Der Schicksalstag des englischen Länderspiel-Fußballs am 25.11.1953 im Londoner Wembleystadion: Die Nationalmannschaft mit Kapitän Billy Wright (r, mit Ball) und Torhüter Gil Merrick (2.v.r) läuft zur Begegnung mit den als unschlagbar geltenden Ungarn auf, angeführt von Kapitän Ferenc Puskas (3.v.r) und Torhüter Gyula Grosics (4.v.r). Am Ende besiegen die Magyaren das Team aus dem Fußball-Mutterland hoch mit 6:3. Im Jahr darauf setzt es für die Engländer in Budapest gar eine 1:7-Schlappe. Foto: picture-alliance | dpa

Ungarns Goldene Elf
Die Unvollendete

Anlässlich der Europameisterschaft in Frankreich erzählen wir fünf hintergründige Fußball-Geschichten aus unseren Teilnehmerländern Rumänien, Albanien, Kroatien, Ungarn und Österreich. Heute schauen wir auf Ungarn.

31 Spiele in Folge waren die Ungarn bis zu jenem schicksalhaften 4. Juli im Jahr 1954 unbesiegt. 31 Spiele, in denen man den Gegner fast nach Belieben beherrschte, ein neues Spielsystem prägte und Olympiasieger wurde. In Deutschland ist das Spiel als „Wunder von Bern“ in die Geschichte eingegangen. In Ungarn läutete es das Ende der „Aranycsapat“, der „Goldenen Elf“ ein.

Begonnen hat der Erfolgslauf im Jahr 1949 mit der Berufung von Gusztav Sebes als Nationaltrainer. Das damals praktizierte Spielsystem war darauf ausgelegt, dass jeder Spieler starr auf seiner Position blieb und sich nur auf die ihm zugedachte Rolle beschränkte. Sebes hingegen implementierte eine Taktik, bei der die Spieler situativ auf das Spiel reagieren sollten. Ungarn praktizierte so schon früh den später vor allem durch die Niederlande geprägten „Totaalvoetbal“. Ungarns Nationalheld Ferenc Puskas beschrieb das System später folgendermaßen:  „Wenn wir angriffen, griff jeder mit an, wenn wir verteidigten, war es das Gleiche. Wir waren der Prototyp des totalen Fußballs.“

Der Kern der Mannschaft wurde von Spielern der Budapester Vereine Honved und MTK gebildet. Dies war ein weiterer großer Vorteil, da man sehr aufeinander eingespielt war. Im Tor hatte stand mit Gyula Grosics einer der ersten mitspielenden Torhüter der Geschichte. Aufgrund des sehr variablen und flexiblen Spielsystems musste sich Grosics häufig ins Spiel einschalten und agierte als zusätzlicher Verteidiger. Die Verteidigung wurde um den robusten Vizekapitän Jozsef Bozsik gebildet. Bozsik war bis Mai dieses Jahres mit 101 Länderspielen Rekordnationalspieler Ungarns. Abgelöst wurde er vom nunmehr 40-jährigen Torwart Gabor Kiraly. Die Offensive um Sandor Kocsis, Nandor Hidegkuti und Ferenc Puskas gilt bis heute als eine der besten der Welt. Kocsis und Puskas erzielten gemeinsam insgesamt 159 Tore und Kocsis wurde mit elf Toren Torschützenkönig der WM 1954.

