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Das negative Highlight der kroatischen Gruppenphase. Aus dem kroatischen Fanblock wird beim Spiel gegen Tschechien Pyrotechnik auf den Rasen geworfen. Auf den Rängen kommt es zu Schlägereien und Kroatien kassiert in der Nachspielzeit den Ausgleich. Foto: picture-alliance | dpa

Kommentar zur Vorrunde der Euro 2016
Tut es einem Nationalisten gut, wenn seine Nationalmannschaft gewinnt?

Von „unseren“ fünf Ländern haben es nur Kroatien und Ungarn ins Achtelfinale der Fußball-EM geschafft – Albanien, Österreich und Rumänien haben die Vorrunde nicht überstanden. Miljenko Jergovic, kroatischer Schriftsteller und Fußballenthusiast analysiert exklusiv für die ARD die sportlichen und gesellschaftspolitischen Aspekte des bisherigen Auftritts der südosteuropäischen Länder bei der Europameisterschaft.

 

Von Miljenko Jergovic

(aus dem Kroatischen von Anne-Kathrin Godec)

 

Soziologisch gesehen kann man die europäischen Fußballnationalmannschaften in zwei Gruppen teilen. Die einen gehören zu den hochentwickelten westlichen Staaten – zum Beispiel die Schweiz und Österreich -, wo Fußball eine Form sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Selbstbestätigung für die Zugewanderten und ihre Kinder ist, vielleicht sogar für jene Ausländer, die gerne mit Hilfe ihres Fußballtalents an die begehrten Reisepässe und Identitäten kämen, die ihnen die Möglichkeit eines sicheren und leichten Lebens garantierten, weit weg von ihren armen, unsicheren und vom Krieg verödeten Heimatländern. In diesen Ländern ist Fußball meist ein gesellschaftliches und kulturelles Randphänomen und dient nicht zur Selbstbestätigung vor der ganzen Welt. Schweizer und Österreicher haben genug anderes, mit dem sie sich in der Welt hervortun oder mit dem sie ihr National-Ego aufplustern können. Fußball ist ihnen in diesem Sinne fast unwichtig.  Außerdem können deren Patrioten, also deren Nationalisten, ihren Nationalstolz auch schlecht über eine Gruppe Auserwählter herstellen, die fast nur aus Ausländern besteht, aus Südländern, Zugewanderten, Leuten mit anderer Hautfarbe, die die Nationalhymne nicht aus vollem Halse mitsingen und sich auch mit deren Inhalt nicht identifizieren können. Patrioten können sich in einer solchen Nationalmannschaft nicht nur nicht wiedererkennen, sie ist auch die Wahrwerdung ihrer schlimmsten Albträume. Ohne böse Hintergedanken und ohne Nationaleifer kann man sagen, dass die Schweiz bei der diesjährigen Europameisterschaft die „balkanischste“ Mannschaft hat.

Zur zweiten Gruppe gehören die Mannschaften jener Länder, in die im letzten Jahrhundert niemand  einwanderte, sondern  aus denen man hauptsächlich auswanderte, aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen, oder wegen rauer ethnischer Säuberungen zu Kriegs- und Friedenszeiten. Dabei handelt es sich um osteuropäische, postkommunistische Länder, in der Regel jene, die zum sowjetischen Lager gehörten (mit Ausnahme von Kroatien, das Teil von Jugoslawien war und nach 1948 sogar außerhalb der sowjetischen Interessensphäre lag). Die Nationalmannschaften dieser Länder sind ethnisch meist homogen und repräsentieren vorwiegend das nationale und kulturelle Ideal, das den dortigen Patrioten gefällt, den Nationalisten und den Rechtsextremen. Im Unterschied zu den Nationalmannschaften Österreichs und der Schweiz, die kulturelle Randerscheinungen darstellen und keine Mannschaften von erstklassigem nationalem und staatlichem Interesse, sind die Mannschaften Kroatiens und Albaniens nationale Titanen, Vorbilder für die breite nationale Masse, aber auch ausgewiesene National- und Kulturelite. Was für Deutschland Goethe ist und für Italien Dante, das ist für Kroatien Davor Šuker. Einen wichtigeren Dichter und Denker hat Kroatien nicht oder will es nicht haben. Fußball ist in diesem Land ein Symbol der nationalen Überlegenheit nach dem Motto „ein Land, ein Volk, eine Fußballmannschaft“  und gleichzeitig der vollkommenen Unterlegenheit in allem anderen. Wo der Fußball aufhört, beginnt die Depression.

