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14. Dezember 2015

Ungarn: Strafgefangene produzieren Grenzzäune

https://soundcloud.com/ard_studio_wien/nato-draht-made-in-hungary-kommt-direkt-aus-dem-gefangnis-autorin-karla-engelhard/s-Jwve8

Der Lärm ist unerträglich, ohne Ohrenschützer wird man hier taub. Lärmquelle sind zwei Pressmaschinen, die im Takt dröhnen. Aus Metallplatten pressen sie den sogenannten NATO-Draht. Aus solchem Material ist der Zaun, mit dem Ungarn seine Grenzen vor Flüchtlingen schützt, die hier nicht erwünscht sind. 1100 Kilometer von dem messerscharfen Draht hat Ungarn selbst verbraucht. Seit September stellt Ungarn ihn selbst her: In einer Werkstatt,  in der  Strafgefangene arbeiten. Die Werkstatt befindet sich in Nordungarn, in Márianosztra, das Dorf ist etwa 80 Kilometer von Budapest entfernt.

Die Landschaft ist pittoresk: grüne Hügel und  Wald umschließen das 900-Seelen- Dorf. Márianosztra liegt in einem Naturschutzgebiet nahe der slowakischen Grenze. Das Gefängnis ist eines der ältesten in Ungarn: seit 1858 sind hier Verbrecher untergebracht. Zunächst war Márianosztra ein Frauengefängnis. Nach dem zweiten Weltkrieg waren hier vor allem politische Gefangene eingekerkert, unter anderen auch Ungarns erster demokratisch gewählter Staatspräsident, Àrpád Göncz. Ursprünglich gehörten die Gefängnismauern zu einem Kloster, der ungarische König Ludwig der Erste hatte es 1352 gegründet. Pauliner waren die Herren des Klosters – bis 1786. Dann löste Joseph der Zweite den Orden auf.

„Im Gefängnis verbüßen etwa 700 Menschen ihre Strafe “ – erzählt András Csóti, Chef der Justizvollzugsanstalt, während wir die Werkstatt besichtigen. Im Raum ist es etwas stiller geworden: die Arbeiter haben eine Zigarettenpause bekommen. Es gibt Mörder hier, die ihre lebenslange Freiheitsstrafe hier verbüßen, aber auch Einbrecher.

Die Maschinen stehen  still, der Lärm hat aufgehört. „In der Werkstatt arbeiten insgesamt 30 Gefangene, in zwei Schichten“- erklärt Gefängnischef Csóti.  Hier wird aber nicht nur Nato-Draht produziert, sondern auch Holz verarbeitet. „Wir denken, dass hier alle arbeiten sollen“, sagt Csóti. „Damit sollen sie sich selbst versorgen, und mit dem, was übrig bleibt, können sie ihre Familien unterstützen.“

Viel kann das nicht sein, denn viel verdienen die Gefangenen nicht, pro Monat nur etwa 100 Euro. Das meiste vom Lohn geht für die Verpflegung drauf – etwa die Hälfte. Und auch vom Rest des Lohns müssen sie etwas auf die Seite legen: wenn sie entlassen werden, sollen sie etwas Geld für den Neustart in der Freiheit haben.

Mitte September hat Ungarn die grüne Grenze in Richtung Serbien mit einem Zaun dicht gemacht, einige Wochen später auch den Grenzabschnitt in Richtung Kroatien.  „Insgesamt haben wir 72.000 Zaunpfähle, 247 Kilometer Drahtgeflecht und 1100 Kilometer NATO-Draht an den Grenzen verbaut“, sagt György Bakondi, Berater des Ministerpräsidenten Orbán in Sicherheitsfragen. Ursprünglich hatte Ungarn den Nato-Draht importiert, dann wurde der Draht knapp. Und so entschlossen sich die Behörden, das Zaunmaterial selbst zu produzieren. Das Gefängnis kaufte zwei Maschinen und bildete 30 Männer daran aus. Die stellen jetzt den Nato-Draht her. „Täglich produzieren hier die Gefangenen einen bis anderthalb Kilometer Draht“, sagt András Csóti.

Ein Erfolgsmodell. Denn auch andere Länder bauen in der Flüchtlingskrise Zäune. „Wir ahnten nicht, dass wir den Zaun auch exportieren können“ , schmunzelt György Bakondi. „An Slowenien haben wir jetzt 24.000 Rollen NATO-Draht, 16.000 Pfosten und  48.000 Fixiernägel geliefert. An Mazedonien gingen 10.000 Rollen, etwa 100 Kilometer NATO-Draht , dazu noch Ramme, Fingerabdruck-Leser und Rechner. Wenn es nötig ist, sind wir bereit auch anderen europäischen Ländern zu helfen“, sagt Bakondi. „Falls Österreich Draht braucht, können wir gerne exportieren.“

Die Grenzen in Ungarn sind längst dicht. Hierhin kommen ohnehin keine Flüchtlinge mehr. Denn die Regierung Orbán bestraft illegale Grenzübertritte hart. Gut 1000 Flüchtlinge wurden seit Grenzschließung bisher schon verurteilt. Sie werden sofort abgeschoben. Asylverfahren sind so gut wie aussichtslos – weshalb es jetzt auch ein EU-Vertragsverletzungsverfahren gegen Ungarn geben wird. Aber warum produzieren die Gefangenen weiter Draht? Ganz einfach: Für den Fall, dass sich die Flüchtlingsrouten in Richtung Rumänien verlagern.  „Wir müssen bereit sein, die Grenze in Richtung Rumänien zu sperren, und die ungarische Bevölkerung  und die Schengen-Außengrenze zu verteidigen“, sagt Viktor Orbáns Sicherheitsberater.

Mitarbeit: Attila Poth

https://youtu.be/9iBmI8Tph-c

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