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Der Friedhof in Potocari bei Srebrenica - Gedenkstätte und Mahnmal. Foto: BR | Karin Straka

Ein dokumentarischer Roman zeigt die Sicht eines Täters
Beara – Der Massenmörder von Srebrenica

Ljubisa Beara war im Bosnienkrieg Oberst und Sicherheitschef des Generalstabs der Armee der Republika Srpska. Er befehligte den Angriff der bosnisch-serbischen Truppen im Juli 1995 auf die Enklave Srebrenica mit, und war vom 11. Juli bis 1. November 1995 für die bosnisch-muslimischen Gefangenen von Srebrenica zuständig. Ljubisa Beara stand vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag vor Gericht. Ihm und den Mitangeklagten wurde vorgeworfen, unter Führung von General Ratko Mladic dem Kommandeur der bosnisch-serbischen Truppen, am 12. und 13. Juli 1995 Frauen und Kinder aus der Enklave Srebrenica nach Kladanj vertrieben zu haben. Außerdem sollen sie Tausende muslimische Männer und Jungen im Alter von 14 bis 77 Jahren gefangen genommen und durch ein Exekutionskommando hingerichtet und vergraben haben. Laut Anklageschrift soll Beara an der Enthauptung von 80 bis 100 Muslimen in Potocari am 12. Juli 1995 beteiligt gewesen sein. Im Juni 2010 wurde Ljubisa Beara wegen seiner Beteiligung am Massaker von Srebrenica vom Kriegsverbrechertribunal wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Dieses Urteil wurde im Berufungsverfahren am 30. Januar 2015 bestätigt.

Der kroatische Journalist Ivica Djikic hat einen dokumentarischen Roman über den Massenmörder von Srebrenica geschrieben. Das Buch heißt „Beara“. Was in Kroatien für Irritationen sorgte, denn Vladimir Beara heißt auch eine jugoslawische Fußballlegende der 1950/60er Jahre. Er galt lange Zeit als der weltbeste Torhüter. Mit dem Massenmörder Beara hat er nichts zu tun.

 

2015 entstand zu diesem Themenkomplex unser Webspecial „Die Schatten von Srebrenica – 20 Jahre nach dem Bosnienkrieg“.

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Auf dem Friedhof von Potocari - Gedenkstein für Kada Hotics Sohn Samir, ein Opfer des Massakers in Srebrenica. Foto: BR | Karin Straka
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Oberst Beara hat den Befehl als einen sehr ernsthaften Job begriffen, er war sich bewusst, dass er kühlen Kopf bewahren musste, denn nur so konnte er die ihm anvertraute Aufgabe gut erfüllen. Aber um diesen Befehl als normale Arbeit zu begreifen brauchte er dennoch etwas mehr, die Überzeugung, dass er das im Interesse seines Volkes, seiner Nation macht, etwas was man wegen höherer Ziele einfach erledigen muss. Die Geschichte und General Mladic haben ihn, Oberst Ljubisa Beara ausgesucht, diese undankbare Rolle zu übernehmen. Diese historische Rolle verstand, dass er das eigene Gewissen und elementare Ethik wegen Treue, Ehre und ähnlicher "überrationaler" Gründe opfert, und dass er kein Recht hat, sich davor zu drücken. ... Bei Beara gab es sicher auch irrationalen Hass gegenüber Bosniaken, persönlichen Ehrgeiz und Überheblichkeit, Druck und Faszination mit Mladic, er hatte sicherlich auch ein perverses Verständnis von Treue, Heimatliebe, Ehre und Ruhm. Es gab in diesen Tagen und Nächten auch zu viel Alkohol und Adrenalin, aber ein Verrückter, mit Hass verblendeter Säufer hätte nie einen solchen Plan ausklügeln können, er hätte nie solche Anzahl von Menschen und so viel Technik koordinieren können, die nicht für irgendeine Damm-befestigung gedacht war sondern für Töten von mehreren Tausenden Menschen, darunter auch minderjährigen Jungen. Beara musste einen klaren Kopf und scharfen Verstand gehabt haben, damit er Hunderte Informationen in Minutenschnelle verarbeiten konnte, und die ganze schwierige, sehr komplexe und brutale Operation leiten konnte. Er musste vor allem praktisch und emotionslos handeln. Und das tat er, es gab kein Drama für ihn, er war nicht zerrissen zwischen Gut und Böse, er wollte sich (seinen Vorgesetzten) beweisen.

