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Es gibt viele ungewöhnliche Orte wie Auto, Fitnesscenter und Bus, an denen einem Pokémons begegnen können. Foto: Screenshot Pokémon Go

Jagdszenen in Wien
Selbstversuch: Ist der Pokémon-Hype vorbei?

Inzwischen kann ich Pokémon Spieler von anderen Handynutzern unterscheiden: Pokémon Spieler haben ein Kabel, das aus der Hosentasche ragt und das Handy mit dem Zusatzakku verbindet, denn Pokémon Go verbraucht viel Akkuleistung. Der eingebaute Akku im Handy reicht nur für ein bis zwei Stunden. Aber Pokémon Go ist eine Daueraufgabe – zumindest für einige der Menschen, die ich in den vergangen Tagen getroffen habe. Fast genauso verräterisch ist das grün-leuchtende Display. Und natürlich der Sound der synthetischen Musik in Endlosschleife mit den passenden Videospiel Geräuschen dazu. Wer den Sound nicht auf lautlos schaltet wird sofort erkannt.

Zwar ist der erste Hype von Pokémon Go vorbei, doch jeden Abend ziehen immer noch dutzende Spieler mit den hellleuchtenden Displays an meiner Wohnung im 5. Wiener Gemeindebezirk vorbei. Einzeln, in Pärchen oder in kleinen Gruppen. Inzwischen sind alle Altersgruppen vertreten – von 7 bis 77. Pokémon Go ist zum urbanen Phänomen geworden, zumindest in Wien. Meine Wohnung liegt zentral zwischen drei Poke-Stopps an den man Bälle zum Fangen der Pokémons, Himmihbeeren zum füttern und Zaubertränke zum punkte-heilen nach einem Kampf einsammeln kann. Bequem von meinem Bett aus erreiche ich die drei Poke-Stopps durch vor und zurück bewegen meines Handys. Andere dagegen müssen stundenlang umherstreunen um genügend Nachschub für die Jagd zu sammeln. Diese fast perfekte Pokémon- Lage provoziert natürlich einen Selbstversuch. Wie lange hält die Faszination dieses Phänomens an? Ich beschließe mich im Interesse meiner Leser dem Pokémon-Hype hinzugeben. Frühere hieß das ganze Schnitzeljagd und erfolgte ebenso in Gruppen, aber das war vor der Erfindung des Smartphones. Ich beginne also täglich nach Pokémon zu suchen, und siehe da. Sie sind überall: Ein Krabby in meiner Spüle, ein Hypno im Treppenhaus, ein Appollo im Flur, ein Rattfratz zwischen den Zeitschriften. Meine ganze Wohnung scheint ein einziges Gehege für die possierlichen Tierchen zu sein. Nur in die Toilette folgen sie mir nicht.

Schnell erreiche ich Level 7. So gerüstet traue ich mich vor die Türe. Draußen entdecke ich noch mehr davon und vor allem Pokémon-Jäger und -Sammler. Erst nur vereinzelt, dann ziehen sie zu Hunderten durch meine Straße, über die Plätze und durch die Parks der Stadt. Ein kurzer Blick, ein Augenkontakt und ich weiß, sie spielen alle mit. Bereits am zweiten Tag meines Selbstversuchs begegnet mir eine Familie im Pokémon-Fieber. Die Kinder sind 8, 10 und 12. Die Eltern mit dabei. Alle fünf hängen sie am Display, halten abwechselnd die Smartphones hoch und jubeln gemeinsam. Vielleicht unternehmen diese fünf das erste Mal seit Wochen wirklich etwas zusammen, überlege ich mir, so wie viele die nun regelmäßig mit anderen um die Häuser ziehen? Pokémon-Go schafft ein Gemeinschaftsgefühl, dass es wohl so vorher nicht gab. Auch ich bin nun Teil dieser Community.  Ich jage inzwischen Pokémon auf dem Weg zum Büro, im Bus, auf der Straße, an der Tankstelle, im Fitnesscenter – morgens, mittags und abends. Und dann zieht es mich in den Wiener Stadtpark. Hunderte Menschen aller Altersklassen sitzen hier im Schatten des goldenen Johann-Strauß-Denkmals und tauschen sich aus, rufen, tuscheln und laufen in wilden Horden hin und her. Eine Gruppe trägt sogar passende T-Shirts, alle leuchtend gelb für Team „Intuition“. Rote Shirts sehe ich kaum, sie stehen für Team „Wagemut“. Ich gehöre zu Team Blau: „Weisheit“. Inzwischen habe ich mich bis Level 14 hochgespielt. Ähnlich sieht es im Burggarten und am Karlsplatz aus – wer genau hinschaut erkennt überall Pokémon-Jäger.

Um schneller auf das nächste Level zu kommen, konsultiere ich nun einen Experten. Er arbeitet in verantwortungsvoller Position in einem bekannten Wiener Unternehmen und will seinen Namen hier lieber nicht lesen. Er weiht mich ein, in die Welt des Pokémon-Spiels für Fortgeschrittene, verrät Tipps und Tricks. Um die alle zu lernen, muss ich zwei Abende mit ihm durch Wien tigern.

Um möglichst viele und seltene Pokémon zu fangen, bleiben wir ständig in Bewegung. Nur wer viel läuft brütet auch zügig die Pokémon-Eier aus. Die gibt es in 2km, 5km und 10km Versionen. Ich soll zudem möglichst viele Entwicklungs-Bonbons sammeln und dann die entsprechenden Pokémon alle auf einmal weiterentwickeln um dabei das Glücks-Ei optimal zu nutzen. Denn das für 30 Minuten aktivierte Glücks-Ei verdoppelt alle in diesem Zeitraum erspielten Punkte. So erreicht man schneller das nächste Level, erklärt er mir. Das sei das Ziel jedes Spielers.

Je höher das Level, desto mehr und desto seltenere Pokémon kann man finden. An einem Abend fange ich mit seiner Hilfe über 200 Pokémon und steige auf Level 20. Außerdem bringt er mir bei, wie man die verschiedenen Poke-Bälle optimal wirft, indem man sie vorher in Rotation versetzt. Auch das gibt extra Punkte. Danach spiele ich noch ein paar Tage weiter, bis Level 21. Doch inzwischen wiederholt sich fast alles im Spiel und ich verliere nachhaltig das Interesse.

Mein Resümee nach zwei Wochen Pokémon Go: Man lernt beim Spazieren gehen vor allem auch Spielerinnen und Spieler  kennen, mit den man sich sonst nie unterhalten hätte, es ist irgendwie ein „soziales“ Projekt. Bei Level 22 beschließe ich dennoch den  Selbstversuch zu beenden. Für mich ist es viel interessanter die Menschen dabei zu beobachten, als selber zu spielen. Denn auch Pokémon Go verliert –so wie viele andere Videospiele-  wieder schnell seine Faszination.

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