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Enver Hoxhas Atomschutzbunker als Kunstobjekt, das frösteln lässt. Foto: BR | Michael Mandlik

Durchhalteparolen, Marschmusik und Sirenengeheul
Gruseltour durch Enver Hoxhas Atomschutzbunker

Es zieht unangenehm kalt in den scheinbar endlos langen Gängen mit dem fahlen Licht, so dass man mit jeder Kopfbewegung die Befürchtung hegt, gleich einen steifen Nacken zu bekommen – vor allem, wenn man eben erst ziemlich verschwitzt von 37-Grad Außentemperatur und mit  Sommerkleidung in dieses 16-Grad-Labyrinth hinabgestiegen ist. Das ist aber nicht das Einzige, das einen hier untertage dauerfrösteln lässt. Markige Marschmusik kommt blechern aus irgendeinem der unzähligen Schächte, weiter weg brüllt einer auf albanisch militärische Befehle, Luftschutzsirenen heulen, dann verschwimmt das ganze akustisch zu einem wunderschönen, aber unsagbar traurigen Frauengesang. Es geht eine weitere Treppe runter, noch tiefer hinein in diese ehemals streng geheime unterirdische Bunkeranlage, die Albaniens kommunistischer Staats-und Parteichef Enver Hoxha in den Siebziger Jahren in einem Vorort Tiranas anlegen ließ – zum Schutz für die Mitglieder des Politbüros sowie der militärischen Führung samt ihrer Familienangehörigen im Falle eines Atomkrieges – und natürlich auch zu seinem eigenen Schutz. Hunderte Menschen hätten so über Wochen, wenn nicht Monate im Untergrund leben und von hier aus die Einsatzfähigkeit der albanischen kommunistischen Parteiführung garantieren müssen.

Ein kleiner Vogel versucht verzweifelt, der bedrohlichen Dunkelheit durch einen Lichtschacht zu entkommen; doch er schafft es nicht, eines seiner Beine ist an einem Faden angebunden – unablässig zappelt und flattert er mit weit aufgerissenen Augen in Richtung des nahen, aber für ihn unerreichbaren Licht, der fernen Freiheit, die für ihn Illusion bleiben wird, entgegen. Jeder der Besucher bleibt vor dieser mit einem Beamer an die Wand geworfenen graphischen Video-Animation stehen. Unweit davon der in jeder Beziehung grotesk anmutende Wohntrakt, eingerichtet für Parteichef Enver Hoxha und sein Frau.  Wie überall Luftzufuhr durch Kohlefilter, eine an Hässlichkeit nicht zu überbietende Plaste-Wandverkleidung, schummrige Beleuchtung. Das Wohnzimmer mit rotem Teppichboden, plüschigen Sesseln und laminat-bezogenem Schreibtisch und im Schlafzimmer Doppelbett mit Brokatdecke und Nachtkästchen – ganz offensichtlich angeschafft, um es nach überstandenem Atomschlag dann einfach wieder mit nach draußen nehmen zu können. Angesichts dieser grotesken Vorstellung wirkt das räumlich überdimensionierte Klo mit minimalistischer Einrichtung – weißes Pissoir, rote(!) Kloschüssel – fast schon wie ein Kunstobjekt.

Das soll es nach der Überzeugung von Carlo Bollino auch sein – nicht nur das Klo, sondern die ganze riesige Bunkeranlage. Der Journalist aus dem süditalienischen Lecce hatte vor einigen Jahren der albanischen Regierung erfolgreich seine Idee unterbreiten können, aus dem beinahe vergessenen Atomschutzbunker eine Erinnerungsstätte mit künstlerisch-didaktischer Ausrichtung zu machen. Seitdem ist die von ihm initiierte Daueraustellung „Bunk-Art“ zu einem Touristenmagneten in Tirana geworden. Der „Gruselfaktor“ des Bunkers verfehlt seine Wirkung offensichtlich nicht: inzwischen täglich kommen Busse mit meist ausländischen Besuchern an, die sich dann mit einer Mischung aus Staunen und auch Verschüchterung durch die bedrückende  Szenerie bewegen. Denn bei aller angebrachten Kunst im Bunker – die Anlage selbst ist keine Installation, sondern echt, auch wenn sie, außer zu Übungen, glücklicherweise nie zum Einsatz gekommen ist. Schlagartig wird einem dann auch wieder bewusst, dass es einmal eine Zeit gab, in der in ganz Europa zahlreich ähnliche Anlagen existierten, um für einige wenige das Überleben nach einem Nuklearkrieg zu sichern, wenigstens für eine bestimmte Zeit. So fühlt man sich mehr als befreit, wenn man nach dem Rundgang durch schier endlose Gänge an der letzten Stahlbetontüre vorbei wieder nach draußen gelangt, wo einen Wärme umfängt und Licht und Leben.

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Kommentare (2)

Ich habe vor zwei Jahren meine Diplomarbeit zum Thema der albanischen Bunker geschrieben. Leider konnte ich damals nicht so viele Informationen und Bilder vom Bunker des Diktators finden. Schön, dass Sie diese gebracht haben. Es ist ein derart spannendes Thema, das sowohl Psychologie, Soziologie, Militärwesen, Architektur, Philosophie und mittlerweile auch die Kunst beinhaltet. Falls es jemanden interessiert, auf der TU Graz gibt es ein Exemplar meiner Arbeit:

Die Befestigung des Landes – Transformation und Aneignung des albanischen Bunkers.

Prof. Dr. Dhimiter Doka am

Ich finde alles sehr interessant. Vielen Dank! Mein Name ist Dhimiter Doka, bin als Fullprofessor fuer Frendeverkehrs- und Regionalgeographie Albaniens an der Universitaet Tirana. Gleichzeitig arbeite ich auch als Reiseleiter fuer die deutsche Gruppen. Unter andern bin ich seit ca. 10 Jahren der albanischer Reiseleiter vom Studiosus in Albanien.
Auf dieses Basis bin ich sehr interessiert, auch mit ihnen eine Kooperation durchzufuehren.

Viele Gruesse aus Albanien,
Dhimiter Doka

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