Ausschnitt aus dem Buch: Ivica Djikic, Beara, Naklada Ljevak, Zagreb, April 2016. (Übersetzung: Stjepan Milcic)

Beara kam spät in der Nacht in sein Zimmer im Hotel "Fontana" in Bratunac. Er war nervös und unzufrieden mit der Entwicklung der Dinge. Am Freitag, den 14. Juli, auf Bearas 56-sten Geburtstag wurden ca. 2500 gefangen genommene Bosniaken getötet, das war zwar etwas mehr als am Tag davor, aber Oberst Beara hatte noch zwischen 3500 und 4000 "Pakete" (wie die für Todesschuss bestimmten Menschen genannt wurden), die "erledigt" sein mussten. Beara war sich bewusst, dass er auf einer dünnen Linie tanzt, wo er schnell die Kontrolle über die Situation verlieren könnte und dann alles in Chaos ausarten würde. Er musste schnell und wirksam sein...

Ausschnitt aus dem Buch: Ivica Djikic, Beara, Naklada Ljevak, Zagreb, April 2016. (Übersetzung: Stjepan Milcic)

BEARA - VOM KOMMUNISTISCHEN OFFIZIER ZUM NATIONALISTISCHEN MASSENMÖRDER von Stjepan Milcic

Der blutige Unabhängigkeitskrieg in Kroatien zwischen Kroaten und Serben, die zudem massiv von der jugoslawischen Volksarmee unterstützt wurden, konnte Anfang 1992 mit internationaler Hilfe gestoppt werden. Doch in der Nachbarrepublik Bosnien-Herzegowina sollte der Krieg noch viel blutiger und länger weitergehen.

Ivica Djikic war damals kaum 15 Jahre jung und lebte in der bosnisch-herzegowinischen Kleinstadt Tomislavgrad (Duvno). Er war sich weder seiner ethnischen Zugehörigkeit noch der seiner Schulkameraden bewusst, ob es sich um dort mehrheitliche Kroaten oder wenige Bosniaken (Muslime) und Serben handelte bzw. wie viele „Mischlinge“ darunter waren davon hatte er keine Ahnung, und das interessierte ihn auch nicht im Geringsten. Er wusste auch nichts von großen nationalistischen Träumen, historischen Ungerechtigkeiten und neuen Staatsformen, wovon Politiker und Akademiker aller Seiten derzeit in Serbien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina redeten. Der kleine Ivica verspürte aber ungeheure Wut als er sah, dass Panzer der jugoslawischen Armee durch seine Heimat über Stadt und Land rollten und alles was ihnen im Wege stand brutal niederwälzten. In einer Sommernacht 1992 entschloss er sich daher, der HOS, den militärischen Verbänden der bosnisch-herzegowinischen Kroaten beizutreten. Die HOS leistete damals als erste organisierte Kraft in Bosnien-Herzegowina bewaffneten Widerstand dem Versuch des serbischen Führers Slobodan Milosevic und seiner bosnisch-serbischen Trabanten mit Hilfe der jugoslawischen Armee den uralten Traum der serbischen Nationalisten von Großserbien auch auf dem Territorium dieses Landes zu realisieren. Die HOS nahm aber keine Minderjährigen auf, und Ivica musste in die Schule zurück. Drei Jahre später, im Juli 1995 ist Ivica Djikic in der kroatischen Hauptstadt Zagreb, wo er Aufnahmeprüfung für das Studium der politischen Wissenschaften macht. Vom Massaker an 8000 Bosniaken seitens der Armee der bosnischen Serben in Srebrenica hörte er nur am Rande. Erst zehn Jahre später sollte er als Journalist und Redakteur der kroatischen Zeitung aus Split „Feral Tribune“ zum ersten Mal in Potocari, wo Tausende ermordete Bosniaken aus Srebrenica bzw. ihre Überreste beigesetzt wurden, mit dem Ausmaß des Verbrechens konfrontiert werden.

