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Auch im Land selbst sind sie sehr begehrt getrocknete Salbeipflanzen. Foto: BR | Michael Mandlik

Das grüne Gold Albaniens
Heilkräuter als Exportschlager

Die fünf Damen sind bester Laune und es stört sie auch nicht im Geringsten, dass diesmal eine Fernsehkamera ihr Tun von allen Seiten beobachtet. Die Arbeit mit immer wiederkehrenden Bewegungsabläufen hat beinahe etwas Kontemplatives und so kann man sich – quasi nebenher – über den neuesten Tratsch aus der Nachbarschaft austauschen. Bei so viel guter Stimmung fällt es beinahe nicht mehr auf, dass hier durchgehend im Akkord gearbeitet wird. Der Arbeitsplatz im Freien neben der mit weißen Säcken vollgepfropften, ehemaligen Fabrikhalle ist mit einem Sonnenschutz überdacht; das ist auch notwendig bei heute wieder mal 38 Grad Celsius Außentemperatur. Außerdem staubt es permanent, wenn die getrockneten Salbeibüschel mit Schaufeln haufenweise auf die Gitterroste geworfen und so lange von Hand gesiebt werden, bis oben nur noch die Spreu übrig bleibt. Was durch den Rost gefallen ist, das ist das Wertvolle, der Gewinn: hochwertigster wilder Salbei. Er wird danach in Säcke zu jeweils 35 Kilogramm Gewicht verpackt und verschnürt. Die interessierten Abnehmer kennen längst die Adresse der Verarbeitungsstätte im südalbanischen Delvina. Wo zu kommunistischen Zeiten noch Tabakprodukte hergestellt wurden, stapeln sich heute – auf drei Etagen verteilt – offene und verpackte Kräuter aller Art: neben Salbei auch Kamille, Minze, Lindenblätter, Brennnessel, Thymian, Rosmarin, Koriander.

 

Seit 5 Jahren leitet Linda Saraci den ausschließlich auf Handarbeit ausgerichteten Betrieb. Ihre Mitarbeiterinnen hat sie nach ihr wichtigen, sozialen Kriterien ausgesucht: weil die Landwirtschaft hier vielerorts noch ziemlich rückständig ist, gibt es viele arbeitslose Bauernfamilien, die unterhalb des Existenzminimums leben müssen. Sie beschäftigt saisonal bis zu fünf Bäuerinnen, die sich so das entscheidende Geld für ihren Lebensunterhalt dazu verdienen können.

Dafür arbeiten sie fleißig: 300 Tonnen an Gütern werden pro Jahr in Linda Saraci‘s Firma verarbeitet; etwa zwei Drittel davon gehen nach Deutschland, in die USA und in die Türkei, der Rest wird meist von griechischen Händlern aufgekauft. Auch wenn die Preise je nach Saison und Wetterlage schwanken – die hohe Qualität der meist wild wachsenden Heilkräuter Albaniens war schon in der Antike berühmt.

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Verarbeitungsstätte für Heilkräuter im südalbanischen Delvina.

Das Sieben der getrockneten Salbeipflanzen erfolgt ausschließlich in Handarbeit.

Video: BR | Michael Mandlik

Die entsprechend begehrten Kräuter dann aber auch zu finden und frisch zu ernten, das ist die andere Sache. So hat es sich der 22-jährige Claudio zur Aufgabe gemacht, einer der besten Heilkräutersucher Albaniens zu werden. Zusammen mit seinem Esel Marko zieht er fast täglich los, um in den unwegsamen Höhenzügen nahe dem Küstenort Bunec die wertvolle Ware mit der Sichel zu ernten. So schön dabei der Blick von oben auf das Meer und die nahe Küste ist: die Sonne brennt schon ab den Morgenstunden gnadenlos auf die im Juli mehr und mehr verdorrende Felsenlandschaft herab. Während Esel Marko geduldig auf der nahen Bergstraße wartet, sucht Claudio in gebückter Haltung und mit geübtem Blick Meter für Meter des angrenzenden Hangbodens ab; immer wieder zippt er mit der Sichel durch das hohe Gras und trennt zielsicher einzelne Pflanzen vom Boden ab. Binnen einer Minute hat er bereits ein dickes Büschel in der Hand. Zwischen 30 und 60 Kilo an Frischkräutern erntet Claudio so pro Tag und verstaut sie in einem Sack, den Esel Marko am Ende des Erntetages ins Tal hinunter tragen muss. Allerdings bekommt Claudio von den Zwischenhändlern nur Geld für getrocknete Ware – und so bleiben von 60 Kilo Frischware am Ende nur 20 Kilo Trockengut. Dafür bekommt er dann zwischen 15 und 20 Euro ausbezahlt. Da die Erntezeit bestenfalls anderthalb Monate dauert, könnte Claudio, sofern er täglich und ohne Unterbrechung arbeiten würde, im Idealfall umgerechnet 900 Euro verdienen. Meistens aber sind es etwas über 600 Euro, die er am Ende der Saison nach Hause zu seinen Eltern und Geschwistern bringen kann. Die übrigen Monate des Jahres versucht er, sich als Bauarbeiter zu verdingen. Dabei hätte Claudio einen Traumberuf, den er in jedem Fall ergreifen würde – sobald das mit einem erfolgreicheren Tourismus in Albanien klappen sollte: Kellner.

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Kommentare (1)

Mona am

Dann hoffe ich doch, dass Claudio bald seinen Traumberuf ausüben kann!

Grüße

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