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Das Wunderteam vor dem Länderspiel gegen England am 07.12.1932 in London, England: (l-r)Trainer Jimmy Hogan, Walter Nausch, Georg Braun, Karl Gall, Adolf Vogel, Karl Zischek, Franz Weselik, Matthias Sindelar, Karl Rainer, Johann Mock; (vorne, l-r) Rudolf Hiden, Peter Platzer, Anton Janda, Karl Sesta, Anton Schall, Friedrich Gschweidl und Josef Smistik. Foto: picture-alliance | dpa

Österreichs Wunderteam
Als das Scheiberlspiel Europa eroberte

Anlässlich der Europameisterschaft in Frankreich erzählen wir fünf hintergründige Fußball-Geschichten aus unseren Teilnehmerländern Rumänien, Albanien, Kroatien, Ungarn und Österreich. Heute schauen wir auf Österreich.

Ein Wunder ist laut Duden ein „außergewöhnliches, den Naturgesetzen oder aller Erfahrung widersprechendes und deshalb der unmittelbaren Einwirkung einer göttlichen Macht oder übernatürlichen Kräften zugeschriebenes Geschehen, Ereignis, das Staunen erregt“. Von daher ist der Begriff „Wunderteam“ für die österreichische Auswahl der frühen 1930er Jahre recht adäquat gewählt. Die Geschichte nahm ihren Anfang  jedoch schon einige Jahre früher.

Anfang des Jahres 1929 traf die österreichische Nationalmannschaft rund um den Ausnahmespieler Matthias Sindelar auf eine Süddeutsche Auswahl. Das Spiel fand auf schneebedecktem Boden statt. Das damals praktizierte Scheiberlspiel – ein schnelles und technisch sehr anspruchsvolles Kurzpassspiel – konnte auf dem schwierigen Untergrund nicht entfaltet werden und das Spiel endete mit einer krachenden 0:5-Niederlage. Unter anderem Sindelars Aussagen nach dem Spiel „Mia hättn no mehr scheiberln miasn“ führten zur Verbannung durch Verbandskapitän Hugo Meisl.

Meisl galt als Visionär des Fußballs. Er war maßgeblich daran beteiligt, dass Österreich im Jahr 1924 zum ersten kontinentaleuropäischen Land mit einer eigenen Profi-Liga wurde. Zudem war er  entscheidend an der Schaffung des Mitropapokals und dem Europapokal der Nationen, dem Vorläufer der Europameisterschaft, beteiligt. Die Causa Sindelar wurde für ihn ungleich schwieriger, trug aber maßgeblich zur Legendenbildung des Wunderteams bei.

Die interessierte Öffentlichkeit und die Presse forderten vehement die Begnadigung Sindelars. Eine Aufstellung hatten sie auch bereits zusammengestellt. In einer viel beachteten Presskonferenz in einem Wiener Kaffeehaus soll Meisl den Anwesenden einen Zettel mit der geforderten Aufstellung mit den Worten „Da habt’s euer Schmieranskiteam!“ vor die Füße geworfen haben. Das anschließende Länderspiel am 16. Mai 1931  gegen Schottland galt dann auch als Geburtsstunde des Wunderteams. Vor 37.000 Zuschauern auf der Wiener „Hohen Warte“ wurde die hoch favorisierte schottische Elf mit 5:0 vom Platz geschossen. Neben Sindelar standen ausschließlich Spieler von Wiener Vereinen in der Startformation. Es war die erste Niederlage einer schottischen Mannschaft in Kontinentaleuropa.

Das folgende Spiel fand in Deutschland statt und konnte sogar mit 6:0 gewonnen werden. Die deutsche Presse benutzte auch das erste Mal den Begriff „Wunderteam“. Weiterhin sprachen sie vom  „peinlichen Ende Deutschlands“ und der „größten Blamage des DFB“. Ein weiterer Meilenstein war der 8:2-Sieg Österreichs gegen den ewigen Rivalen Ungarn.  Am 24. April 1932 feierten die Alpenkicker den bis dato höchsten Sieg – und beendeten eine vier Jahre lang anhaltende Durststrecke gegen die Magyaren. Vor 60.000 Zuschauern in der neu gebauten „Hohen Warte“ spielte sich Österreich in einen wahren Rausch. Laut der „Neuen Freien Presse“ war es mehr als ein Klassenunterschied, der zu sehen war. Spielbestimmender Mann war wieder einmal Matthias Sindelar. Der „Papierene“ wie er aufgrund seiner schmächtigen Statur genannt wurde, erzielte drei Tore selbst und bereitete alle anderen Treffer vor.  Vier Tore legte er für Anton Schall – und eines für Friedrich Gschweidl auf – zwei weitere prägende Spieler des Wunderteams. Nebenbei konnte man in der Zeit auch den Europapokal der Fußball-Nationalmannschaften gewinnen. Bis dato ist es der einzige Titel in der langen Geschichte des österreichischen Fußballs. In 15 Spielen gelangen insgesamt zwölf Siege, bei zwei Unentschieden und nur einer Niederlage. Diese eine Niederlage brachte der Mannschaft international jedoch das größte Renommee ein.

Das englische Nationalteam wurde noch nie auf heimischem Grund geschlagen und keine Mannschaft kam bisher über ein Ehrentor hinaus. Die Partie wurde per Unterseekabel Live im Radio übertragen. Das Spiel wurde in Cafés, Kneipen und an öffentlichen Plätzen gehört. Die größte Übertragung gab es am Wiener Heldenplatz, wo sich tausende Menschen versammelten, um das Spiel gemeinsam zu erleben. Trotz eines 0:2-Rückstandes in der Halbzeit schaffte die Mannschaft historisches. Zwei Treffer von Karl Zischek und ein Tor von Matthias Sindelar konnten an der Niederlage zwar nichts ändern – das Spiel ging 3:4 aus Sicht der Österreicher aus – die Anerkennung war dem Wunderteam aber gewiss. Die englischen Gazetten überschlugen sich förmlich mit Lob für die unterlegenen Österreicher und sahen durch das Spiel auch die Hegemonie Englands im Weltfußball beendet, wie die „Times“ schrieb. Es sollte noch bis zum 6:3-Sieg der ungarischen „Goldenen Elf“ um Ferenc Puskas im Jahr 1953 dauern, bis eine Mannschaft vom Kontinent England daheim besiegen konnte.

Als letztes Spiel des Wunderteams, gilt der 4:0-Sieg in Frankreich am 12. Februar 1933. Torwart und Stützte des Teams Rudolf Hiden zog es wie weitere Leistungsträger anschließend ins Ausland. Damals wurden Legionäre für die Nationalmannschaft nicht mehr berücksichtigt. Bei der Weltmeisterschafft 1934 in Italien schaffte es Österreich noch ins Halbfinale. Da dort aber der Gastgeber wartete und Benito Mussolini das Land regierte, schieden die Alpenkicker unter dubiosen Umständen aus und die große Zeit des österreichischen Fußballs war vorerst zu Ende.

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