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Christine Nöstlinger 2016. Foto: picture alliance | APA | picturedesk.com

Die Wiener Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger wird 80
Kinderbuchhelden mit Migrationshintergrund wären dringend nötig!

"Humor macht alles erträglicher."

"Es wäre dringend notwendig, dass man heute Bücher schreibt in denen Kinder mit Migrationshintergrund die Helden sind. Ich würde das gerne tun, aber ich traue es mir nicht zu. Das müsste jemand tun, der sich in diesem Milieu auskennt. "

"Der Ideologie nach, war ich sehr einverstanden mit den 68ern."

Christine Nöstlinger, Autorin

Die Straßenbahn rumpelt durch den zwanzigsten Wiener Bezirk Brigittenau, ein Arbeiterbezirk, in dem Christine Nöstlinger ganz oben in einem Altbau wohnt. „Ich schwimme in Champagner“ sagt sie zur Begrüßung trocken. Denn rund um den achtzigsten Geburtstag hat sie einige Flaschen geschenkt bekommen. Ein Rollator unterstützt sie beim Gehen ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch steht ein Aschenbecher mit Kippen darin. Trotz Geburtstagsstress wirkt Christine Nöstlinger gelassen. Zurzeit schreibt sie Gedichte. Böse Dialektgedichte für Erwachsene. „Ich arbeite aber nur noch wenn ich Spaß dabei habe“ sagt sie.

 

1970 sieht das völlig anders aus. Zwischen zwei Töchtern und frustrierender Hausarbeit ringt sich die studierte Graphikerin ihr Erstlingswerk ab, das sie auch selbst illustriert. „Die feuerrote Friederike“ handelt von einem Mädchen, das wegen seiner roten Haare geärgert wird. Es wird prompt ein durchschlagender Erfolg, an den sie noch x-fach anknüpfen wird. Die Autorin hegt damals Sympathien für die 68er und schreibt rund 150 Kinderbücher. Darunter der Gurkenkönig, das Arbeitergespenst oder Konrad aus der Konservendose. Als die Pionierin der Kinderbuchliteratur Ende der 60er Jahre mit dem Schreiben beginnt, gibt es diesen Begriff noch gar nicht. Ihrer Erinnerung nach verwendet ihr Verleger Jochen Gelberg den Begriff zum ersten Mal. Bis dahin redet man allgemein nur von Kinderbüchern und diese haben pädagogisch wertvoll zu sein. Mit der Wienerin Christine Nöstlinger zieht ein völlig neuer Ton in die Kinderbücher ein. Ihre Figuren sind aufmüpfig, vorlaut, frech und phantasievoll unangepasst. Sie sind aber auch mal deprimierte Außenseiter oder grübeln über die Ehekrise ihrer Eltern. Nöstlingers Kinderfiguren stellen vor allem die Autorität von Erwachsenen in Frage und ganze Horden von Lehrern oder Eltern regen sich damals fürchterlich darüber auf. Auch weil Nöstlinger über Tabus schreibt, verunglimpfen ihre Kritiker ihre Sprache als „Pfui-Sprache“. Diese verwendet sie nicht nur in ihrer Prosa, sondern auch in Gedichten. Folgender Vierzeiler sorgt auch bei ihrem Cheflektor damals für Bauchschmerzen: „Lieber Gott im Himmel, ich greif mir oft an den Pimmel, kann das wirklich Sünde sein? Bin mir sicher du sagst nein“. Heute findet niemand mehr etwas dabei, ist sich Christine Nöstlinger sicher und lacht. Sie rutscht auf dem braunen Ledersofa in ihrem Wohnzimmer ein wenig nach vorne. Bei ihr gibt es keinen Plüsch und keine Kissen mit Knick, sondern moderne zeitlose Möbel und einen atemberaubenden Blick aus dem Fenster auf Wien.

