Schwetser Maria bei einer Demonstration vor dem Parlament. Foto: BR | Harriett Ferenczi

Protest gegen das marode ungarische Gesundheitssystem
Maria Sandor – die kämpferische „Schwester in Schwarz”

Maria Sandor ist 43, von Beruf Krankenschwester. Seit rund anderthalb  Jahren kennt ganz Ungarn die junge Frau. Damals trat sie ihren Dienst im Budapester Krankenhaus in der Peterfy-Strasse nicht in der weißen Schwesterntracht an, sondern ganz in Schwarz. Damit wollte Maria gegen die unhaltbaren Zustände im Spital protestieren, gegen putzbröckelnde Wände, defekte Sanitäranlagen, gegen Personalmangel, gegen niedrige Gehälter und die Gleichgültigkeit der Regierung hinsichtlich der  Flucht unterbezahlter Krankenschwestern ins Ausland. Eine Kollegin würde nach 36 Dienstjahren monatlich umgerechnet rund 270 Euro verdienen. Auch würden die  vielen Überstunden wegen des Schwesternmangels  nicht bezahlt, kritisierte Maria. Von den monatlichen bis zu 240 Stunden würden nur 180 abgegolten.

Die schlanke große Frau mit dem sympathischen Lächeln rief auf zum Protest und zur  Solidarität im Kampf um Reformen im maroden Gesundheitswesen, wo Patienten beim Krankenhausaufenthalt nicht nur das Toilettenpapier und das Essbesteck mitbringen  müssen, sondern oft auch die nötigen Medikamente.  Schwester Maria gründete eine  Zivilgesellschaft  für das Ungarische Gesundheitswesen.

Und es rollte eine Demonstrationswelle durch Ungarn, an der Schwestern, Ärzte, Pfleger und Patienten teilnahmen, auch Lehrer und Schüler schlossen sich an. Denn der Hilferuf der „Schwester in Schwarz“ an Premier Viktor Orban und den zuständigen Minister blieb unerhört. „Staatschef Janos Ader schrieb mir, das Gesundheitswesen gehöre nicht in seine Kompetenz. Dieser Satz des ersten Mannes des Landes brachte das Fass zum überlaufen.”

Ihr ziviler Widerstand hatte Höhen und Tiefen zur Folge, und einen blauen Brief wegen der schwarzen Schwesterntracht. Eigentlich unverständlich, meint Maria, denn das Gesundheitswesen würde heute die Arbeitskleidung nicht stellen. „Die Schwestern müssen sich ihre Dienstkleidung selber kaufen, so dass die Krankenhausleitung eigentlich hinsichtlich deren Farbe nichts zu sagen hätte.”

Die Mutter einer 12jährigen Tochter erhielt den Ruf der „Kämpferin“, einer Frau mit Menschlichkeit, Mut, Empathie und ebenso Enttäuschung: „Ich schäme mich, in einem Land zu leben, dessen Führung alles für wichtiger hält als den Menschen“. Heute arbeitet die „Schwester in Schwarz“ nicht mehr auf der Kinder-Intensivstation des Peterfy-Krankenhauses, obwohl sie nach Protesten gegen ihre Entlassung wieder eingestellt wurde, sondern in der Altenpflege. Maria wird aus dem Regierungslager als radikal bezeichnet. „Mir wird unterstellt, dass hinter mir eine politische Partei stünde, die mich instruiert, meine Reden schreibt. Das ist Unsinn.”

Mit dem Motto „Ungarn ist krank, wir müssen es gemeinsam heilen“ startete Maria eine neue Initiative. Letzte Woche klebte sie gemeinsam mit vielen Helfern Plakate, Flugblätter an Wände in Budapest für eine Großdemonstration vor dem Parlament.

Inzwischen hat Maria viele Auszeichnungen erhalten. „Ich bin sehr dankbar, das  ist ehrenhaft, nützt aber wenig. Es gibt Preise, aber keine Veränderungen. Denn auf die Regierung können wir keinen Druck ausüben.”

Schwester Maria steht im öffentlichen Interesse, aber auch in dem der Polizei. „Gestern ging ich über den Kossuth-Platz, wurde sofort von zwei Polizisten gestoppt. Sie verlangten eine Erklärung, was ich hier mache.”

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