 

Kroatien - Im nationalistischen Orgasmus

Den spielerisch stärksten Eindruck im Aufeinandertreffen der Gruppen hinterließ die Nationalmannschaft – Kroatiens. Das ist letztlich auch nicht ungewöhnlich: während Fußball für die österreichischen Nationalspieler nur die Teilnahme an einem gutbezahlten Spiel bedeutet, geht es für die Kroaten um nationale Selbstdarstellung. Man muss nur die Schlagzeilen in den hiesigen Zeitungen lesen, am Morgen nach dem Spiel gegen Spanien hieß es: „So zermahlen die Kroaten (die Spanier)“. In anderen Zeitungen stand, dass die Spanier niedergerannt worden seien, in einer dritten, man habe sie erniedrigt. Man spricht mit einem Wortschatz, der aus Sadomaso-Pornofilmen stammen könnte, voller Sperma, Blut und Schweiß und, natürlich – voller Erniedrigung. Erniedrigt werden selbstverständlich immer die anderen. Heute die Türken, die Tschechen und Spanier. Und schon morgen, falls der liebe Gott es will und die heilige Maria, Mutter Gottes die Fürbitten und Gebete der Fans erhört, werden auch Italiener, Engländer und Deutsche jenes Niederrennen, Erniedrigen und  Zermahlen über sich ergehen lassen müssen, bis zum Orgasmus der kroatischen Fußballselbstbestätigung, bei dem dann wohl elf ausgewählte Titanen Europa ins Gesicht und auf die Brüste urinieren. Sie glauben, ich übertreibe? Hätten Sie bloß Recht!

Die kroatische Mannschaft spielt genau so, wie ihre Nation dies von ihr erwartet. Viele spielen besser, als man es aus ihren Vereinen von ihnen gewöhnt ist. Offenbar sind sie ganz besonders inspiriert. Patriotismus als Doping hilft im Fußball besser als jedes andere Doping. Und ist auch nicht verboten. Nach jedem Spiel spornt sie die Präsidentin der Republik mit neuen Glückwünschen an. Und die Tageszeitungen berichten, dass die regierende Partei des Staates, die ultrarechte Kroatische demokratische Gemeinschaft, ihren Parteisprecher verkünden lässt, für den Sieg bei den außerordentlichen bevorstehenden Parlamentswahlen fehlten ihnen nur eine erfolgreiche touristische Saison und die Siege der kroatischen Nationalmannschaft bei der Euro. Erstens bewiese das ihre wirtschaftliche und ökonomische Genialität und zweitens den Sieg der Patrioten über diejenigen, die keine sind. Falls Sie sich fragen, welchen Zusammenhang es zwischen einem Fußballsieg und dem Patriotismus gibt und was das für eine Logik ist, in der eine Fußballnationalmannschaft einen Konflikt rechter Kroaten mit linken Kroaten darstellt, dann bedeutet das, dass Sie nichts verstanden haben, dass Sie in Sachen Kroatien wirklich überhaupt keine Ahnung haben.

 

Albanien - Ein balkanisches Heldenlied

Albanien ist sogar zum ersten Mal bei einer größeren Fußballmeisterschaft und hat wie die meisten osteuropäischen Mannschaften das Bedürfnis nationaler Selbstinszenierung, denn auch für Albanien ist, fast wie für Kroatien, Fußball etwas viel Größeres und Wichtigeres als einfach nur Sport. Etwas, das mit Sport fast gar nichts mehr zu tun hat.

