über 200 Menschen Arbeit, aber fast ausschließlich nur Serben. In Ostdrvar gehen die Serben auch zum Arzt und serbische Veteranen erhalten hier ihre Soldatenrente. Ohne eine serbische Ortsgemeinde als Verwaltungseinheit würde das alles nicht funktionieren. Ostdrvar sei die letzte Oase in der Drvar-Region, wo einst die Serben die nationale Mehrheit bildeten und das Sagen hatten, erklärt man stolz.

Aber dieses Ostdrvar stirbt allmählich aus. Viele Serben wandern aus und nur noch ein Kind, das jünger als 9 Jahre ist, lebt hier. Der Bau einer Schule steht nicht auf dem Plan und Drvar wird wohl bald mehrheitlich kroatisch werden, was es bisher nie war. Das ist die Geschichte der Stadt Drvar im Westen Bosnien und Herzegowina, in der einmal rund 18.000 Menschen lebten. Das hat sich geändert, weil bei den Friedensverhandlungen  militärische Siege zählten und nicht die Menschen.

Auch wenn sie nur über 79 Einwohner 'herrscht', soll Gemeindevorsteherin Milka Ivankovic bald in einem richtigen Gemeindehaus residieren - die Pläne sind fertig. Aber sie wird auch dann weiterhin nach Drvar fahren, wo sie lebt. Foto: BR | Eldina Jasarevic
Auch wenn sie nur über 79 Einwohner 'herrscht', soll Gemeindevorsteherin Milka Ivankovic bald in einem richtigen Gemeindehaus residieren - die Pläne sind fertig. Aber sie wird auch dann weiterhin nach Drvar fahren, wo sie lebt. Foto: BR | Eldina Jasarevic

Ein Blick auf die kleinste Gemeinde Bosnien und Herzegowinas

Im Zentrum von Istocni Drvar

Alles auf einem Blick: Kneipe, Wohnhaus, Ambulanz und Gemeindevorsteherin.

von Eldina Jasarevic

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