Spieler, Trainer und Betreuer des rumänischen Fußballmeisters Steaua Bukarest gruppieren sich am 7.5.1986 im Sanchez-Pizjuan-Stadion in Sevilla zu einem Mannschaftsfoto um den eroberten Europapokal der Landesmeister. Steaua schlägt den FC Barcelona nach einem 0:0 nach Verlängerung mit 2:0 im fälligen Elfmeterschießen. Den Cup hat Torhüter Helmut Ducadam (M, unten) in seinen Händen. Er avanciert mit vier parierten Elfmetern zum Helden des Abends, der ein kurioses wie dramatisches Ende hat. Sechs Schützen - darunter alle vier spanische - können ihren Elfmeter nicht verwandeln. Foto: picture-alliance | dpa

Erinnerung an den größten Erfolg im rumänischen Fußball
Steaua Bukarest erobert Europa

Anlässlich der Europameisterschaft in Frankreich, erzählen wir fünf hintergründige Fußball-Geschichten aus unseren Teilnehmerländern Rumänien, Albanien, Kroatien, Ungarn und Österreich. Den Anfang macht Rumänien.

Ein ARO – die rumänische Version eines Geländewagens – war der Lohn für den größten Erfolg einer rumänischen Vereinsmannschaft im Fußball. Diese Prämie wurde von der Armee gestiftet. Es gab aber keinen Neuwagen, sondern einen Gebrauchten. Trotzdem war das schon etwas Besonderes, denn die meisten Rumänen hätten sich zu jener Zeit gewünscht, solch einen Wagen zu fahren, erinnert sich Helmuth Duckadam Jahre später. Duckadam, Torwart von Steaua Bukarest und „Held von Sevilla“ im Finale des Europapokals der Landesmeister 1985/1986 hat diesen Erfolg erst möglich gemacht. Steaua gewann als erster osteuropäischer Verein überhaupt – nur Roter Stern Belgrad konnte das Kunststück in der Saison 1991/1992 wiederholen – den Europapokal der Landesmeister. Doch wie kam es überhaupt dazu?

In der Gunst Ceausescus

Die Katastrophe von Heysel lag erst wenige Monate zurück. Im Finale des Europapokals der Landesmeister 1984/1985 zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool im Brüsseler Heysel-Stadion waren 39 Menschen ums Leben gekommen und hunderte verletzt worden.

Als Konsequenz wurden englische Vereine für fünf Jahre von allen europäischen Wettbewerben ausgeschlossen.

Das Teilnehmerfeld des Pokals – die älteren werden sich erinnern – bestand ausschließlich aus den Landesmeistern und dem Titelverteidiger, in diesem Fall Juventus Turin.

Steaua Bukarest nahm nach sieben meisterlosen Jahren erstmals wieder am wichtigsten Vereinswettbewerb Europas teil. Der von Emeric Jenei trainierte Armeeklub konnte dabei sowohl auf die Dienste von Top-Spielern wie Marius Lacatus, Victor Piturca, Tudorel Stoica oder Helmuth Duckadam bauen, erfreute sich aber auch der besondern Protektion durch Valentin Ceausescu, dem Sohn des allmächtigen Diktators Nicolae Ceausescu. Für die Spieler war Valentin wie ein großer Bruder – wie Abwehrspieler Miodrag Belodedici in einem Interview erklärte – der sich auch um persönliche Angelegenheiten kümmerte und bessere Bonuszahlungen aushandelte. Trainer Emeric Jenei erklärte, dass Valentin Ceausescu die Spieler vor dem Regime und dem Geheimdienst geschützt hätte. Anders sieht das Mircea Lucescu. Der heutige Trainer von Zenit St. Petersburg, trainierte in den 80er Jahren mit Dinamo Bukarest einen der größten Rivalen Steauas. Laut Lucescu beeinflusste Ceausescu nicht nur Mitglieder des Verbandes und Schiedsrichter zu Steauas Gunsten, sondern zwang andere Teams, Spieler an Steaua abzugeben. Belegt sind diese Vorwürfe nicht. Als gesichert gilt, dass die Spieler von Steaua viele Privilegien genossen und unter anderem auch ihre Frauen zu Auswärtsspielen mitnehmen konnten, was in der damaligen Zeit undenkbar war. Valentin Ceausescu wurde im Zuge der rumänischen Revolution 1989 inhaftiert, nach neun Monaten jedoch wieder freigelassen, nachdem ihm keine Straftaten zur Last gelegt werden konnten.

