Präsidentenpalast in Cetinje. Foto: BR | Stephan Ozsváth

Eine Stadt der Künste
Montenegros alte Königsstadt Cetinje

Das erste Mal kam ich im Hochsommer nach Cetinje. Es war heiß. Und es war ungewöhnlich. Die alte Königsstadt wirkte seltsam unwirklich: Beschaulich, fast ein bisschen verschlafen, liegt sie zwischen den Bergen. Und doch gibt es einen ehemaligen Königspalast, den von Nikola – und viele ehemalige Botschaftsgebäude in der Innenstadt. Hier war einmal das Zentrum der montenegrinischen Politik. Heute ist hier nur noch der Präsidentenpalast, vor dem zwei Wachen in Husaren-Uniform stehen, mehr Ornat als Schutz. Cetinje wirkt wie aus der Zeit gefallen.

Viele Orden in Nikolas Schloss zeugen davon, wie geschickt der König, der hier 1910 gekrönt wurde, als Diplomat war. Nikola betrieb eine kluge Heiratspolitik, fünf seiner Töchter waren an europäischen Höfen gut platziert. „Sein Spitzname war deshalb ´Schwiegervater Europas´“, lacht Reiseführerin Jelena Jabucanin.

Heute ist Cetinje eine Stadt der Künste. Montenegriner studieren hier Kunst, Theater, Film, Musik. In der ehemaligen britischen Botschaft mischen sich Klavierklänge mit Orchestermusik. Hinter verschlossenen Türen proben die Musik-Studenten. In der alten Obod-Kühlschrank-Fabrik sollen die Künste zusammen gefasst werden – die Künstlerin Marina Abramovic leitet das Projekt.

Geflüstert wird im alten Kloster. Viele russische Gläubige pilgern hierhin, wegen der Reliquien, die früher im Besitz der Zarenfamilie Romanow waren. Vor einer Glasvitrine versammeln sie sich murmelnd, küssen das Glas. Unter der Scheibe: Eine mumifizierte Hand und ein uralter Holzsplitter. „Das ist die Hand von Johannes dem Täufer“, erklärt Jelena flüsternd, „und ein Splitter vom Kreuz Jesu“. Die Reliquien haben eine Weltreise hinter sich – um hier in Cetinje zu landen.

Über den Platz vor der „Gradska Kafana“, dem Stadtcafé, schallt laute Hippie-Musik. Ein Italiener schmiedet zu den Klängen der Flower-Power-Zeit. „Er lebt schon lange hier in Cetinje“, meint Jelena. Und irgendwie passt er hierhin.

Lade Inhalte

Lade Inhalte Lade Inhalte
In Cetinje finden sich allerorts skurrile Kunstwerke. Foto: BR | Stephan Ozsváth
0:00 | 0:00
Was Sie noch interessieren könnte

Kommentare (1)

Gerhard Lehrke am

Toll, wohin es den Mann Ozsváth so hinverschlägt! Wunderbare Radioberichte, danke dafür. Nur mit den Fotos …

G. Lehrke

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.