Es war interessant, das erste Spiel anzusehen, das gegen die Schweiz. Wie ein Spiel der Mannschaft der stolzen Adler und ihren nächsten Nachbarn kam es einem vor, der international nur halbanerkannten Republik Kosovo, deren Mannschaft nicht an den Qualifikationen zu dieser Europameisterschaft teilnehmen durfte. Valon Brahrami, Xherdan Shaqiri, Admir Mehmedi, Blerim Džemaili, Shani Tarashaj und der Größte unter ihnen, der geniale Mittelfeldspieler Granit Xhaka, der für unglaubliche 45 Millionen Euro diesen Sommer von Borussia Mönchengladbach zu Arsenal London wechselte, verteidigten die Ehre und Fahne der Schweiz gegen ihre ungleich schlechter bezahlten und vereinstechnisch weniger erfolgreichen Landsleute aus Albanien. Und wie in einem balkanischen Heldenlied trafen in diesem Spiel Brüder aufeinander, denn der große Granit begegnete auf albanischer Seite seinem leiblichen Bruder Taulant Xhaka. Beide wurden in Basel geboren, allerdings war Granit talentierter und begann für die reiche Schweiz zu spielen, während sein älterer Bruder, den der liebe Herrgott nicht mit ganz so viel Fußballtalent gesegnet hatte, sich dann dafür entschied, für Albanien zu spielen. Beide sind von ihrer Herkunft her natürlich Kosovaren.

Die Schweiz siegte mit dem Tor eines ihrer Verteidiger. Der Betreffende heißt Fabian Schär, was vielleicht ein glücklicher Umstand war, denn mit diesem Tor trat er niemandem auf die Füße und wird so auch nie zur Figur balkanischer Mythologie, die voller lehrreicher und bitterer Legenden über Verräter ist. Nur, dass die Verräter in unseren Augen eben Helden sind. Nur, dass ihre Größe irgendwie rückwärts wächst.

In diesem Spiel, wie auch in den zwei nächsten, kämpften die Albaner wie die Löwen. Sie rannten, grätschten in die Gegenspieler, schoben ihre Köpfe dorthin, wohin andere nicht mal mit den Füßen passten und zeigten so ungesehenen Einsatz und Kampfgeist. Aber bei den Franzosen konnten sie nicht mehr. Noch einmal verloren sie gegen die Besseren, um dann im dritten Spiel ihren legendären Sieg zu erlangen, den ersten in ihrer Nationalgeschichte. Sie gewannen gegen Rumänien, das in diesem Spiel als Favorit galt. Wir werden bald vergessen haben, dass Rumänien bei der Europameisterschaft überhaupt gespielt hat. Es wird wahrscheinlich die Mannschaft sein, die wir bei nächtlichen Kneipendiskussionen über Fußball in Zukunft überhaupt nicht mehr erwähnen, wenn wir das Heimgehen durch das Aufzählen von Teilnehmern der Euro 2016 noch ein wenig hinauszögern.

 

