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27. Dezember 2015

Senden, Senden, Senden

Jahresrückblick von Stephan Ozsváth

Das Jahr 2015 begann mit einem Terroranschlag: In Paris zwar, aber noch vor Ort, nach der Solidaritäts-Demonstration der Regierungschefs,  gab der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban das Thema des Jahres vor: Flüchtlinge.
Orban setzte seine Marke: Er wolle „Ungarn den Ungarn“ erhalten, sagte er einem Reporter ins Mikrophon. Orban ließ einen Zaun gegen Flüchtlinge errichten, die zu Tausenden nach Europa strömten und strömen. Den ganzen Sommer über verkaufte sich der Ungar als Retter der EU-Außengrenzen, dabei ging es ihm doch nur um eins: Ungarn frei von Flüchtlingen zu machen. Das ist ihm gelungen. Gerade wurde das größte Flüchtlingslager in Debrecen geschlossen.

Orban hat durch seinen Zaun die Flüchtlingsrouten umgelenkt, im Süden des Landes machte er den Sack zu, im Norden ließ er die Flüchtlinge ungehindert weiter reisen: Nach Österreich. Mittlerweile lässt er Häftlinge den Nato-Draht produzieren – er exportiert sein Zaun-Modell –  und verdient daran. Clever.

Stephan Ozsvath Gevgelija. Foto: BR
Stephan Ozsvath Gevgelija. Foto: BR

Es war ein anstrengendes Jahr. Auch für uns Korrespondenten. Flüchtlinge, Flüchtlinge, Flüchtlinge. Manche Arbeitstage am ungarischen Zaun begannen morgens um fünf und endeten nicht vor Mitternacht. Dazwischen: Senden, Senden, Senden.
An der serbisch-ungarischen Grenze, am Budapester Ostbahnhof, im mazedonischen Gevgelija, in Nickelsdorf, am Wiener Westbahnhof, im slowenischen Dobova…. Gesendet habe ich von überall: Aus dem Auto an der Autobahn-Raststätte, aus dem Bahnhofsrestaurant, aus einem Café, aus Hotels….

Das Jahr 2015 hat für mich einen Geruch: Saurer Schweiß. Er hing in allen Auffanglagern, lag wie Nebelschwaden über dem Bahnhof von Gevgelija, oder im Zug von Budapest nach Wien. Er erzählt viel über die Flucht: Menschen, die bis zu 50 Kilometer am Tag zu Fuß laufen. In dem, was sie am Leib haben.
Unvergessen der Moment in Gevgelija, als eine junge Syrerin ihre kleine Tochter verlor: Sie war in Griechenland geblieben. Das ist mir nahe gegangen – ich habe selbst drei Töchter, ich verstehe, wie verzweifelt so eine Mutter sein muss.

Unvergessen auch der Moment auf einem Maisfeld bei Röszke: Interview mit einem syrischen Familienvater auf den Gleisen. Eine seiner vier Töchter bietet mir Kekse an: Eine Geste der Gastfreundschaft mitten im Niemandsland.
In Slowenien wollten die Flüchtlinge schon gar nicht mehr mit mir reden: Total apathisch und erschöpft bestiegen sie die Busse, die sie an die österreichische Grenze bringen sollten. Nur weiter. Immer weiter.
Hunderttausende sind seit dem Sommer durch Mazedonien, Serbien, Ungarn, Kroatien, Slowenien, Österreich gekommen – all diese Länder gehören zu unserem Berichtsgebiet. Die Nachfrage nach Reportagen, nach Erklärungen, blieb über viele Wochen sehr hoch. Schaffen wir das? Wir haben es geschafft. Auch dank der Verstärkung im Studio. Wertvoll in diesen Wochen: Ein aufmunterndes Wort, ein Lob aus der Redaktion. Auch das lädt die Akkus wieder auf.

Und was war noch? Im Frühjahr war ich Sonja Karadzic begegnet, der Tochter des bosnischen Kriegsverbrechers, dem in Den Haag der Prozess gemacht wird. Akribische Interview-Vorbereitung, mein erster Fernseh-Dreh mit Team, kein einfacher Dreh – auch nicht für unsere bosnische Kollegin Eldina, die während der Belagerung Sarajevos in der Stadt ausgeharrt hatte. Sonja Karadzic behauptete, ihre Familie hätte „soviel Gutes getan“ und die Massaker von Srebrenica seien eine Inszenierung der Amerikaner gewesen. Schwer auszuhalten.
Wunderbar dagegen die Begegnung mit Jovan Mirilo und seiner Frau Dragana. Sie leben heute in Österreich, weil sie in Serbien bedroht wurden: Jovan hatte ein Erschießungsvideo aus Bosnien an die Öffentlichkeit gebracht: Ein wichtiges Beweismittel. Jovan – ein Held. Für manche Serben: ein Verräter.
Dreharbeiten? Im Radio? Richtig gelesen. Das Projekt selbst war auch etwas Besonderes: Erstmals haben wir Radio-Korrespondenten Fernsehen gemacht, die Fernsehkollegen Radio  und wir alle zusammen ein Web-Special zu den „Schatten von Srebrenica“. Wir wurden zu „trimedialen Korrespondenten“. Mein persönliches Highlight in diesem Jahr.

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