Über 173.000 Bunker waren in Albanien in der Zeit der Regierung Enver Hoxhas gebaut worden. Foto: BR | Michael Mandlik

Selfie mit Bunker
Albaniens Geschichte als Zugpferd für den Tourismus

Wer durch Albanien fährt, kommt an ihnen nicht vorbei. Sie sind einfach überall – in Tälern, auf Berghängen, vor allem aber an engen Strassenpässen und Verkehrsknotenpunkten. Albanien ist Bunkerland – immer noch.  Obwohl sie mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Fall der Mauer jegliche militärtaktische Bedeutung verloren haben, prägen Bunker das Landschaftsbild quer durch das Staatsgebiet. Es gibt sie in allen möglichen Größen, aber stets mit der massiven kuppelförmigen Stahlbeton-Bedachung. Das macht es so schwierig und aufwändig, sie sozusagen über Nacht verschwinden zu lassen. Nachdem der Staat lange Zeit auch nicht wusste, was er mit den über 173.000 tonnenschweren Betonungetümen anfangen sollte – ließ er sie erst einmal stehen. So wurden nicht wenige der Bunker von der Bevölkerung in das zivile Leben integriert – auf dem Land als Ziegenställe, Getreideschuppen, Vorratslager, Weinkeller;  in den Städten als Warenlager, Abstellräume und gelegentlich sogar als Verkaufsräume. Jetzt aber, wo das Land verstärkt auf den Tourismus setzt, ist man auf die Idee gekommen, die mancherorts in schon grotesker Dichte angebrachten Kampfunterstände als Urlauber-Attraktion anzupreisen. Auf der der Küstenstadt Vlore vorgelagerten Insel Sazan zum Beispiel. Weil es von hier bis zur gegenüber liegenden italienischen Küste nur 80 Kilometer Entfernung sind – die berühmte „Straße von Otranto“ – hatten Enver Hoxhas kommunistische Militärstrategen dort die größte Invasionsgefahr aus dem Westen gesehen und die Insel zu einer Art unversenkbarer 360°-Kampfbastion umgewandelt – mit Militärhafen, Kommandozentrale, weit verzweigten Tunnelsystemen und eben auch Bunkern unterschiedlichster Formen und Größen für Artillerie und Infanterie. Wenn man mit einem Boot an der „Front“-Seite der Insel entlang tuckert, glaubt man sich in eine Filmkulisse für die Produktion eines im Aufwand aber völlig übertriebenen Actions-Filmes versetzt. So viele Bunker und Kanonenstellungen auf engstem Raum nebeneinander gibt es wohl nirgendwo mehr auf der Welt. Gleichzeitig fragt man sich auch, welcher unglaubliche Aufwand non Nöten gewesen war, um  die tonnenschweren Fertigteilbunker sogar an scheinbar völlig unzugänglichen Steilwänden der schroffen Felsenküste zu verankern und mit einem weitverzweigten Tunnelsystem zu verbinden.

Genau auf diese Mischung aus technischem und geschichtlichem Interesse aber setzen die albanischen Tourismusstrategen heute; der Bunker-Tourismus hat nämlich schon längst begonnen. Immer häufiger suchen Neugierige aus den Balkanländern, wie aber auch aus West- und Osteuropa bestimmte Bunkeransammlungen wie auf der Insel Sazan auf, klettern darauf wie in den Laufgräben herum und machen Selfie-Fotos, um sich vor Augen zu führen, wie das einmal so gewesen war in den Zeiten ständiger Alarmbereitschaft des albanischen Arbeiter- und Bauernstaates. Noch braucht man für eine solche Besichtigungstour die Genehmigung der albanischen Armee. Sollten es jedoch absehbar mehr Interessenten werden, die dabei ja auch viel zusätzliches Geld ins Land bringen, könnten vielleicht schon alsbald entsprechende Tickets für Besichtigungstouren verkauft werden.

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