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15. November 2015

„Wir müssen den Frieden jetzt nützen“

Das sagt Camil Durakovic, der Bürgermeister von Srebrenica,  im Interview mit der ARD. Der 36-Jährige trägt fast immer die weiße Blume von Srebrenica am Revers. Sie soll ihn an die mehr als 8300 muslimischen Männer erinnern, die die Truppen des bosnisch-serbischen Generals Mladic vor zwanzig Jahren in Srebrenica  umgebracht haben. Camil Durakovic ist damals die Flucht durch die Wälder gelungen. Heute lebt er mit Frau und zwei Kindern wieder in Srebrenica.

Der serbische Premierminister Aleksandar  Vucic  war lange Zeit Anhänger General Mladics und hat ihn öffentlich unterstützt. Heute bereut Vucic  seine nationalistische Vergangenheit und die antimuslimische Hetze. Jetzt ist er der balkanische Friedensstifter. Der Muslim Camil unterstützt ihn dabei. Sie arbeiten beide seit etwa einem halben Jahr intensiv an der Versöhnung  zwischen den zwei größten Völkern in Bosnien: Den bosnischen Muslimen und den bosnischen Serben, indem sie versuchen ein politisches Klima zu schaffen,  in dem das friedliche Zusammenleben den Vorrang vor nationalistischen Spannungen hat.

„ Wir haben gelernt, dass es nur zwei Wege gibt: den  Krieg oder das  Zusammenleben. Es gibt keinen mittleren.  Die letzten zwanzig Jahre herrschte hier im Lande ein politischer Status Quo,  der  allen geschadet hat.  Jetzt wollen wir etwas unternehmen und für eine bessere Zukunft aller kämpfen. Das Daytoner Friedensabkommen vor 20 Jahren hat den Krieg gestoppt und den Frieden gebracht. Wir müssen diesen Frieden jetzt nützen“, sagte Durakovic nach der Konferenz über Infrastrukturprojekte in Srebrenica. Sein neuer „serbischer Freund“ Aleksandar Vucic hat auf der Konferenz  5 Millionen Euro Soforthilfe für Srebrenica versprochen. Mit diesem Geld sollen neue Arbeitsplätze geschaffen, neue Straßen gebaut und Schulen repariert werden, für alle: Serben und Bosniaken.

„Serbien blickt in die Zukunft. Wir Serben wollen an der gemeinsamen Zukunft mit den Bosniaken arbeiten, damit es uns allen besser geht. Wir werden aber immer die Untaten verurteilen, die in der Vergangenheit passiert sind“, sagte Vucic am Rednerpult. Und das ist kein leeres Gerede. Noch vor Beginn der Konferenz  hat Vucic die Gedenkstätte in Potocari besucht und sich vor den „unschuldigen Opfern von Srebrenica“ verneigt. Das war sein zweiter Versuch. Beim ersten, am Gedenktag dem 11.Juli dieses Jahres, ist ihm das versagt worden, denn er wurde von den wütenden bosnischen Muslimen angegriffen und  vom Friedhof vertrieben.  Vucic und Camil  sind jetzt die neuen Hoffnungsträger, die Bosnien, zwanzig Jahre nach dem Kriegsende dringen braucht. Auch wenn sie nicht perfekt sind.

Eldina Jasarevic

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