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Die Mitgliedschaft in der EU - ein guter Weg für Slowenien und Kroatien? Foto: picture-alliance | dpa

25 Jahre Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens
JUXIT vor einem Vierteljahrhundert

Unabhängigkeitstage in Slowenien und Kroatien - von Miljenko Jergovic

An jenem 26. Juni 1991, es war ein Mittwoch, als die Slowenen und Kroaten ihre Unabhängigkeit deklarierten und sich definitiv von Jugoslawien trennten, wirkte ihre unmittelbare Zukunft nicht gerade glänzend. Auf slowenischen Straßen fuhren Panzer der jugoslawischen Armee, die schon vollkommen unter serbischer Kontrolle stand und indirekt unter dem Kommando von Slobodan Milosevic, ein Viertel Kroatiens war blockiert und formal quasi besetzt. Es hatte schon ein paar Tote gegeben und die Bürger dieser beiden Länder erwartete eine ungewisse und vor allem blutige Zukunft. Dabei war die internationale Gemeinschaft, vertreten durch die Europäische Union und die Vereinigten Staaten von Amerika, an einem Erhalt Jugoslawiens interessiert, während sie ein Krieg überschaubarer Intensität, mäßiges Blutvergießen und danach auch das kontrollierte Eröffnen von Konzentrationslagern, ethnische Säuberung und Handlungen, die unübersehbar an einen Genozid erinnern, kaum etwas anging. Schon bald, im Herbst 1991, sollten sie auf ihren Bildschirmen die Bombardierung Dubrovniks sehen, was dem empfindlichen europäischen Betrachter vorkam, als bombardierte man eine Ansichtskarte. Wenige Monate danach begann auch die Belagerung Sarajevos, die länger dauern sollte als die Belagerung Leningrads und ebenfalls vor den Fernsehkameras der Welt stattfand. Es kam daher wie eine fantastische Reality Show mit vielen toten Muslimen – und anderen, die vielleicht keine Muslime waren, aber deren Schicksal teilten – mit einer Artillerie, deren Befehlshaber das Abschlachten von Sarajevo angesichts der orientalischen Gefahr mit grundlegenden christlichen Werten rechtfertigen sollten. Und es hat lange gedauert…

An jenem 26. Juni 1991 hatte Slowenien eine links-liberale Regierungskoalition, während in Kroatien rechte Nationalisten herrschten, angeführt vom früheren kommunistischen General Franjo Tudjman. Aber wer auch immer an der Macht gewesen wäre, alles wäre so gekommen, wie es kam. Slobodan Milosevic hatte Waffen, er hatte eine Armee und wollte den neuen Staat auf eine Weise gründen, wie man es im Mittelalter tat: durch die Eroberung von Land. Der Unterschied lag nur darin, dass er auf diesem Land keine Angehörige anderer Völker haben wollte. Und die wollten ihn auch nicht.

In Slowenien dauerte der Krieg nicht lang, keine zwei Wochen. Er endete mit dem Rückzug der Armeetruppen und der Panzer nach Bosnien und der Herzegowina. Dies war ein taktisches Manöver und kein wirkliches Friedensabkommen. Kurz darauf brach der Krieg in Kroatien aus. Ein Drittel des Landes wurde belagert und ein neuer Scheinstaat gegründet, die Serbische Republik Krajina, die bis zum Sommer 1995 bestand, bis die Kroaten mit aktiver Unterstützung der Vereinigten Staaten den größten Teil ihres Staatsterritoriums befreit haben sollten, was zu einer fast vollständigen Auswanderung der serbischen Bevölkerung führte. Vor 1991 gab es in Kroatien mehr als zehn Prozent Serben, heute sind es, den Bevölkerungszahlen von 2011 zufolge, nur noch 4,36 Prozent. Oder ganz präzise gesagt: die Anzahl der Serben verringerte sich um 67,91 Prozent. Wurden diese Menschen vertrieben? In Kroatien heißt es, das sei nicht der Fall, sie seien aus freiem Willen gegangen. Warum aber sollte jemand seine gesamte Habe zurücklassen und sich auf die Flucht begeben, in ein Lager oder Sammelzentrum, wenn er nicht vertrieben wird? Zu dieser Frage hat Kroatien nie Position bezogen.

Vor dem Krieg war Slowenien die reichste und wohlhabendste Einheit der Föderativen Republik Jugoslawien, die slowenische Wirtschaft und der Lebensstandard übertrafen diejenigen anderer osteuropäischer Länder um einiges. Gleichzeitig führte Slowenien in Sachen Menschenrechte und Bürgerfreiheit. Heute ist es ein friedliches und anständiges, aber sehr depressives Land am Rande Europas, das weit hinter Ländern wie Tschechien, der Slowakei und Polen zurück liegt, aber immer noch weit vor den Ländern, mit denen es einmal Jugoslawien bildete.

Kroatien ist noch ärmer und hoffnungsloser als seine Umgebung. An der Regierung sind – genau wie 1991 – radikale Nationalisten, die im Antifaschismus die Wurzel allen Übels sehen. Dem Land gelang es mittlerweile sich zu überschulden, das gesamte Vermögen wurde ausverkauft, die Banken sind heute hauptsächlich im Besitz von Österreichern, die Ölindustrie gehört größtenteils den Ungarn.