Lahti als erster Härtetest

Steauas Weg durch das Turnier war geprägt von einer unglaublichen Heimstärke und einer Portion Losglück. Die ersten zwei Runden überstand man nach ungefährdeten Heimsiegen recht souverän. Helmuth Duckadam erzählte später, dass Valentin Ceausescu bereits in der Winterpause in einer Ansprache zur Mannschaft gesagt hatte, dass Steaua den Pokal gewinnen werde. Die Mannschaft hielt das jedoch für eine Spinnerei. Im Viertelfinale wartete nun Kuusysi Lahti aus Finnland. Die Spiele wurden unerwartet zu einer wahren Geduldsprobe. Als klarer Favorit gegen den vermeintlich schwächsten Gegner im Feld – Bayern München, Juventus Turin und der FC Barcelona wären auch möglich gewesen – tat sich Steaua lange Zeit schwer. Das Hinspiel endete 0:0 in Bukarest. Vor einer Rekordkulisse von 32.522 Zuschauern folgte in Helsinki eine wahre Abwehrschlacht auf schwierigem Geläuf. Erst ein Tor von Stürmer Victor Piturca in der 86. Minute ließ das Pendel zugunsten Steauas ausschlagen. Für viele Experten war dieses Spiel das härteste auf dem Weg zu Europas Krone. Im Halbfinale ging Steaua erstmals nicht als Favorit in die Spiele, denn dort wartete mit dem RSC Anderlecht der belgische Meister. Das Team um den belgischen Superstar Enzo Scifo hatte im Viertelfinale den FC Bayern München besiegt. Das Hinspiel in Brüssel entschied Scifo durch sein Tor zum 1:0 Endstand in der 78. Minute dann auch gleich selbst. Weit über 125.000 Ticketanfragen gingen für das Rückspiel im 30.000 Plätze fassenden Stadion in Bukarest ein. Steaua spielte sich in einen wahren Rausch und lag nach Toren von Piturca und Gabi Balint bereits in der  23. Minute mit 2:0 in Front. Piturca machte mit seinem zweiten Treffer in der 71. Minute den Sack zu. Die Zuschauer waren kaum zu bändigen.

Im Bewusstsein der Heysel-Tragödie und der Hooligan-Problematik der 80er Jahre kam Fußball-Kommentar und Stadionsprecher Cristian Topescu auf eine einfache, aber wirkungsvolle Idee. Um die Emotionen zu bändigen, ließ er „Notre respect, Anderlecht“ auf die Anzeigetafel schreiben. Eine Botschaft, die nicht nur im Stadion, sondern in ganz Europa gehört wurde.

Steaua-Mittelfeldspieler und Kapitän Tudorel Stoica fasste seine Gefühle mit den Worten zusammen: „Jeder war glücklich nach dem Spiel, auch ich. Auf der der anderen Seite bin ich fast verrückt geworden. Ich dachte ich muss gleich losheulen.“ Der Grund für seine ambivalenten Gefühle war seine Sperre für das Finale aufgrund seiner zweiten gelben Karte. Im zweiten Halbfinale mühte sich der FC Barcelona zu einem Sieg im Elfmeterschießen gegen IFK Göteborg. Trotz des knappen Ergebnisses war der von Terry Venables trainierte FC Barcelona im Finale haushoher Favorit. Zumal das Spiel im Estadio Ramon Sanchez Pizjuan in Sevilla ausgetragen wurde.

Der Held von Sevilla wird geboren

Die spanische Presse machte denn auch keinen Hehl aus ihren Erwartungen. Die Zeitung „Sport“ schrieb – ganz ohne Druck aufzubauen: „Forca Barca, esa copa nu se puede escapar“, was frei übersetzt bedeutet, „Auf geht’s Barca, es gibt keine Möglichkeit den Pokal nicht zu gewinnen“.

