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26. Dezember 2015

Grenzen

Jahresrückblick von Karla Engelhard

2015 war für mich ein Jahr der Grenzen: Ländergrenzen wurden von Flüchtlingen überrannt, Regierungen begannen wieder Grenzzäune zu ziehen und über die Krise der Flüchtlingspolitik zu berichten, brachte mich an meine persönliche Grenze.

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazu gehört.“ (Hanns Joachim Friedrichs).

Karla Engelhard im Flüchtlingslager Traiskirchen bei Wien. Foto: BR | Jan Heier
Karla Engelhard im Flüchtlingslager Traiskirchen bei Wien. Foto: BR | Jan Heier

Noch nie war es für mich so schwer, dieser Maxime treu zu bleiben, wie in diesem Jahr. Für mich begann das Flüchtlingsdrama Ende August, als ein Kühl-LKW auf dem Standstreifen der Autobahn bei Wien gefunden wurde. Im luftdichten Laderaum sind 71 Menschen erstickt: 59 Männer, 8 Frauen und 4 Kinder. Opfer von Schleppern. Zeitgleich fand die Abschlusspressekonferenz der Westbalkanländer in Wien statt. Hauptthema: Flüchtlinge. Die toten Flüchtlinge lösten echte Betroffenheit bei Staatschefs und Bundeskanzlerin aus – vor laufenden Kameras. Kurz darauf sagte Angela Merkel in Deutschland: „Wir schaffen das!“. Wir berichteten da schon seit Wochen über das „das“, über die Flüchtlinge, die sich zu Hunderttausenden auf den Weg gemacht hatten. Nach der Fahrt über das gefährliche Mittelmeer zogen sie nun auf der, nicht weniger gefährlichen, Balkanroute: Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien, Österreich – Ziel: Deutschland. Bulgarien und Ungarn hatten schon früh die Grenzen dichtgemacht. Die Zivilgesellschaften in den Ländern auf der Balkanroute leisteten Großartiges, die Regierungen dagegen agierten völlig überfordert. Dabeisein, ohne dazu zu gehören? Für mich ein Spagat. Ich wünschte mir oft die politischen Entscheidungsträger mitten in die ziehenden Flüchtlingsgruppen, unangekündigt und ohne Bodyguard, damit sie die Verzweiflung der Menschen spüren, damit sie begreifen, dass es für diese Verzweifelten kein Zurück gibt.

Die 71 toten Flüchtlinge von der Wiener Autobahn sind mittlerweile identifiziert. Bei den Toten handelt es sich um 29 Iraker, 21 Afghanen, 15 Syrer, fünf Iraner und einen Mann ohne genaue Herkunft. Unter den Toten waren drei Familien, darunter auch eine sechsköpfige Familie aus Afghanistan. Die meisten Leichname wurden in ihre Herkunftsländer überführt und 15 Personen wurden auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet. Die mutmaßlichen Schlepper, die deren qualvollen Tod in Kauf nahmen, werden in Ungarn vor Gericht gestellt.

Darüber berichten wir 2016.

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