„Ich wollte einen Roman, also ein fiktionales Werk über das größte Kriegsverbrechen in Europa nach dem zweiten Weltkrieg schreiben, aber bald sah ich, dass so eine Gräueltat die Literatur nicht verarbeiten kann, dass die Wirklichkeit in dem Falle die Phantasie des Schriftstellers übertrifft,“ erzählt Ivica Djikic heute, 21 Jahre nach dem Völkermord, wie das Massaker von Srebrneica durch rechtskräftigen Urteilsspruch beim internationalen Gericht für Kriegsverbrechen in Den Haag bezeichnet wurde. Daher entschloss er sich einen „Dokumentarroman“ darüber zu schreiben. Im Mittelpunkt dieses Romans steht Oberst Ljubisa Beara, Sicherheitsoffizier und enger Vertrauter des Generals Ratko Mladic, des Kommandanten der Armee der bosnischen Serben. Im Prozess in Den Haag bekam Beara eine lebenslängliche Gefängnisstrafe für seine Rolle am Völkermord in Srebrenica.

Laut Gerichtsurteil und verschiedenen Dokumenten sowie Zeugen, war Beara nicht nur ein Handlanger oder ein Rädchen in einer Mordmaschinerie, sondern derjenige der die Ermordung von 8000 Menschen und das Verscharren der Leichen persönlich konzipiert, organisiert und geleitet hat. „Es hat mich interessiert, wie ein Offizier, der die jugoslawische kommunistische antinationalistische Ideologie eingeimpft bekam und das internationale Kriegsrecht sehr wohl kannte, zu einem durch Nationalismus inspirierten Massenmörder werden konnte und dabei alles, was er bis dato vertrat, verraten konnte,“ erzählt Djikic auf der Terrasse des Zagreber Cafes „Europa“.  „Und ich habe keine eindeutige Antwort gefunden, “ fügt er nachdenklich hinzu während er eine Zigarette nach der anderen ansteckt.

Das Buch hat eine ausführliche Einführung, in der der Autor kurz die Ereignisse beim Zerfall und beginnendem Krieg im ehemaligen Jugoslawien darstellt. Danach beschäftigt er sich mit dem Völkermord in Srebrenica und dessen „Hauptprotagonisten“. Ljubisa Beara, geboren 1939 in Sarajevo träumte davon, Offizier der Jugoslawischen Kriegsmarine zu werden, und er schaffte das nach der entsprechenden Schulung mit Fleiß und Hingabe. Jahrelang hatte er der Armee und dem kommunistisch-titoistischen System treu gedient. Als der Krieg begann entschied er sich für die serbische nationalistische Variante. Das war nicht so verwunderlich, denn viele Offiziere haben die Seiten gewechselt und sind „ihren“ neuen Nationalarmeen beigetreten, aber nur wenige sind dabei zu Massenmördern geworden. Die Hauptgründe für den Wandel seien laut Djikic Karriere, Angst von Serben als Verräter abgestempelt zu werden, Bearas Faszination gegenüber seinem Kommandanten Ratko Mladic und vor allem der Verlust des „Herren“ und der Hierarchie, die er sein ganzes Leben gewohnt war, gewesen. An Stelle von Tito, Sozialismus, Brüderlichkeit und Einheit sind Milosevic und Mladic getreten sowie die „Verteidigung“ der serbisch-orthodoxen Lebensweise und des serbischen „Lebensraums“, was vor allem von Muslimen bedroht gewesen sei. Aber wie dieser vorbildhafte Offizier zum Massenmörder wurde, das konnte auch Djikic nicht ergründen. Beara habe diese „Aufgabe“ von seinem Kommandanten Mladic bekommen, und für ihn war es nur selbstverständlich gewesen, diesen Befehl auszuführen, ohne moralische oder einfach menschliche oder gar rationelle Gründe zu hinterfragen. Ihm machten in diesen 4-5 Julitagen 1995 andere Dinge Sorgen: wie er das alles organisieren sollte, damit es schnell und ohne Aufsehen ablaufen kann, wie er die Soldaten zum Töten der unbewaffnete Menschen bringt, wie er den Widerstand mancher lokalen Politiker brechen kann, die keine Massenmorde und Massengräber in ihren Orten haben wollten. Beara sah die Ermordung von 8000 Menschen und das anschließende Verwischen der Spuren einfach und brutal gesagt, als Arbeit, als einen Job, den er nach besten Kräften erledigen muss. Musste er das wirklich, gab es keinen anderen Weg?

