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29. Dezember 2015

Balkanroute: Flucht mit Koffer

Jahresrückblick von Till Rüger

Das prägendste Erlebnis des Jahres war für mich, der Fußmarsch mit tausenden erschöpften Flüchtlingen über die Felder von Kroatien nach Slowenien. Bilder die an eine Völkerwanderung erinnern. Auch wenn ich die Flüchtlinge nur  für ein paar Stunden begleiten konnte,  wurde mir dabei doch intensiv bewusst, wie sehr die Menschen durch die wochen- und monatelange  Flucht gezeichnet sind: Ein Vater zerrt mit der einen Hand einen vollgepackten schwarzen Rollkoffer über die aufgeweichten Felder, sein drei bis vierjährigen Sohn hängt an der anderen. Er will den Koffer in keinem Fall loslassen. Als der dann im Schlamm stecken bleibt, hebt er das Gepäckstück mit letzter Kraft auf die Schultern. Sein kleiner Sohn  löste sich dabei aus der Umklammerung der Hand und spielte völlig unbeeindruckt zwischen den anderen Flüchtlingen verstecken. Als sich die beiden aus den Augen verlieren, beginnen sie laut ihre Namen zu schreien. Andere Flüchtlinge springen herbei und sammeln den Kleinen ein. Vater und Sohn werden wieder vereint, bis zur nächsten Weggabelung, wo dasselbe Drama dann erneut beginnt. Für mich ein lebendiges Gleichnis: der Koffer steht für Vergangenes, das Kind für die Zukunft.

Viele solcher kleinen Erlebnisse haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt: Eine Mutter, die ihr neugeborenes Kind rennend auf dem Weg zum Zug zwischen Tausenden auf dem Wiener Westbahnhof stillt; ein Fünfjähriger der völlig in sich gekehrt zwischen Stacheldrahtrollen neben den wartenden und drängenden Menschen an der mazedonischen Grenze spielt. All diese Erinnerungen werden mich den Rest meines Lebens begleiten, denn 2015 war für mich das Jahr der Flüchtlinge auf der Balkanroute.

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