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Der Schipka-Pass - Historische Geschütze auf historischem Schlachtfeld. Foto: BR | Karin Straka

Auf dem Balkan
Eine Eroberung mit Hindernissen

Wir waren auf dem Balkan. Ja sicher – denkt jetzt mancher Leser, manche Leserin – ich auch: im Urlaub an der kroatischen Küste, im Zuge einer Städtereise nach Sarajevo oder Belgrad …

Das zeigt welche Assoziationen der „Balkan“ bei vielen hervorruft – man denkt an die Länder Südosteuropas, auf der geographisch nicht eindeutig definierten Balkanhalbinsel. Wir aber haben uns dorthin begeben, wo der Ursprung des Begriffs „Balkan“ als Bezeichnung für die Balkanhalbinsel vermutlich liegt, ins Balkangebirge Bulgariens.

 

Als Ziel hatten wir den historisch bedeutenden Schipka-Pass gewählt, mit 1.185 Metern über dem Meeresspiegel der höchstgelegenste Pass Bulgariens. 1877 und 1878, während des Russisch-Osmanischen Krieges, kämpften dort russische und türkische Truppen um die Vorherrschaft in diesem Gebiet. Die Russen konnten den Pass unter großen Verlusten erfolgreich gegen die Türken verteidigen. Damit haben sie sich ihren festen Platz in der bulgarischen Geschichte erobert, als Befreier Bulgariens von der türkischen Herrschaft.

 

Wie die Türken damals, hatten auch wir Probleme den Pass zu erobern. Und das lag nicht an einer Übermacht russischer Soldaten, sondern eher an dem Wunsch möglichst jeden Schritt der Reise fotografisch festhalten zu wollen. Bei einem dieser Fotostopps passierte das Malheur – eine kleine Steinbrücke attackierte einen unserer Autoreifen und verursachte eine „Platten“. Die Aufregung war groß, das mitgeführte Werkzeug leider nicht. Gerettet wurden wir von einem netten Bulgaren, den die Verzweiflung in unseren Gesichtern zum Anhalten bewogen hatte. Unter kürzester Zeit war der Reifen gewechselt und wir konnten, inklusive des unfallverursachenden Fotos, unsere Reise fortsetzen.

 

Auf der Passhöhe steht schon von weitem erkennbar das monumentale Schipka-Denkmal, ein fast 32 Meter hoher Steinturm, der im Gedenken an die erwähnten Schlachten 1934 eröffnet wurde. Sein Eingang wird von einem imposanten Bronzelöwen bewacht. Wir kämpften uns tapfer über hunderte Stufen bis ganz nach oben, vorbei an Schlachtrelikten und Gemälden, die eindrucksvoll die Grausamkeiten dieser Zeit darstellen. Belohnt von einer atemberaubenden Aussicht über den Pass und das Balkangebirge, konnten wir uns beim Blick auf die Ebene die heranstürmenden türkischen Truppen des 19. Jahrhunderts gut vorstellen.

„Jede Schlucht erdröhnt vom Widerhall der Schlacht.
Wild die Türken greifen an mit Übermacht,
auf den Steilhang stürmen sie zum zwölften Mal,
der mit Blut bedeckt ist und mit Leichen fahl.
Schwarm auf Schwarm! Sie stürmen unermüdlich an.
Wütend weist zum Gipfel wieder Suleiman,
schreit: „Dort sind die Rajah! Hunde, rennt hinauf!“
Und die wilden Herden brechen brüllend auf,
rings die Luft erschütternd durch den Schrei: „Allah!“
Antwort gibt der Gipfel mit dem Ruf: „Hurrah!“…
Ohne Hilfe kämpfen sie drei Tage lang…
Keine Kugeln gibt´s, die Flinten noch zu laden –
Äste werden Schwerter, Steine gar Granaten,
Seelen werden Flammen, jeder Blick – ein Speer.
Aber bald gab´s oben keine Steine mehr,
da schrie einer: „Männer, Männer, packt die Leiber!“
Plötzlich wie Dämonen grausig fliegen Leichen
von der Höhe nieder in die schwarzen Scharen,
die mit ihnen höllenwärts zur Tiefe fahren.
Panisches Entsetzen packt den Türkenschwarm:
Lebende und Tote kämpfen Arm in Arm!“

 

Aus dem Gedicht des bekanntesten bulgarischen Volksdichters Iwan Wasow.

Um die Verpflegung der Kämpfenden war es damals eher schlecht bestellt. Wir wissen auch nicht, ob Büffeljoghurt bereits im 19. Jahrhundert auf dem Schipka-Pass angeboten wurde. Heute ist es auf jeden Fall eine besondere Spezialität, die man sich hier nicht entgehen lassen sollte. Zumal die Bulgaren eine eigene Joghurtkultur gezüchtet haben, die in dem Ruf steht, besonders bekömmlich zu sein.

Doch noch etwas anderes erregte unsere Aufmerksamkeit. Auf einem der umliegenden Gipfel entdeckten wir ein UFO-ähnliches Bauwerk. Dabei handelt es sich um das „Busludscha-Denkmal“ zu Ehren der sozialistischen Bewegung Bulgariens. Es wurde 1981 zur 1300-Jahr-Feier der bulgarischen Staatsgründung eingeweiht, ist aber seit dem Zusammenbruch des sozialistischen Regimes 1989 dem Verfall preisgegeben. Diesen Gipfel ebenfalls zu erobern haben wir auf unseren nächsten Besuch verschoben – zur Schonung unseres Reserverades.

 

Wir waren „auf dem Balkan“ – auch wenn über die geographische Zugehörigkeit einzelner Länder zum „Balkan“ nicht immer Einigkeit herrscht.

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