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25. Oktober 2015

„Schmetterlingskind“ auf der Flucht

Über eine Hilfsaktion für einen schwerkranken Flüchtlingsjungen

von Hilde Stadler

Zwischen Live-Schalten und Dreharbeiten am Aufnahmelager Opatovac (Kroatien) sprach mich am 23.9.2015 Hossein Kowsari an. Er sei aus dem Iran geflohen wegen seines schwerkranken Sohnes Saman, erzählt er. Die „Ärzte ohne Grenzen“ am Aufnahmelager Opatovac veranlassten sofort, dass der 8-jährige Saman ins Krankenhaus eingewiesen wurde, zusammen mit der Mutter. Hossein musste mit seiner 11-jährigen Tochter Solmaz am Aufnahmelager zurückbleiben.

Samans Krankheit ist unheilbar, doch mit der richtigen Behandlung und Pflege hätte er eine Chance seine Talente zu entfalten. Foto: BR | Gordan Godec
Samans Krankheit ist unheilbar, doch mit der richtigen Behandlung und Pflege hätte er eine Chance seine Talente zu entfalten. Foto: BR | Gordan Godec

Und er zeigt mir Fotos von Saman, die mich und unser ganzes Team erschüttern. Der Körper des 8-Jährigen ist übersät mit offenen Wunden, als ob er schwerste Brandverletzungen erlitten hat. Doch Hossein Kowsari erklärt mir, dass es sich um eine Erbkrankheit handle, die unheilbar, aber nicht ansteckend sei: Epidermolysis Bullosa. Die kleinen Patienten werden „Schmetterlingskinder“ genannt, weil ihre Haut so empfindlich wie Schmetterlingsflügel ist. Hossein Kowsari bittet mich um Hilfe für seinen kleinen Sohn.

Seit zwei Wochen berichtete ich über die Flüchtlingskrise, zuerst aus Röszke in Ungarn, danach aus Kroatien, aus dem Grenzort Tovarnik und dann vor dem Aufnahmelager Opatovac, wo ständig Busse vorfuhren mit Flüchtlingen, die über die nahe serbische Grenze nach Kroatien gelangt waren. In langen Schlangen warteten sie auf Einlass in das Aufnahmelager, wurden versorgt von Helfern des Roten Kreuzes, des UNHCR, der Ärzte ohne Grenzen und von vielen Freiwilligen aus ganz Europa.

Es ist eine kräftezehrende Berichterstattung, die nicht spurlos an mir vorbei geht. Als Journalistin muss ich meinen Job machen: recherchieren, die aktuelle Lage erläutern, Entwicklungen, Eskalationen einschätzen, Zahlen nennen und politische Hintergründe. Ich muss funktionieren, so wie meine Kollegen. Durch unsere Berichte erfahren die Zuschauer (auch Politiker!) in Deutschland und anderswo, was für eine humanitäre Krise sich entlang der Balkanroute ereignet. Eine Berichterstattung, die etwas verändern kann – ich hoffe zum Besseren!

Gleichzeitig sind wir alle auch Menschen mit Empathie, sehen und erfahren aus nächster Nähe die Not und das Leid so vieler Flüchtlinge. Doch anders als Mitarbeiter von Behörden und Hilfsorganisationen sind wir „nur“ Beobachter. Nicht selten eine Gratwanderung!

Hossein Kowsari bemühte sich auch in Kroatien, wie zuvor in seiner Heimat Iran, um eine legale Ausreise nach Deutschland, um sein krankes Kind zu retten. Doch erneut vergeblich. Er entschließt sich, die Flucht über die Balkanroute fortzusetzen. Neue Strapazen für den kranken Saman. Ein paar Tage später gibt es ein Lebenszeichen der Familie aus Österreich.

Und in einer konzertierten Aktion zwischen Ärzten, Sanitätern, verständnisvollen Mitarbeitern diverser Behörden, die namentlich nicht genannt werden wollen, und meinen ARD-Kollegen gelang es schließlich, Saman und seine Familie nach München zu bringen.

Die fünfwöchige Flucht der Familie Kowsari vom Iran durch sieben Länder nach Deutschland hat in München ein kleines Happyend gefunden. Saman wird im Haunerschen Kinderspital behandelt. Es geht ihm besser. Und wir alle sind glücklich, dass wir ihm helfen konnten.

http://youtu.be/gIbFKfrZ4js?hd=1

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