Im Buch bringt Djikic kurz die Geschichte eines anderen Offiziers der jugoslawischen Marine, also Bearas Kollegen, des Montenegriners Vladimir Barovic. Als zu Beginn des Krieges in Kroatien Barovic von seinen Vorgesetzten den Befehl bekam, die Waffen und Soldaten der Kriegsmarine auf kroatische Städte zu richten und sie zu zerstören, lehnte dieser das ab. In der gleichen Nacht schrieb er einen Abschiedsbrief, in dem er sagte, er sei erzogen worden dieses Volk und das Land zu verteidigen, und nicht seine Mitbürger zu töten und die Städte zu zerstören. Er wollte auch die Seite nicht wechseln, aber auch nicht untertauchen. Nachdem er diesen Brief geschrieben hatte, jagte er sich eine Kugel aus seiner Dienstpistole durch den Kopf. War die wirkliche Alternative dem Massenmord die Selbstopferung oder gab es einen dritten menschenwürdigen Weg?! Mit dieser Frage lässt uns u.a. dieses Buch zurück.

 

Oberst Beara sehnte sich nicht nach Ruhm, er brauchte nicht den Jubel der Masse, das überließ er gerne General Mladic. Jetzt, wo er den Befehl seines Kommandanten ausgeführt und die Aufgabe erfüllt hatte wäre es ihm am Liebsten wenn über seine Rolle in dieser Operation niemand etwas erfahren würde, außer ein paar Menschen, von deren Meinung er privat oder wegen der Karriere viel hielt, und der Wichtigste von ihnen war General Ratko Mladic. ... Oberst Vladimir Beara konnte nach der getanen Arbeit mit erhobener Stirn vor ihn treten, und er wünschte sich nur, dass der Kommandant ihm die rechte Hand fest drückt und sagt "Alle Achtung Ljubo, du hast eine Riesensache gemacht, das könnte nicht jeder, du bist ein wahrer Halunke," Beara hat nichts mehr erwartet, außer Anerkennung und Achtung seines Kommandanten. Gut, vielleicht noch eine bescheidene Wohnung für Offiziere in Belgrad und eine Altersrente, die er verdient hat. ... In der Nacht vom 16. auf 17. Juli 1995 hat er nur wenige Stunden geschlafen. Er stand früh auf, rasierte sich und machte sich frisch. Seine Aufgabe war abgeschlossen. Alle Gefangenen sind getötet worden.

Ausschnitt aus dem Buch: Ivica Djikic, Beara, Naklada Ljevak, Zagreb, April 2016. (Übersetzung: Stjepan Milcic)

Zum Autor: Ivica Djikic, geboren 1977 in Tomislavgrad (Bosnien-Herzegowina), studierte Politikwissenschaften in Zagreb (Kroatien), wo er auch heute lebt, Journalist und Redakteur, mitunter auch Chefredakteur der kroatischen Zeitungen Feral Tribune (Split), Novi list (Rijeka) und Novosti (Zagreb), die letztgenannte ist eine Wochenzeitung der serbischen Minderheit in Kroatien. Er hat mehrere fiktionale und publizistische Werke veröffentlicht, nach seinem ersten Roman „Cirkus Columbia“ (2003) hat der bosnische Oscar-Preisträger Danis Tanovic 2009-2010 gleichnamigen Film gemacht. Bis heute wurde ein Buch (Ich träumte von Elefanten) von Djikic ins deutsche übersetzt.

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Kommentare (1)

Suzana am

Ich bedauere zutiefst alle Toten im Balkankrieg, aber auch die stets einseitigen Berichterstattungen.

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