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Der Uhrturm - Sahat kula - von Sarajevo gehört zu dem Komplex von der Gazi Husrefbegs Moschee in Sarajevo. Die Moschee gilt im Volk als die Hauptmoschee in Sarajevo. Foto: BR | Eldina Jasarevic

In Sarajevo schlagen die Stunden anders
Die letzte öffentliche Uhr „a la turca“ auf der Welt

Wir treffen uns am Uhrturm direkt nach dem Mittagsgebet. Mensur Zlatar ist pünktlich. Er grüßt kurz und öffnet ohne viele Worte die schwere, schwarze Eisentür im orientalischen Stil. Ein weiches Quietschen ertönt beim Öffnen, das wie ein Seufzer in meinen Ohren klingt. Die Tür ist niedrig, ich bin groß. Auch Mensur muss sich bücken. Und dann sehe ich sie: 76 alte, einfache und äußerst enge Treppenstufen führen in einer Spirale in die Höhe. Sie knarren, schwanken  und sehen alles andere als sicher aus. Mich befällt ein mulmiges Gefühl, dass mit jedem Schritt stärker wird.  Warum tue ich mir das nur an, schießt mir durch den Kopf – aber jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Mensur geht voraus. Ich folge ihm. Ich wage es nicht, hinter zu blicken. Meine Tasche ist zu groß für diese Treppe, der Rock behindert mich bei jedem Schritt – besonders gut vorbereitet bin ich offensichtlich nicht, auch mental nicht. Als wir das Uhrwerk erreichen, bin ich am Ende meiner Kräfte und meiner Nerven. Mir zittern die Beine.  Mensur dahingegen ist völlig gelassen. Seit 50 Jahren geht er diese Treppen hoch, um die letzte öffentliche  Uhr „ a la turca“  auf der Welt zu warten und aufzuziehen.  Sie befindet sich mitten in der „Carsija“, der Altstadt von Sarajevo.

Mensur Zlatar (70) arbeitet sonst als Goldschmied und kümmert sich seit 50 Jahren um die Uhr: er wartet sie regelmäßig, zieht sie auf und repariert sie bei Bedarf. Foto: BR | Eldina Jasarevic
Mensur Zlatar (70) arbeitet sonst als Goldschmied und kümmert sich seit 50 Jahren um die Uhr: er wartet sie regelmäßig, zieht sie auf und repariert sie bei Bedarf. Foto: BR | Eldina Jasarevic

Mensur ist eigentlich Goldschmied, darauf deutet schon sei Familienname Zlatar hin. Aber diese einzigartige Uhr zu betreuen, ist für ihn Leidenschaft und Tradition zugleich. Auch sein Vater hat das früher ab und zu gemacht. „Das ist für uns in Sarajevo schon eine große Ehre, aber man macht kein großes Aufhebens darum“, erklärt Mensur bescheiden. In diesen vielen Jahren hat er selbst das kleinste Detail dieses Uhrwerks kennengelernt, er spürt und fühlt es nahezu. Gleich nach unserer Ankunft lauscht er aufmerksam dem rhythmischen Klicken und Ticken des alten Uhrwerks. Eine feine Unregelmäßigkeit, die wohl nur er zu erkennen vermag, denn ich höre nichts,  lässt ihn die Uhr sofort ölen. Dann zieht er beherzt das alte Uhrwerk auf.

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Das Uhrwerk der Sahat kula

Mensur Zlatar kümmert sich schon seit Jahren um die Monduhr. Eldina Jasarevic durfte ihn bei seiner Arbeit filmen.

Eine Uhr „a la turca“ ist eigentlich eine Uhr wie jede andere. Sie zeigt aber eine andere Zeit an und zwar die Zeit nach dem Mondkalender. Bei Sonnenuntergang ist es Null Uhr, dann endet ein Tag und der neue fängt  an. Nach dem Mondkalander messen die Muslime die Zeit und richten danach ihre täglichen Gebete.

„Heute tragen viele eine moderne Monduhr, oder haben sie als App auf dem Handy, aber früher war es anders“, erklärt er. „Diese Turmuhr hier bestimmte damals unser Leben. Im Fastenmonat Ramadan zum Beispiel läutete die Uhr bei Sonnenuntergang und gleich danach gingen die Lichter am Minarett der Hauptmoschee an. Der folgten die anderen Moscheen in der Stadt.  Die Lichter an den Minaretten markierten während des Ramadans die Zeit des Fastenbrechens. Die Muwekits ( so hießen früher diese Uhrmeister ) mussten damals selber die Zeit messen können, um dann das Uhrwerk richtig einzustellen – dafür brauchten sie gute Kenntnisse in Mathematik und Astrologie. Ich brauche das nicht mehr. Ich leite dir richtige Zeit für die Monduhr einfach vom meiner normalen Armbanduhr ab.“

Mensur ist jetzt schon 70 Jahre alt und er weiß nicht, wer die Tradition nach ihm fortsetzen wird. „Es muss jemand sein, der in der Nähe des Uhrturms lebt, um schnell reagieren zu können.  Wenn etwas an der Uhr kaputt geht, muss das gleich repariert werden. Für mich ist das kein Problem, denn mein Geschäft ist unmittelbar neben dem Uhrturm“, sagt er. „Normalerweise ist das alles nicht so stressig. Wenn die Länge des Tages sich regelmäßig nur um eine Minute verändert, dann richte ich die Uhr so ein, dass ich nur einmal in der Woche hochgehen muss, um sie einzustellen. Wenn sich aber die Tageslänge an mehreren Tagen hintereinander unregelmäßig verändert – mal eine Minute, mal zwei , dann wieder eine– muss ich die Uhr öfter kontrollieren. „

Von der „Sahat kula“ (so nennen wir unseren Uhrturm in der Stadt) aus eröffnet sich ein herrlicher Blick auf die Altstadt, aber ich kann ihn nicht richtig genießen. Die ganze Zeit muss ich nur daran denken, wie ich hier bloß wieder runterkomme. Mensur muss in drei Tagen wieder zum Uhrwerk hochgehen – ich zum Glück nicht.

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