Beide Länder sind Mitglied der Europäischen Union, wodurch sie einigen Fortschritt im Vergleich zu anderen Ländern des früheren Jugoslawiens zu verbuchen haben. Slowenien hatte von der Mitgliedschaft sehr praktische Vorteile. Kroatien im Prinzip gar keine! Außer man zählt die Tatsache mit, dass Zagreb zu einer interessanten Touristendestination wurde. Da kommen jetzt Menschen hin, die sehen wollen, wie die Hautstadt des neuen EU-Mitglieds aussieht, von dem sie vorher quasi nichts wussten.

Beim Deklarationsakt der Unabhängigkeit beriefen sich die slowenischen und kroatischen Parlamente auf die Verfassung der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawiens aus dem Jahre 1974, die ihnen dieses Recht ermöglichte. Mit der Verfassung waren die administrativen Grenzen innerhalb der Föderation geschützt und als Grenzen möglicher zukünftiger Staaten garantiert. Ein Detail, das vor der Unabhängigkeitserklärung von entscheidender Bedeutung war. Andernfalls hätten weder Slowenien noch Kroatien ihre Staatsgrenzen bestimmen können, noch hätte es eine rechtliche oder politische Form für die Selbstständigkeit gegeben. Ohne diese Verfassung wäre es den Kroaten und Slowenen völkerrechtlich ergangen wie den Basken, den Korsen, den Tschetschenen, den Osseten, Kurden und vielen anderen europäischen und außereuropäischen Völkern und Ethnien, die keine Argumente für eine staatliche Unabhängigkeit beibringen können.

Allerdings werden sich Slowenen und Kroaten an ihrem gemeinsamen Unabhängigkeitstag weder an Jugoslawien erinnern, noch an die jugoslawische Verfassung aus dem Jahre 1974. Das liegt ihnen einfach nicht, das haben sie längst aus der Erinnerung und aus ihrer Geschichte gelöscht. Kleine (kleingeistige) Völker, ebenso wie kleingeistige Menschen, regeln die Probleme, die sie mit Tatsachen haben, einfach mit Vergessen.

 

(aus dem Kroatischen von Anne-Kathrin Godec)

Ist der nationale Traum ausgeträumt? - von Stjepan Milcic

Meine Oma Ana wurde 1909 in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, geläufiger k.u.k. (Doppelmonarchie) geboren. Ihre Kindheit und Jugend hat sie im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (später Königreich Jugoslawien) verbracht. Vier Jahre lang hat sie im Unabhängigen Staat Kroatien gelebt. Ihr reifes Alter hat sie in der Föderativen Volksrepublik Jugoslawien (später Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien) erreicht, und gestorben ist sie 1994 in der heutigen Republik Kroatien. Sie hat dabei zahlreiche Staats- und Gesellschaftsformen erlebt: von der konstitutionellen Monarchie zur Königsdiktatur, von der nazifaschistischen, Menschen verachtenden Herrschaft der Ustaschi, der kommunistischen Diktatur des Proletariats bis zum liberalen Selbstverwaltungssozialismus und der parlamentarischen Demokratie.

 

Zahlreiche Wirtschaftsmodelle und unzählige Reformen musste sie ertragen: sowohl feudalistischen und liberalen, oder vom Staat gesteuerten Kapitalismus, als auch strikte sozialistische Planwirtschaft und marktorientierte sozialistische Wirtschaftsform.

 

Sie hat zwei Weltkriege und einen lokalen Krieg überlebt. In ihrer Geldbörse trug sie Kronen, Dinare und Kuna… und vieles andere mehr. Was alles hat meine Oma durchlebt?! Das wäre trotzdem nichts Besonderes, wenn sie in ihren 85 Jahren in der Welt gereist wäre und an verschiedenen Orten gelebt hätte. Aber sie hat in ihrem ganzen Leben ihren Geburtsort nie verlassen, abgesehen von größeren Tageseinkäufen oder einigen kürzeren Krankenhausaufenthalten in der 20 km entfernten Stadt Zagreb.

 

Daran denke ich jetzt, wenn ich über 25 Jahre kroatische und slowenische Unabhängigkeit reflektiere. Als Kroatien und Slowenien am 25. Juni 1991 gemeinsam ihren Austritt aus dem Bund der jugoslawischen Republiken und die staatliche Souveränität erklärt haben, hat mich das nicht – wie die meisten Kroaten und Slowenen – in Euphorie versetzt. Ich habe zwar gesehen, dass in Jugoslawien damals die Wirtschaftskrise tiefer war als die tiefste Stelle im Adriatischen Meer, die Inflation höher als der Triglav (der höchste Berg in Slowenien/Jugoslawien), und der Nationalismus, vor allem der drei größten Nationen (Serben, Kroaten, Slowenen) versprach alle Probleme zu lösen, wenn wir nur die sozialistische Gesellschaftsordnung und die Ein-Parteien-Herrschaft der Kommunisten durch die  Demokratie westlichen Typs ersetzten. Danach sollten auch „Tausendjährige Träume“ der Nation nach einem eigenem Staat erfüllt werden, wo dann bald „die Schweiz des Balkans“ entstehen sollte, Slowenien oder Kroatien, egal.

