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Kurz vor Start des ersten Films auf der berühmten Piazza Grande. Foto: BR | Christine Deriaz

Die 69. Ausgabe des Filmfestivals von Locarno mit Blick auf Südosteuropa
Bulgarischer Film "Godless" gewinnt den Goldenen Leoparden

Wenn Anfang August durch die Gassen von Locarno nicht nur Einheimische und Touristen, sondern auch jede Menge Cineasten, Cinephile und Journalisten laufen, eine riesige Leinwand die Piazza Grande dominiert und jede Menge Leopardiges, von Kitsch bis Kunst zu sehen ist, dann ist wieder Filmfestival, und zehn Tage lang wird sich (fast) alles ums Kino drehen. Bekanntlich ist Kunst zwar schön, macht aber auch viel Arbeit; und, Kunst, besonders Filmkunst, kostet Geld, viel Geld. Kein Wunder also, dass viele der gezeigten Filme internationale Koproduktionen sind.

 

"Godless"

Der Film
Der Film "Godless". Foto: Filmfestival Locarno

Richtig abgeräumt hat allerdings der Bulgarische Film „Godless“ von Ralitza Petrova, sie bekam den Goldenen Leoparden, den Preis der Ökumenischen Jury, und die Hauptdarstellerin den Leoparden für die besten weibliche Rolle.

Eine düstere, graue Geschichte, bei der sofort klar ist: das kann niemals gut ausgehen. Eine Krankenschwester vom ambulanten Pflegedienst klaut ihren alten Patienten die Personalausweise, diese werden von ihrem Freund, einem Automechaniker, an Männer, die man nie sieht, sondern nur hört, verkauft. Was zunächst wie reine Gaunerei aussieht entpuppt sich als ganz groß angelegte Geldwäsche, die selbstverständlich nur funktioniert, weil Polizei und Justiz mit den Drahtziehern zusammenarbeiten. Die Kamera ist oft nah und supernah auf Gesichtern, auf Details, erzeugt eine nervöse Stimmung, die mit dem Grau in Grau der Plattenbauten, des matschigen Winterlichts und den ärmlichen Wohnungen an italienischen Neorealismus erinnern. Das Ausmaß der Korruption bis in höchste Kreise und die unausweichliche Tragödie, die das für alle Beteiligten am „unteren Ende der Nahrungskette“ bedeutet, erzeugt fröstelnde Beklemmung. Eine Regisseurin, von der man sich noch viele weitere Filme wünscht.

"Vor der Morgenröte"

Das Team vom Film
Das Team vom Film" Vor der Morgenröte" auf der Bühne. Foto: BR | Christine Deriaz

Zum Beispiel der Film von Maria Schrader „Vor der Morgenröte“, eine Österreichisch-Deutsch-Französische Koproduktion mitfinanziert von BR, arte, WDR und ORF. Trotzdem ist dies das zweite Jahr in Folge, dass ein Film mit österreichischer Beteiligung im schönsten Open Air Kino, der Piazza Grande, seine internationale Premiere feiert. Der Film zeigt in Episoden die letzten Lebensjahre Stefan Zweigs in Südamerika, opulent inszeniert, traumhaft gedreht, und mit Josef Hader in der Rolle des Stefan Zweig. Dass der Film so gut gelungen ist, ist sicher zu weiten Teilen Haders Interpretation der Figur zu verdanken. Er zeigt einen weltmännischen, diplomatischen älteren Herren, der bei aller Freude über die Gastfreundschaft im Exil, trotzdem an wachsender Entwurzelung leidet. Relativ am Anfang fällt der Satz „wer keine Heimat hat, hat keine Zukunft“ nur ein winziges Minenspiel von Hader, und man spürt die kommende Verzweiflung, die am Schluss zu Zweigs Selbstmord geführt hat.

"Lost Exile"

Der Film
Der Film "Lost Exile". Foto: Filmfestival Locarno

Exil, Auswandern, Migration, Themen die ständig präsent sind, Themen, die sich somit auch als Filmgeschichten anbieten. Der Kurzfilm „Lost Exile“ von Fisnik Maxhuni, erzählt davon etwas anders als man es aus den Nachrichten gewöhnt ist, und doch sind alle Komponenten enthalten. Eine junge Kosovarin verlässt nachts heimlich die elterliche Wohnung, ein serbischer Schlepper soll sie nach Ungarn bringen, die Frau flieht vor einer arrangierten Hochzeit, der Schlepper wird von obskuren Mädchenhändlern unter Druck gesetzt. Düster und trostlos die Szenerie, es wird wenig gesprochen, die Bedrohung schwebt über den Figuren. Als der Schlepper die junge Frau in ein heruntergekommenes Hotel bringt, und sie zwingt dort zu warten, scheint ihr Schicksal besiegelt, doch sie zwingt ihn, Position zu beziehen, nicht einfach unhinterfragt Befehle auszuführen, „wer schweigt, stimmt zu“. Das Ende bleibt, relativ, offen, die Frau verschwindet in eine ungewisse Zukunft in Ungarn, während auf den Schlepper zu Hause die Handlanger der Mädchenhändler warten. Kein angenehmer Film, aber ein sehr guter Film, der trotz des harten Themas einen Preis der Jugendjury bekam.

