Natascha Kampusch 10 Jahre nach ihrer Flucht - sie lebt nach wie vor in ihrer Heimatstadt Wien. Foto: BR | Daniel Dzyak

10 Jahre nach der Flucht
Natascha Kampuschs Trauma nach dem Trauma

Schon wieder ein Buch von Natascha Kampusch? Das war meine erste Reaktion. Und so ging es anderen wohl auch. Warum die Geschichte noch mal aufwärmen? Warum noch ein Buch? Natascha Kampusch begleitet mich jetzt schon seit zehn Jahren. Als ich für mein Stück Leute auf der Straße befragte, gab es die üblichen Reaktionen: „Arme Frau, aber sie soll ihr Schicksal nicht vermarkten“.

 

Ich war vor zehn Jahren das erste Mal im ARD-Studio Wien – damals noch als Urlaubsvertreter. Die Top-News damals: Natascha Kampuschs Flucht aus dem Verlies. In meinem Lieblings-Schnitzelrestaurant saßen die Kollegen aus aller Welt und rätselten: Wo ist Natascha Kampusch? Die mediale Treibjagd war eröffnet. Schnitzelkauend schämte ich mich für meine Zunft. Dann gab sie ihr erstes Interview. Nur wenigen Zeitungen und Sendern. Schon damals erstaunte mich: Wie eloquent ist diese junge Frau, nach dem, was sie erlebt haben musste?

 

Auch die ARD berichtete ausführlich über Natascha Kampusch – immer wieder. Ich auch. Über das zweite Interview – ein Jahr nach ihrer Flucht. Über die Verfilmung ihres ersten Buches. Und jetzt über das zweite Buch, Untertitel: „10 Jahre Freiheit“. Im Interview sagt sie, sie hätte da lieber ein Fragezeichen hinter den Titel gemacht. Wenn man das Buch liest, versteht man auch warum. Es sind menschliche Abgründe, die sie ausbreitet: von geschmacklosen Witzen, Verschwörungstheorien, Anschuldigungen, Beschimpfungen. Natascha Kampusch wurde zum zweiten Mal Opfer. Sie geriet vor zehn Jahren in eine andere verhängnisvolle Verstrickung. Nachdem sie sich von ihrem Peiniger W. Priklopil befreien konnte, begann die Komm-Her-Geh-Weg-Beziehung mit den Medien.

 

Vielleicht ist gerade die Öffentlichkeit meine Privatheit.

Natascha Kampusch

Ich will glücklich sein und ich möchte mich nicht selbst in Aufregung bringen, indem ich zur Klägerin oder Anklägerin werde.

Natascha Kampusch

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Natascha Kampusch bei der Präsentation ihres zweiten Buches in einer Wiener Buchhandlung. Foto: BR | Daniel Dzyak
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Als ich mich mit dem neuen Buch beschäftigt habe, hat mich die ganze Zeit eine Frage umgetrieben: Warum schlägt dieser jungen Frau so viel Hass entgegen, wo sie doch Mitgefühl verdient hätte? Wir haben im Studio, im Freundeskreis, in der Familie viel darüber diskutiert. Irgendwann kam ich darauf: Wo ist eigentlich ihre Wut, die sie zwangsläufig haben muss? Sie wirkt abgeklärt, seltsam entrückt, eloquent bei ihren Medienauftritten. Sie beschreibt die Welt im Therapie-Modus, verkopft. Ihre Gefühle behält sie für sich – ein letztes Stück Privatheit. Aber die sind es, die Menschen authentisch sein lassen, die Mitgefühl möglich machen. Im Buch lässt sie vor allem Fakten sprechen. Sie will damit die Deutungshoheit über ihr Leben behalten. Mich macht es wütend zu lesen, dass ein ehemaliger Verfassungsgerichtspräsident öffentlich darüber sinnierte, dass es Natascha Kampusch in Priklopils Kellerverlies womöglich besser gegangen sei als in ihrem früheren Leben als Scheidungskind aus bescheidenen Verhältnissen. Ein Zynismus, bei dem einem die Spucke wegbleibt. Man möchte ihr einen Boxsack schenken…

Das ist eine arme Frau, aber sie will jetzt ihr Schicksal vermarkten.

Passant
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