Ungarn - Die Überraschung

Die Ungarn sind aus meiner Sicht die größte Überraschung der Euro. In meinen fünfzig Lebensjahren  und meinen zwei- oder dreiundvierzig Jahren aktiver Teilnahme am Spiel – natürlich nicht als Fußballer, sondern als fanatischer Fußballzuschauer – konnte ich Ungarn nur zweimal bei einer Europa- oder Weltmeisterschaft anschauen. Zuletzt bei der WM in Mexiko. Damals war ich zwanzig Jahre alt. Und das ist es, was den Fußball so ernst macht: da vergeht dein halbes Leben, bevor die Ungarn nochmal bei einer Meisterschaft auftauchen…. Ginge es um irgendein anderes Land dieser Welt, wäre das nur halb so interessant, aber Ungarn ist immerhin eine mystische Macht aus ferner Vergangenheit. Für meinen verstorbenen Großvater, genau wie für meinen ebenso verstorbenen Vater, war das Ungarn aus dem Jahre 1954 das Fußballidol.  Das „leichtfüßige Pferdchen“ war  unter der Führung von Ferenc Puskas angeblich eine der beeindruckendsten  Erscheinungen der Fußballgeschichte. Ich sage angeblich, denn daran kann ich mich natürlich nicht erinnern. Aber ich weiß noch genau, dass mein Vater, wann immer die Deutschen eine Europa- oder Weltmeisterschaft gewannen oder wann immer irgendwem einfiel, dass niemand, jedenfalls kein Europäer,  Fußball spielte wie die Deutschen, nur seufzte: „Die Ungarn, wenn du nur wüsstest, wer die Ungarn mal waren….“

Und da sind sie nun wieder, die Ungarn. Sie haben alle drei Spiele richtig gut gespielt, besonders das gegen Portugal und zwar nicht nur, weil dort die meisten Tore fielen, sondern weil es vielleicht das schönste Spiel dieser Meisterschaft war. Sie waren gut aufeinander eingestimmt, spielten inspiriert und wie von einem inneren Feuer angetrieben, das wiederum mit Fußball auch wenig zu tun hatte. Patriotismus? Ob ich glaube, es hätte damit zu tun? Im Publikum waren schon ein paar rasierte Köpfe zu viel unter den rot-grünen Fans, sogar schwarz gekleidete, die im Rhythmus des Anfeuerns die rechte Hand irgendwo hoch über den Kopf hielten. Vielleicht kam es mir auch nur so vor. Das hoffe ich jedenfalls. Vor allem, weil mir gefiel, wie die Ungarn spielten. Auch wenn sie qualitativ nicht auf der Höhe der Kroaten waren, die Ungarn haben ja weder einen Luka Modric noch einen Ivan Perisic, spielten sie doch großartig. Und hatten natürlich Glück. Fanatiker und Fantasten haben im Fußball immer Glück. Osteuropa erinnert mit seiner Armut und seinem Frust, mit den moralischen und politischen Defiziten, dem politischen Extremismus und seinen Hooligans auf den Fußballfeldern irgendwie an ein Lateinamerika im Kleinen. Bedeutet dies, dass guter Fußball aus der Armut geboren wird, aus materieller und geistiger? Kann schon sein. Aber es kann auch noch etwas der Fall sein: Fußballsiege sind in solchen Ländern gleichwertig mit Niederlagen. Oder besser gesagt: die Menschen sind glücklicher und klüger, wenn sie verlieren als wenn sie gewinnen.

 

Kroatien - Ein Favorit mit gefährlichen Nebenwirkungen

Was kann man nun also zusammenfassend sagen? Von allen Balkanern, wenn man zu ihnen auch die alten balkanischen Imperatoren zählt, die Österreicher, und vielleicht auch noch ihre kosovarischen und albanischen Verwandten des Schweizer Teams, hat Kroatien nicht nur die besten Spiele gezeigt, sondern es hat auch, scheint es, eine reelle Chance, die Europameisterschaft zu gewinnen. Es spielt einfach keiner wie sie. Eine andere Frage ist natürlich, ob es gut wäre, wenn dies einträte. Aus europäischer Sicht und aus der Sicht der kroatischen Nachbarn vielleicht schon. Aber aus kroatischer Perspektive hieße das, dass es noch viele niedergerannte, erniedrigte, zermahlene, abgestrafte Gegenspieler gäbe. Ob das gut wäre? Das wäre es nur, wenn dies beide Seiten genießen. Was aber, wenn sich der jeweils andere nicht bewusst ist, dass er niedergerannt, erniedrigt, zermahlen oder abgestraft wird?

Dann ist wohl mit dem Ersteren und dessen Fantasie etwas gefährlich nicht in Ordnung.

 

 

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