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Die Schule in Lipljani hat nur 17 SchülerInnen. Hier zu sehen die 3. und 4. Klasse mit ihrer serbischen Englischlehrerin Aleksandra Milovanovic (2.v.l.) und Molly-Fahrer Nerzudin Hajdarevic. Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit - von diesen neun Kindern hat nur ein Vater einen Job - verlassen viele die Region und versuchen in der EU Fuß zu fassen. Foto: BR | Eldina Jasarevic

Bittere Armut in abgelegenen Dörfern in Bosnien
Eine mobile Bibliothek hilft

Wieder ist Nerzudin Hajdarevic unterwegs mit seinem Kleinbus. Vollgepackt mit Büchern fährt er zu abgelegenen Dorfschulen. Im Nordosten von Bosnien. Seinen Bus nennt er Molly, eine Abkürzung für „Mobile Library“, eine mobile Bibliothek. Schon seit 6 Jahren besucht Nerzudin Dorfschulen, um so Kindern zu ermöglichen, mal in anderen Büchern schmökern zu können. Denn sonst kommen sie an andere Bücher nicht heran. Gerade in diesen von besonders hoher Arbeitslosigkeit geprägten Gegenden von Bosnien, wo Familien meist unter der Armutsgrenze leben. Schuld daran sind immer noch die Folgen des Krieges in den 1990er Jahren, deshalb ist Molly so unheimlich wichtig, erzählt mir Nerzudin gleich zu Beginn der Fahrt.

Nerzudin, 37 Jahre alt, ist Bosniake. Während des Krieges wurde er von Serben, von Radovan Karadzics Truppen, vertrieben. Nach dem Krieg kehrte er zurück an seinen Heimatort, der sich nun in der Republika Srpska befindet, der von Serben verwalten Teilrepublik Bosniens. Jede Schule unterrichtet hier Serbisch. Doch viele bosniakische Familien, die hierher zurückgekehrt sind, wollen, dass ihre Kinder Bosnisch lernen. So wie es der Lehrplan der Föderation Bosnien-Herzegowina, die andere Entität des Landes, vorsieht. Die dafür notwendigen Bücher gibt es in der Republika Srpska meistens nicht. Kein Geld, heißt es dazu von offizieller Seite.

Nerzudin will sich damit nicht abfinden. Mit Molly versorgt er 28 Dorfschulen mit Büchern, die die bosniakischen Rückkehrer-Kinder für ihren Sprachunterricht brauchen. Viele der abgelegenen Dorfschulen sind von den zentralen Schulbibliotheken oft über 25 Kilometer entfernt und diese sind zumeist schlecht ausgestattet. Von einer eigenen kleinen Bibliothek können sie nur träumen. An eine Elterninitative, die etwa in reicheren Ländern einspringen würde, ist nicht zu denken. 90 Prozent der Menschen in dieser Region sind arbeitslos. Allein Molly versorgt in dieser Region die bosniakische Minderheit mit Schullektüre.

Molly wurde vor 10 Jahren gegründet und von „Muslim Aid“ aus London finanziert. Wegen des in den letzten Jahren unpopulären  Namens kam die Organisation unter Druck, Spendengelder blieben aus, das Projekt stand kurz vor dem Aus.  Da entschied die Islamische Gemeinschaft Bosniens, das Unternehmen mitzufinanzieren und Molly wurde gerettet.

Nerzudin und ich fahren weiter mit Molly in die Region um Zvornik. Wir besuchen drei Schulen, in allen drei sehe ich nur wenige Kinder – immer noch die Folge von Kriegsvertreibungen und noch immer liegt hier die Wirtschaft am Boden. Ein besonders trauriges Beispiel ist die Schule in Cerska. Das Schulgebäude ist riesig, drei Stockwerke hoch, denn vor dem Krieg lernten und tobten hier über 700 Schüler. Damals musste sogar in drei Schichten unterrichtet werden. Heute ist nur noch das Erdgeschoss in Betrieb. Da es nur so wenige Kinder gibt, mussten so genannte kombinierte Klassen eingeführt werden.  Den Unterricht in so einer Klasse, in der Kinder unterschiedlichen Alters gemeinsam unterrichtet werden, beschreibt mir eine Lehrerin: „Die einen haben z.B. Kunst und malen oder zeichnen etwas. Mit den anderen lerne ich gleichzeitig Mathematik. Und es läuft ziemlich gut! Ich bin nicht mehr sicher, ob ich in einer normalen Klasse überhaupt noch unterrichten könnte.“