Im Hotel Macarena – wo Steaua abgestiegen ist – hatte man derweil ganz andere Sorgen. Der gesperrte Stoica etwa verbrachte den ganzen Tag im Hotelzimmer vor dem Fernseher, da es damals in Rumänien nur zwei Stunden Fernsehprogramm pro Tag gab.

Weitere Motivation gab es durch die Fans des FC Barcelona. Stürmer Marius Lacatus, Spitzname „Das Biest“, sagte zu seinen Mitspielern, dass er heute treffen würde, nachdem er tausende feiernde Barcelona-Fans rund um das Stadion gesehen hatte. Auch im Stadion war die große Mehrheit auf Seiten der Katalanen, bei circa 1000 Steaua-Anhängern. Barcelonas deutschem Kapitän Bernd Schuster fehlte wie der gesamten Mannschaft die Kreativität und Durchschlagskraft. Die UEFA schreibt dazu auf ihrer Website: „In andalusischer Hitze passierte 120 Minuten, die geprägt waren von unerklärlichen Patzern der Katalanen und von abgeklärtem Defensivspiel der Bukarester, nichts Erwähnenswertes.“  Ein paar Dinge sind dann aber doch passiert. Am Abend vor dem Spiel waren Trainer Jenei, Ceausescu und Co-Trainer Anghel Iordanescu in der Hotellobby zusammengesessen. Irgendwann sagte Jenei zu Iordanescu, er solle jetzt schlafen gehen, da er im Finale spielen werde. Da hatte Iordanescu seine aktive Karriere bereits seit zwei Jahren beendet. In der 74. Minute war es soweit und Iordanescu wurde mit einem klaren Arbeitsauftrag eingewechselt. Er sollte den Ball in der Hälfte des Gegners halten. Sein erster Ballkontakt war dann sogleich ein „Gurkerl“ beim völlig entnervten Bernd Schuster. Der blonde Engel wurde kurze Zeit später ausgewechselt und verließ noch während des Spiels wutentbrannt das Stadion.

Die Entscheidung musste im Elfmeterschießen fallen – im Duell Mann gegen Mann, in dem gestandenen Spielern die Knie zu Pudding werden und Torhüter auf die Größe von Riesen anwachsen. Der Riese war in diesem Fall Helmuth Duckadam. Bereits zuvor hatte er ein gutes Gefühl, wie er später erklärte: „Während des Spiels hielt ich einen Schuss von Bernd Schuster, das hat mir Kraft für das Spiel – und vor allem für das Elfmeterschießen gegeben.“

Die ersten vier Schüsse wurden von den Torhütern pariert. Erst Marius Lacatus erzielte mit dem fünften Schuss den ersten Treffer. So wie er es angekündigt hatte. Nachdem Duckadam auch Pichi Alonsos Schuss abwehren konnte und Balint für Steaua traf, lag es an Marcos Alonso, Barcelona im Spiel zu halten. Duckadam – der mit Teamkollegen nach dem Training gerne beim Elfmeterschießen um Bier wettete und oft gewann – war an diesem Abend jedoch nicht zu bezwingen. „Was dieser Mann gemacht hat, will mir nicht in den Kopf“, kommentierte Barcelonas Venables fassungslos.

Am Flughafen in Bukarest wurde das Team von 15.000 Fans erwartet und von Diktator Nicolae Ceausescu geehrt. In den folgenden Jahren schaffte es Steaua noch einmal ins Halbfinale und 1989 sogar bis ins Finale. Dort unterlag man mit 0:4 jedoch klar dem AC Milan um Rijkaard, Gullit und Van Basten.

Helmuth Duckadam war da schon lange nicht mehr dabei. Im Sommer 1986 wurde bei ihm eine  Gefäßerkrankung des rechten Arms diagnostiziert, die beinahe zur Amputation geführt hätte. Das bedeutete nicht nur den Abschied vom aktiven Fußball, sondern auch den Rauswurf aus der Armee, weshalb der „Held von Sevilla“ immer noch tief enttäuscht ist.

Anghel Iordanescu dagegen kann wieder für ein Wunder sorgen. Als Nationaltrainer Rumäniens ist er bei der EM sogar auf solche angewiesen. Vielleicht ist es schon im Eröffnungsspiel gegen Frankreich soweit – und ein Held von Paris wird geboren.

Was Sie noch interessieren könnte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.