Neue Bürgersteige, Blumentöpfe wurden schon längst angelegt. Keine 200 Meter dahinter ist das Ufer der Save. Den Betroffenen war klar, dass das Alte dem Neuen weichen muss. Sie schmerzt aber, die Art und Weise wie mit ihnen umgegangen wurde. Foto: BR | Dejan Stefanovic

„Nachtabriss“ in der serbischen Haupstadt Belgrad
„Back to the Future“

„Eine Gruppe von etwa 30 maskierten Personen baute in der letzten Nacht 2 Wohntürme, ein Shopping Mall sowie ein 5-Sterne Hotel. Die Belgrader Stadtverwaltung  verfüge über keine Informationen darüber, wer über Nacht die „Belgrade Waterfront“ gebaut habe, kein Stadtdienst sei an diesem Prozess beteiligt gewesen, teilten die Stadtväter mit. Bürgermeister von Belgrad erklärte persönlich, er habe keine Informationen, wer diese Objekte errichtet habe, aber dass seinem Eindruck nach die Objekte guter Qualität und die Quadratmeterpreise  nicht hoch seien…“

Klingt doch alles wie ein Witz? Ja, aber diese Meldungen stammen von der serbischen satirischen Website „Njuz.net – Nachrichten im Spiegel“ und sind gemäß dem Motto, „Spiegelverkehrt“.  Die realen Ereignisse sind nicht so lustig. Wegen des Baus vom „serbischen Manhattan“, eines in der Öffentlichkeit umstrittenen Großprojekts am Ufer des Flusses Save, sollen Teile des alten, ehemaligen Hafen- und Handelsviertels abgerissen werden. Das geschah –  in der Nacht vom 24. auf den 25. April, nur wenige Stunden nach Schließung der Wahllokale.

 

Laut Zeugenberichten versperrten gegen 2 Uhr morgens Müllabfuhrfahrzeuge die Einfahrt in die Hercegovacka Straße, maskierte und mit Schlagstöcken bewaffnete Männer zerstörten mit Baumaschinen mehrere Objekte,  die von Privatpersonen genutzt wurden, darunter auch ein kleines Restaurant. Der Nachtwächter wurde gefesselt, das Handy wurde ihm abgenommen. Ähnlich ging es mehreren Passanten, einer von ihnen wurde sogar aus seinem Auto gezerrt. Sie wurden gegen ihren Willen in einem Schuppen festgehalten, Handys und Personalausweise mussten sie abgeben, die ganze Zeit wurde auf sie eingeredet, sie sollen schweigen und nicht um sich schauen. Obwohl von den Besitzern zerstörter Objekte und anderen Bürgern mehrmals gerufen, erschien die Polizei nicht vor Ort und verwies auf die Kommunalpolizei mit der Begründung, dass die am Abriss beteiligt war, während die Kommunalpolizei die Angaben der Polizei dementierte. Später stellte sich heraus, dass in der gleichen Nacht, am anderen Ende des riesigen Areals, auf dem „Belgrad am Wasser“ gebaut werden soll, Objekte einer privaten Firma auf ähnliche Art und Weise zum Abriss „präpariert“ wurden – mit schwarzen Jeeps ohne Kennzeichen und maskierten „Fachkräften“.

Der Bürgermeister von Belgrad wusste angeblich auch nichts, erklärte aber, dass die Stadtbehörden nicht an den Ereignissen beteiligt waren. Fast eine Woche nach den Ereignissen zeigten sich die Regierenden des Landes ahnungslos: Innenminister Stefanovic versprach Ermittlungen, nachdem ein Antrag aus der Staatsanwaltschaft eingetroffen ist, also wieder nicht, weil das die Pflicht der Polizei wäre. Während Premier Vucic am 1. Mai beteuerte, dass die zuständigen Behörden, die Angelegenheit bald klären würden.

 

Seit nunmehr 10 Tagen wartet die serbische Öffentlichkeit auf die Klärung dieser für einen Rechtsstaat undenkbaren Vorfälle.  Denn vermummte Schläger mit „fantomka“, die serbische Bezeichnung für eine Sturmhaube, erinnern einen guten Teil der Serben an die Ereignisse der 1990-er Jahre, von denen sie geglaubt haben, dass sie für immer der Vergangenheit gehören.  Jahre der Unsicherheit, Gewalt, Gesetzeslosigkeit, in denen „ungehorsame“ Bürger den Schlägertrupps des arroganten Diktators Milosevics ausgeliefert waren.

Zwei mutige Vertreter unabhängiger Institutionen wollen aber nicht zulassen, dass eine solche Lösung „kommunaler Probleme“, auch wenn es sich um nicht legale Objekte handelt, vergessen, unter den Teppich gekehrt wird oder sich gar wiederholt: Rodoljub Sabic, Beauftragter für Informationen von öffentlicher Bedeutung und Saša Jankovic, Ombudsmann der Republik Serbien.

Sabic ist unzufrieden mit der Erklärung der Stadtführung und forderte zusätzliche Informationen. Er stach wohl in ein „Wespennest“. Über Twitter wurde Sabic gedroht: Sollte er weiterhin an der Aktion der Maskierten interessiert sein, werde er die Gelegenheit bekommen, sie zu treffen!

 

Ombudsmann Jankovic leitete ein offizielles Verfahren ein, das klären soll, warum die Polizei nicht auf Forderungen der Bürger reagiert habe und ob in der Nacht zwischen dem 24. und 25. April die Polizei und die Kommunalpolizei beteiligt waren. Laut Jankovic zeigte sich die Polizei bis jetzt kooperativ, machte Aussage und stellte Aufzeichnungen der nächtlichen Anrufe der Bürger zur Verfügung. Ermutigt durch die Tatsache, dass sich bei ihm noch immer sowohl Augenzeugen als auch in jener Nacht malträtierte Bürger melden, hofft Jankovic, bald erste Ergebnisse seiner Ermittlung veröffentlichen zu können.

Während der Skandal offiziell noch ohne Epilog ist, mangelt es in den Sozialnetzen hingegen nicht an bissigen Kommentaren, Karikaturenn und lustigen Fotomontagen mit den originalen Werbeplakaten für „Belgrade Waterfront“. Auch die regierende Fortschrittliche Partei Serbiens von Vucic bekam ein neues Logo. Natürlich mit „fantomka“!

Die schärfsten Gegner des Projektes „Belgrade Waterfront“ ließen vor einigen Tagen ganz konkret wissen, wen sie für die Ereignisse verantwortlich machen. Ihr Symbol im Kampf gegen das Großprojekt, eine große gelbe Ente aus Styropor – dieses Mal im Geiste der Aktualität unter „fantomka“ und mit der Frage „Wer zerstört Belgrad?“ beschriftet – ließen sie auf dem Plateau vor dem Belgrader Rathaus abladen. Dort blieb sie nicht lange stehen, sie wurde schnell in einer gemeinsamen Aktion der Stadtinspektion und der städtischen Müllabfuhr, vorschriftsmäßig, abtransportiert. Die Polizei war prompt da und leistete Unterstützung. In Hercegovacka Straße war sie trotz Anrufe und Bitten für die Bürger nicht da. Die Öffentlichkeit wartet auf konkrete Antworten.

Wer zerstört Belgrad?

Mit einer großen gelben Ente aus Styropor gegen das Großprojekt „Belgrade Waterfront“.

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