Die Probleme mit der Sprache werden mir so erklärt: „Wir nennen unsere Sprache Bosnisch. Das Ministerium der Republika Srpska will es aber Bosniakisch nennen. Das wollen wir nicht. Deshalb steht in den Schulbüchern nur ‚Sprache‘ bis das Problem gelöst wird.“

Die politische Logik, die dahinter steckt, ist folgende: Wenn man die Sprache Bosnisch nennt, dann entsteht der Eindruck, dass es die Sprache des gesamten Bosnien und Herzegowinas ist. Also von allen, auch Nichtbosniaken und Serben, gesprochen wird. Das aber will die Regierung in der Republika Srpska nicht. Ebenso wie sie die Einheit des Gesamtstaats Bosnien und Herzegowinas nicht will, will sie entsprechend auch nicht die Landessprache Bosnisch fördern. Jede Sprache soll nach der Nationalität bezeichnet werden, die sie spricht: also Kroaten Kroatisch, Serben Serbisch und Bosniaken Bosniakisch.

Hier sei nur nebenbei erwähnt, dass sich alle Nationalitäten sprachlich untereinander perfekt verstehen und manche Linguisten dies alles als eine Sprache, mit nur unterschiedlichen regionalen Ausprägungen, beschreiben. Aber das passt nicht mehr in das politische Bild des national zerstrittenen Bosniens beziehungsweise des gesamten ehemaligen Jugoslawiens.

„Wenn es politisch und wirtschaftlich so weitergeht, dann werden alle von hier wegziehen. Vor einem Jahr hatten wir noch 43 Kinder, jetzt nur noch 33″, erfahre ich in Cerska.

Die Sprachpolitik in Republika Srpska hat aber auch positive Seiten. Alle Kinder müssen beide Schriften lernen – sowohl die Lateinische als auch die Kyrillische. Die Molly-Bücher sind deshalb in beiden Schriften. Ich frage die Kinder, welche Schrift sie besser finden. Und dann bekomme ich eine Antwort, die mich ziemlich überrascht: Viele von ihnen finden Kyrillisch schöner und leichter. Doch Kyrillisch ist auch ein Politikum, gilt als die serbische Schrift. Ich frage mich, wie lange diese Kinder noch so unpolitisch und vorurteilslos bleiben können und werden.

In der Schule im Dorf Lipljani warten die Schüler am Fenster, als wir mit Molly ankommen. Sie haben sich für die Presse schick gemacht. Nach der Pause gehe ich mit ihnen in den Englischunterricht. Die Lehrerin legt eine CD ein und zeigt mir Bewegungsspiele, mit der sie jede Englischstunde anfangen. Die Kleinen stehen auf, beginnen zu singen und zu tanzen. Sie sind froh und glücklich. Ihre Lehrerin ist stolz auf sie. Kinderfreude und viel Optimismus schweben in der Luft, der auch mich erfasst. Nach der Show stellt sich die Lehrerin vor: Aleksandra Milovanovic heißt sie. Sie ist Serbin. Ich bin ein bisschen überrascht. Ich frage sie  nach den ethnischen Spannungen zwischen Bosniaken und Serben, von denen ich den ganzen Tag höre. „Ich spüre hier nichts. Ich arbeite mit tollen Kollegen und tollen Kindern. Mir macht es nichts aus, dass sie Bosniaken sind und ich Serbin. Ihnen auch nicht. Das hängt von den Menschen ab.“

Wieder einmal habe ich an einem Tag  zwei bosnische Realitäten erfahren: eine politische, die die Menschen trennt, und eine andere, wo Menschen Menschen sind.

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