"Tranzicija"

Der Film
Der Film "Tranzicija". Foto: Filmfestival Locarno

Der serbische Kurzfilm „Tranzicija“ von Milica Tomovic erzählt von den letzten Tagen vor einer Reise, die ein Leben verändern wird. Abschied von Freunden, Bandkollegen, von der Familie, alles mit sehr viel Gerede, sehr viel Essen und Trinken, aber irgendwie scheinen die gesprochenen Worte nichts zu bedeuten, etwas scheint nicht zu sein, wie es scheint. Während alle meinen, dass die junge Studentin für ein Austauschstudium in die USA aufbricht, sind nur ihr bester Freund und ihre Schwester eingeweiht, dass sie zu einer Geschlechtsanpassung fahren wird. Das Reden ohne zu Sprechen, das Nichtsagen, führt letztlich dazu, dass für sie dieser Abschied ein Abschied für immer sein wird.

Das Programm, in denen diese Kurzfilme laufen nennt sich „Leoparden von Morgen“, diese zwei Regisseure, werden hoffentlich eine Zukunft im Kino haben.

"Mister Universo"

Der Film
Der Film "Mister Univreso ". Foto: Filmfestival Locarno

Keineswegs unbekannt ist das österreichisch-italienische Regie-Duo Rainer Frimmel und Tizza Covi, deren neuer Film „Mister Universo“ in Locarno seine Weltpremiere feierte. Ihre Filme sind oft ein Hybrid aus Fiktion und Dokumentation, so auch hier. Der Dompteur eines italienischen Wanderzirkus verliert seinen Talisman, ein hufeisenförmig gebogenes Stück Eisen, das er als Kind vom ehemaligen Mister Universum bekommen hat. Und auch wenn er behautet, nicht abergläubisch zu sein, weigert er sich doch weiter aufzutreten, solange der Talisman nicht wieder auftaucht. Erzählt in Art und Struktur einer klassischen Heldenreise macht er sich auf den Weg, den eisenbiegenden Mister Universum zu finden, um eventuell ein neues Eisen zu bekommen. Am Anfang hat der Film etwas Mühe, in die Gänge zu kommen, zu langatmig fällt die Exposition aus, zu laienhaft das Spiel der Zirkusleute, aber im Verlauf der Reise erhöht sich das Erzähltempo und er Zuschauer wird von Station zu Station gespannter, ob der Dompteur sein Ziel erreichen wird. Und wie es sich für eine Heldenreise gehört, wartet am Ende nicht nur (Selbst)Erkenntnis, sondern auch eine „Prinzessin“ auf den Heimkehrer.

Frimmel und Covi brachte der Film am Samstag glich mehrere Preise, eine lobende Erwähnung der Hauptjury, den 2. Preis der Jugendjury und den FIPRESCI Preis der internationalen Filmkritik-Jury.

"Inimi cicatrizate"

Der Film
Der Film "Inimi cicatrizate". Foto: Filmfestival Locarno

Der vielleicht schönste Film des Wettbewerbs kommt aus Rumänien, „Inimi cicatrizate“ von Radu Jude. Allein die Komposition der Bilder, exakt kadriert und perfekt inszeniert würden für diese Einschätzung schon reichen, aber der Film kann noch viel mehr. Inspiriert von den Tagebüchern und Romanen des an Knochentuberklose erkrankten Max Blecher, der 1938 starb, entwirft der Film ein barockes Panoptikum, eine Welt für sich, in den Grenzen eines luxuriösen Sanatoriums. Die mehr oder weniger große Bewegungsunfähigkeit der Figuren übersetzt die Kamera in feste Einstellungen, innerhalb derer sich das Treiben der Kranken abspielt, es wird gesoffen, gehurt, philosophiert und gedichtet, geliebt und gestorben. Es herrscht eine überdrehte Stimmung, die aus der Ausweglosigkeit der Krankheit erwächst, die zu jener Zeit kaum heilbar war. Die Kranken werden zu einer Familie, und manchmal verlassen selbst die wenigen Gesunden das Sanatorium nicht mehr.

Ein schöner, intelligenter und bewegender Film, der den Spezialpreis der Hauptjury bekam sowie den den Prix Don Quijote.

Jetzt wo die Preise vergeben sind, die Preisträgerfilme gelaufen sind, gehört Locarno wieder den Einheimischen und Touristen allein. Allerdings nur bis nächstes Jahr im August zur 70. Ausgabe des Festivals, wenn wieder Cineasten und Cinephile durch die Gassen streifen und das Leopardenmuster in allen möglichen Varianten das Stadtbild bestimmt.

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