Aber ich war ein Rocker, und diese romantischen Träume, starken Sprüche und die aufheizenden Auftritte der führenden Politiker und Intellektuellen fand ich lächerlich, kindisch, und sie machten mir auch Angst. Als „Rocker“ und jemand, der seine Kindheit und Jugend zum Teil in Deutschland verbracht hatte, schwebte mir eine solche („deutsche“) Gesellschaftsordnung vor – also Demokratie, Freiheit, Pluralismus, freie Medien. Dass man sich vor Polizisten und Soldaten nicht fürchten muss, sondern dass diese Ordnungs- und Staatshüter wirklich Bürger und Staat schützen. Ich sah Demokratie und Freiheit nicht darin, dass der rote Stern und der Kult um die unfehlbare kommunistische Partei und ihren längst verstorbenen Führer durch das (katholische) Kreuz und den Fetisch der Nation und eines nationalen Führers ersetzt werden. Dass statt Marxismus-Titoismus (wieder) die (katholische) Religion „Opium für das Volk“ wird, und an die Stelle der (wenn auch nicht vollkommenen) sozialen Gerechtigkeit und Solidarität die brutale „Ellenbogengesellschaft“ und Eigennutz treten. Dass unschuldige Menschen schikaniert werden, bis hin zum Verlust ihrer Arbeitsplätze und Wohnungen, nur weil sie dem Volk angehören, dessen politische und militärische Eliten kroatische Unabhängigkeit mit Waffengewalt verhindern oder ein Stück des Landes abspalten wollten, um es ihrem Land anzuschließen. Und ich erschrak, als die Soldaten der Jugoslawischen Volksarmee die ersten Schüsse und Granaten auf Menschen, die sie eigentlich vor einer möglichen Aggression aus dem Ausland schützen sollten, abfeuerten. Und letztlich war Jugoslawien für mich definitiv gestorben, als in der östlichen kroatischen Stadt Osijek ein Panzer dieser Armee einen kleinen Fiat (der jugoslawische VW-Käfer) mitten auf der Straße niederwalzte.

 

Und wo sind wir 25 Jahre danach? Slowenien ist EU-Mitglied seit Mai 2004, Kroatien seit Juli 2013. Die Unabhängigkeit der beiden Staaten sollte nur der erste Schritt zum Beitritt zur großen europäischen Familie sein, wie damals die meisten Politiker und Intellektuellen beider Länder immer wieder betonten. Die demokratische Gesellschaftsordnung trotz ihrer Mängel schützt heute grundlegende Menschenrechte und garantiert Freiheiten des Einzelnen, der Medien und der gesamten Gesellschaft in Slowenien und Kroatien, wie das in Jugoslawien nicht der Fall war.

Die Zahlen beweisen, dass der Lebensstandard der Bevölkerung höher ist und die Länder heute besser dastehen als im letzten Jahrzehnt in Jugoslawien (Slowenien sogar deutlich besser als Kroatien).

Aber wenn Milan Kucan (Präsident Sloweniens von 1990 bis 2002 und „Vater“ der slowenischen Unabhängigkeit) sagt: Niemand hätte damals voraussagen können, wie die Entwicklung der selbständigen Staaten verlaufen werde, welche Träume erfüllt würden, welche nicht. Viele Menschen seien enttäuscht, aber Jugoslawien sei einfach nicht mehr zu retten gewesen. Man kann ihm da schwer etwas entgegenhalten oder gar widersprechen.

 

Und wenn man in Kroatien dieselbe Frage stellt, dann müsste man diese an diejenigen richten, die im Krieg jemand von ihren Nächsten verloren haben, deren Häuser zerstört wurden, die jahrelang als Vertriebene und Flüchtlinge gelebt haben –  und an diejenigen, die heute noch in aller Welt – von Europa bis Amerika und Australien – verstreut sind.

 

Ich selbst war nicht im Krieg. Meine Familienangehörigen, Verwandten und Freunde haben nichts direkt verloren. Manche von ihnen waren als Soldaten kürzer oder länger im Krieg, aber alle sind (relativ) gesund zurückgekommen. Daher kann ich mir nicht das Recht heraus nehmen, zu bewerten, ob sich die Unabhängigkeit gelohnt hat. Ich kann höchstens sagen, dass aus meiner Sicht die Entscheidung damals, Jugoslawien zu verlassen und sich als souveräner Staat auf den EU-Weg zu begeben, richtig war.

 

Der Traum (in Kroatien und Slowenien) von unserem Platz in einem vereinten Europa ist wahr geworden – auch wenn er sich heute in der Wirklichkeit doch etwas anders zeigt, als er geträumt wurde, aber das ist wohl normal. Und weil gerade die Briten die EU verlassen, sollten wir uns angesichts dieser kleinen und großen Nationalismen und nationaler Träume nicht wieder mal fragen „Quo Vadis Europa?“

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