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2. Januar 2016

„Ungarische Küche ist mehr als Dreifaltigkeit von Paprika, Zwiebel und Fett“

Ungarns berühmteste Gastrobloggerin über Essen und Leidenschaft

Diplomaten waren zur Vorstellung ihres neuen englisch-sprachigen Buches gekommen. Und natürlich die Presse. Ein bisschen sah sie selbst aus wie eine Diplomatin, die sie auch einmal war. Im schwarzen Kleid wirbelte Zsofia Mautner umher, in Sachen Kulinarik eine ungarische Gesellschaftsgröße. Und sie hat eine Botschaft: „Essen bringt Menschen zusammen“, meint die Gastrobloggerin und Kochbuchautorin.

Zsofia Mautner liebt es in der Küche tätig zu sein, und diese Leidenschaft teilt sie gern mit anderen. In ihrem Kochstudio führt sie ihre Jünger in die Kochkunst ein. In einem privaten Fernsehsender kocht sie vor der Kamera. Und sie betreibt weiter ihren Blog.

Vor 10 Jahren machte sie das Kochen zum Hobby. „Damals war ich noch Diplomatin in Brüssel“ erinnert sich die 43-Jährige, „Attaché für Kultur und Bildung“. Sie startete einen Blog, veröffentlichte Rezepte und Texte über das Essen an sich. „Das habe ich in meiner Freizeit gemacht“, erzählt sie. Doch ihr Blog „Chili & Vanilia“ war so erfolgreich, dass sie nach fünf Jahren ihren Diplomatenjob an den Nagel hängte. Aus der Ungarin im diplomatischen Dienst wurde eine „Gastro-Botschafterin“ für die ungarische Küche.

„Ungarische Küche ist viel mehr als die Dreifaltigkeit von Paprika, Zwiebeln und Fett“, stellt die Ungarin fest. „Natürlich essen wir in Ungarn gerne Gulasch“, meint sie, „aber es gibt noch viel mehr zu entdecken“. Während des Sozialismus sei die an sich reiche, vielfältige ungarische Küche der Mangelwirtschaft angepasst, vereinfacht worden. „Seitdem gelten Paprika, Zwiebel und Fett als ungarisch“, sagt sie, eine falsche Dreifaltigkeit. Die Ungarn müssten wieder die alten Kochbücher entdecken, fordert sie. Da finde man jüdische Küche, türkische und französische Einflüsse, oder Roma-Rezepte. Die transsilvanische Küche sei „sehr aufregend“, verrät die Gastrobloggerin, die der Operndiva Anna Netrebko ähnlich sieht.

In diesem kulturellen Schmelztiegel hat sie jetzt für ein englische-sprachiges Kochbuch gerührt und typisch ungarische Rezepte veröffentlicht. Man findet darin Rezepte für  jüdische Süßigkeiten (Flodni) oder den typischen Gemüseeintopf (Fözelek) – alles ein bisschen überarbeitet. Aber natürlich auch Geheimtipps für das beste Gulasch. Und No-Gos: „Im Internet findet man manche Rezepte, in denen Tomatenmark oder Butter für das Gulasch empfohlen wird“, empört sich die Gastro-Botschafterin. „Das ist Quatsch“.

Zsofia Mautner hat sich viel vorgenommen: Sie will das Niveau der Gastronomie in Ungarn heben. Seit etwa 8 Jahren habe eine kulinarische Revolution eingesetzt. In Budapest könne man mittlerweile schon anständig essen. „Hier gibt es viele Restaurants, sogar vier mit Michelin-Stern. Jetzt kommt die Provinz dran“, kündigt sie an.

Immerhin, sagt Zsofia Mautner, gebe es in jeder Region schon Flaggschiffe – Restaurants, die gastronomische Entwicklungshilfe betrieben. Die nötigen Lebensmittel dafür gebe es vor Ort. „Wir haben gute Produkte hier“, sagt sie, „allerdings geht das meiste sofort in den Export.“ Der Trend gehe aber dahin, dass immer mehr ungarische Küchenchefs heimische Produkte kauften. Ihre Vision: Gut Essen, nicht nur in den Großstädten, sondern auch in kleineren Ortschaften Ungarns.

Mitarbeit: Attila Poth

Kommentare (1)

Brigitte Manitz am

Zsofi Mautner ist eine kreative und inspirierende Koechin sowie ein wunderbarer und geistreicher Mensch. Sie ist das schoenste Gesicht einer alternativen wie notwendigen Veränderung von Ungarns Gastronomie und Gesellschaft.
Ungarns Weg in eine erfolgreiche Zukunft geht nur ueber solche Menschen, die Kritik in leise Toene und schmackhafte Haeppchen Verpackt wohlschmeckend und doch wirkungsvoll darbieten.
Zsofi Mautner macht Mut fuer Ungarn!

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