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28. Dezember 2015

Die Nacht, als die Busse kamen

Jahresrückblick von Ralf Borchard

Es gibt Nächte im Leben, die man nicht vergisst. Die Nacht, als die Busse kamen, gehört für mich dazu. Gerade in Budapest angekommen, stand ich am 4. September vor dem Ostbahnhof zwischen zweitausend Flüchtlingen. Sie campierten im U-Bahn-Untergeschoss auf Matten, Decken – erschöpft, verzweifelt bis hoffnungsfroh, notdürftig versorgt von privaten Helfern. Im Hotel in der Nähe hatte ich mein mobiles Studio aufgebaut, mit dem Mikrophon in der Hand sprach ich jetzt vor allem mit jungen Männern aus Syrien, die versuchten, die Flüchtlingsgruppen zu organisieren. Hunderte waren tagsüber zu Fuß losmarschiert vom Ostbahnhof in Richtung österreichische Grenze. Sie liefen an diesem Freitagabend in der Dunkelheit auf der rechten Spur der Autobahn, begleitet von Fernsehkameras und ungarischer Polizei.

Plötzlich bekommt mein ungarischer Mitarbeiter Attila Poth einen Anruf von Viktor Orbans Pressesprecher. Um 21 Uhr werde es eine Pressekonferenz geben. Gegen zehn macht die Nachricht die Runde, die alles verändert. Die ungarische Regierung werde Busse schicken, hat Orbans Stabschef Janos Lazar angekündigt, 100 Busse, zum Ostbahnhof und an die Autobahn, um alle Flüchtlinge noch in der Nacht an die Grenze zu bringen. Die meisten Flüchtlinge bleiben skeptisch. Ist das wieder ein Trick, um alle in ein Aufnahmelager zu fahren, wie tags zuvor, als ein Zug, der angeblich nach Österreich fahren sollte, kurz hinter Budapest, in Bicske, gestoppt worden war, wo hunderte Flüchtlinge einen Hungerstreik begonnen hatten?

Die Flüchtlinge an der Autobahn entscheiden, dass einige in den ersten Bus einsteigen, unter der Bedingung, dass auch Helfer und Journalisten mitfahren dürfen. Dann, gegen Mitternacht treffen auch am Ostbahnhof die ersten Busse ein, Nahverkehrsbusse, in einer langen, gespenstischen Reihe stehen sie im Regen. Sollen sie einsteigen? Die Flüchtlinge zögern weiter.

Kurz nach Mitternacht verkünden die österreichische und die deutsche Regierung, die Grenzen für Flüchtlinge aus Ungarn zu öffnen. Gegen drei Uhr dann per Handy die Nachricht, die erste Flüchtlingsgruppe sei sicher zu Fuß über die Grenze nach Nickelsdorf in Österreich gekommen. Jetzt füllen sich immer mehr Busse hier am Ostbahnhof, Helfer wecken die schlafenden Familien im Untergeschoss, die die Nachricht kaum fassen können: wir dürfen weiter Richtung Deutschland.

Um sechs Uhr früh, nach kurzem Schlaf, stehe ich wieder auf dem Platz vor dem Ostbahnhof. Er ist fast leer. Nur Ali, 22, aus Syrien, und zwei Freunde stehen hier im Regen. Warum er nicht mitgefahren ist? „Ich habe weiter Angst“, sagt Ali, „Angst vor der Polizei, seit vier Wochen bin ich unterwegs, in der Türkei haben sie mich im Lager verprügelt, 2.500 Euro hab ich an Schlepper bezahlt, komme ich jetzt wirklich weiter Richtung Österreich und Deutschland?“ Wenig später steigen Ali und seine zwei Freunde dann doch in den nächsten Bus.

Ralf Borchard vor dem Registrierungszentrum für Flüchtlinge in Presevo in Südserbien. Foto: BR | Schaban Bajrami
Ralf Borchard vor dem Registrierungszentrum für Flüchtlinge in Presevo in Südserbien. Foto: BR | Schaban Bajrami

Einen Monat später, vor dem Registrierungszentrum für Flüchtlinge in Presevo in Südserbien. Wahir, 25, aus Syrien, wartet hier seit Stunden im strömenden Regen im Gedränge vor den Absperrgittern der Polizei. Zu Fuß sind er und seine Familie vom mazedonischen Grenzbahnhof Tabanovce über einen schlammigen Feldweg nach Serbien gelaufen. 8.000 Menschen kommen an diesem Tag in Presevo an. Versteht er die wachsende Skepsis in Deutschland, die Angst, dass einfach zu viele Flüchtlinge kommen? „Ich bin Arzt, ich will nach Leipzig, weil dort schon Freunde sind, will sechs Monate Deutsch lernen, drei Monate Fortbildung in einer Klinik machen und dann als Arzt arbeiten“, sagt Wahir. „Sehen Sie, ich respektiere die deutsche Regierung, die Menschen in Deutschland sehr, für das, was sie tun. Aber ich werde dem deutschen Staat nicht lange Geld kosten, ich will möglichst bald wie alle Steuern zahlen, gerne auch das Geld zurückzahlen, das ich vorher gekostet habe.“

Ungeduldig zieht seine dreijährige Tochter an Wahirs gelbem Regenumhang, den serbische Helfer verteilt haben. Dann, endlich, schieben Polizisten die Absperrgitter beiseite – und die Hoffnung auf ein Leben in Deutschland ist wieder ein paar Meter näher gerückt.

Es sind Begegnungen wie diese, die bleiben am Jahresende. Die Einsicht, dass jeder einzelne Flüchtling seine persönliche Geschichte hat. Und die große Frage, wie es weitergeht in diesem Flüchtlingsdrama im nächsten Jahr.

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