Die Serie begann am 4. Juni 1950 mit einem 5:2 Sieg gegen Polen. Am 23. September 1950 sorgte die ungarische Auswahl mit einem 12:0 gegen Albanien für den höchsten Sieg der Länderspielgeschichte. 1952 nahm die „Aranycsapat“ am olympischen Fußballturnier in Finnland statt. Im Verlauf des Turniers wurde Italien mit 3:0 besiegt, die Türkei und Schweden sogar mit 7:1 bzw. 6:0 abgefertigt. Im Endspiel traf man auf die jugoslawische Auswahl um Ausnahmetorhüter Vladimir Beara, Zlatko „Čik“ Cajkovski und den Torschützenkönig des Turniers, Branko Zebec. Gusztav Sebes` Mannschaft gewann das Spiel durch Tore von  Zoltán Czibor und Ferenc Puskas mit 2:0 und somit ihren ersten Titel. Ein Jahr später folgte der Sieg im Europapokal der Fußball-Nationalmannschaften (einem Vorläufer zur heutigen Europameisterschaft) durch einen 3:0-Sieg im entscheidenden Spiel gegen Italien. Den größten Moment erlebte Ungarn aber am 25. November 1953. Mit einem Offensivfeuerwerk wurde die englische Nationalmannschaft mit 6:3 im Wembley-Stadion abgefertigt. Nach dem Spiel äußerte der englische Stanley Mathews seine Bewunderung: „Sie waren die beste Mannschaft, der ich je gegenüberstand. Sie waren die Besten aller Zeiten.“

Es war die erste Heim-Niederlage einer englischen Nationalmannschaft gegen ein Team aus Kontinentaleuropa. Das Rückspiel in Budapest wurde sogar mit 7:1 gewonnen.

Als großer Favorit fuhr Ungarn dann auch zur Weltmeisterschaft in die Schweiz. Einem 9:0-Sieg in der Vorrunde gegen Südkorea, folgte ein 8:3 gegen Deutschland. Im Viertel- und Halbfinale wurden sowohl Vizeweltmeister Brasilien als auch Weltmeister Uruguay mit 4:2 besiegt. Die Magyaren erzielten im Turnier 27 Tore, im Schnitt also 5,4 pro Spiel und Sandor Kocsis gelangen zwei Hattricks im Turnier. Bis heute sind diese Zahlen unerreicht.

Das Finale wurde dann aus ungarischer Sicht zum Desaster. Nach einer schnellen 2:0-Führung durch Puskas und Czibor schien sich das Ergebnis aus der Vorrunde zu wiederholen. Deutschlands Stürmer Max Morlock und Helmut Rahn sorgten jedoch für einen 3:2-Sieg für Deutschland und das „Wunder von Bern“. Die Gründe für die Niederlage sind vielfältig. Der tiefe  Rasen sorgte dafür, dass sich das gefürchtete ungarische Kombinationsspiel nicht entfalten konnte. Die Deutschen kamen insgesamt besser mit dem schwierigen Geläuf zurecht. Die deutsche Mannschaft war perfekt auf den Gegner eingestellt und schaffte es den Gegner mit punktueller Manndeckung zu zermürben. Der ungarischen Mannschaft wurde später immer wieder vorgeworfen, dass sie zu arrogant in das Spiel gegangen sei, in dem Glauben man sei unschlagbar.

Die Niederlage war nicht nur sportlich schmerzhaft für die „Goldene Elf“. In der Heimat wurde der Mannschaft diese Niederlage nie verziehen. Der Mannschaftsbus musste aus Angst vor Protesten kurz vor Budapest umgeleitet werden. Viele Spieler verloren ihre Privilegien, die sie in dem Regime aufgrund ihrer Stellung genossen. Ferenc Puskas wurde bei Ligaspielen ausgebuht und es wurde erzählt, dass die Menschen auf der Straße ihn wie einen Aussätzigen behandelt hätten. Der Sohn von Trainer Sebes wurde aufgrund der Niederlage verprügelt. Torwart Gyula Grosics – den viele als Hauptschuldigen für die Finalniederlage sehen – wurde verhaftet und des Landesverrats bezichtigt. Er wurde zwar freigesprochen, musste aber zu einem Fußballverein in die Provinz wechseln.

Zwar startete Ungarn nach dem verlorenen Finale wieder eine Serie von 19 Spielen ohne Niederlage, doch die große Zeit war vorbei. Als 1956 der Volksaufstand in Ungarn begann, zerfiel die Mannschaft komplett. Zoltan Czibor, Sandor Kocsis und Ferenc Puskas weigerten sich von einem Auswärtsspiel ihres Vereins Honved Budapest bei Athletic Bilbao zurückzukehren. Für Ungarn spielten sie anschließend nie wieder.

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