 

Nöstlingers Liebe zum Wienerischen durchzieht alle ihre Bücher. Da werden Schwammerl, Fisolen oder Kolatschen verspeist und kleine Braune oder Verlängerte getrunken. Für Nichtösterreicher versehen mit Sternchen und Fußnoten. Aber sie achtet auch darauf, dass Kinder und Jugendliche ihre Bücher überall im deutschsprachigen Raum verstehen. Ein „Quarkteilchen“ anstelle von „Topfenkolatschen“  zu verwenden, das käme allerdings nicht in Frage. Mit ihren Büchern hat sie ganze Generationen von Kindern geprägt und die heutige Patchworkfamilie lange vorweggenommen.  In Kinderbüchern muss es immer auch um Gefühle von Kindern gehen, erklärt Christine Nöstlinger. „Kinder wollen sich als Leser mit der Hauptfigur identifizieren und da wollen sie wissen was diese Figur denkt und wie sie fühlt und da bin ich mein einzig verlässliches Modell“.

 

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"Ich kann schreiben über ängstliche Kinder, über Kinder die mit der Umgebung unzufrieden sind, ein bisschen vielleicht sogar opportunistisch sind. An solche Emotionen erinnere ich mich. Die kann ich ganz gut beschreiben." - Christine Nöstlinger
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Geboren wird Christine Nöstlinger am 13. Oktober 1936 in Wien, wo sie im Arbeiterbezirk Hernals aufwächst. Ihre gutmütige Mutter arbeitet als Kindergärtnerin, ihr Vater ist Uhrmacher, Sozialdemokrat und er ermuntert sie zu lesen. Zu ihm hat sie ein enges und liebevolles Verhältnis und er prägt ihre Liebe zur Literatur ebenso, wie ihre politische Haltung. Ihre Großmutter schimpft oft lautstark über „den Hurensohn Hitler“ und ihr Großvater hört die damals verbotene BBC. Sie hat eine fünf Jahre ältere Schwester und in „Maikäfer flieg“ verarbeitet sie ihre Kriegskindheit in Wien. Das Buch wird 2016 verfilmt.

 

Zeit ihres Lebens ist Christine Nöstlinger nicht nur enorm fleißig, sondern auch eine sehr vielseitige Autorin. Zeitweise hat sie drei Schreibtische, denn außer Kinderbüchern schreibt sie Drehbücher und jahrzehntelang tägliche Zeitungskolumnen. Sie verfasst Essays, schreibt ihre Autobiographie, erfindet den legendären „Dschi Dschei Wischer“ für den ORF und schreibt bis heute Gedichte. In diesen verwendet sie ihren Wiener Dialekt. 2013 erscheint ihr bisher letztes Lesebuch für Kinder. „Als mein Vater die Mutter von der Anna Lachs heiraten wollte.“ Doch sie hat sich von den Kinderwelten entfernt, wie sie meint. Und sie appelliert an andere Schriftsteller. Denn ihrer Meinung nach wäre es dringend nötig, Geschichten zu schreiben in denen Kinder mit Migrationshintergrund die Helden sind. Sie würde es gerne machen, traut es sich aber nicht zu, wie sie sagt. Denn sie kenne das Milieu nicht gut genug. Mit 80 Jahren muss sich auch Christine Nöstlinger mit Gedanken an Krankheit oder den Tod auseinandersetzen. „Humor macht das ganze erträglicher“ meint sie. Geht es den Kindern heute besser, als zu der Zeit, in der sie mit dem Schreiben begonnen hat? Das hängt von der sozialen Herkunft ab, findet Christine Nöstlinger. Kindern, deren Eltern zur gut verdienenden Mittelschicht gehören und die liberal denken, denen gehe es heute sehr gut. Aber Kinder, die der sogenannten Unterschicht angehören würden, hätten es bis heute schwer. Was die Oberschicht angeht, wisse sie es nicht, denn da habe sie nie hineingerochen.

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