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18. Oktober 2015

Ein Weltunikat – Das Museum der zerbrochenen Beziehungen in Zagreb

Als Kroatien im Jahr 1991 aus dem Bund der Republiken Jugoslawiens austrat und die sozialistische Gesellschaftsordnung mit der parlamentarischen Demokratie und der freien Marktwirtschaft ersetzt wurde, war unter anderem ein wichtiger Grund dafür, der Wunsch nach mehr Privatinitiative. Bald merkte man allerdings, dass auch diese „so verherrlichte“ freie Initiative einiges zu wünschen übrig ließ. Alles, was nicht schnell zu viel Geld gemacht werden konnte verfiel langsam, oder wurde einfach zweckentfremdet. So wurden viele Kinos zu Supermärkten und große Buchverlage zu Lagern gemacht, Theater und Konzertsäle mutierten zu Veranstaltungsorten für Parteitage der neuen politischen Eliten und Museumsräume wurden an Oligarchen und Botschaften vermietet, die dort Empfänge veranstalteten und wilde Partys feierten.

Foto: BR | Stjepan Milcic
Foto: BR | Stjepan Milcic

Mit der Zeit merkten jedoch Menschen, die Sinn für Kultur und Marketing hatten, dass nicht nur Kneipen und Supermärkte mit billiger und qualitätsschwacher Importware Geld bringen, sondern dass man auch mit Investitionen in die Kultur gut leben kann, und zudem das macht, was einen erfüllt. So gibt es heute in Kroatien private Kinos, Theater, kleine und große Buchläden, die den Kroaten nicht nur hochwertige Kultur bieten, sondern auch Arbeitsplätze schaffen und mit Gewinn arbeiten. Es gibt auch private Museen, die nur mit geringer Unterstützung des Staates bzw. der Gemeinden existieren können.

Zu den Pionieren der privaten Museumslandschaft in Kroatien gehören Olinka Vistica und Drazen Grubisic, die aus einem persönlichen Alltagserlebnis bzw. -trauma eine weltweit einzigartige, originelle Idee entwickelt und schließlich realisiert haben. Als ihre Beziehung auseinanderfiel standen sie vor einem Problem. Was sollten sie mit den vielen gemeinsamen Gegenständen, die sie in den Jahren des Zusammenlebens bekommen oder sich gegenseitig geschenkt hatten, machen? Einfach auf den Müll werfen oder verbrennen wollten sie die Sachen nicht. Und in ihren neuen kleinen Wohnungen war nicht genügend Platz dafür. Dabei wurde ihnen klar, dass wohl alle Ex-Pärchen vor demselben Problem stehen bzw. standen. So kamen sie auf die Idee, ein „Museum der zerbrochenen Beziehungen“ zu gründen, wo sie selbst und ihre Freunde persönliche Dinge aus der Ex-Beziehung lassen können.

Von der Idee 2003 bis zur Realisierung (Eröffnung des Museums in Zagreb 2010) sind Jahre vergangen. Inzwischen haben sie gemerkt, dass nicht nur in ihrer Umgebung, sondern überall in der Welt Menschen ähnlich denken, und sie haben sich auf den Weg gemacht. Sie reisten in der ganzen Welt herum, stellten an verschiedenen Orten ihr Museum vor und nahmen gleichzeitig Gegenstände und Geschichten mit nach Zagreb, wo sie periodisch die Ausstellung mit neuen Exponaten bestücken. Ganz wichtig sind dabei die Erklärungen zu den Gegenständen, so dass in diesem Museum auch eine Art Therapie stattfindet – der Besucher kann dort verschiedene lustige oder traurige Anmerkungen und Geschichten lesen. Selbstverständlich sind hier nicht nur zerbrochene heterosexuelle sondern auch zerbrochene homosexuelle Beziehungen ausgestellt, es geht aber auch um Beziehungen Eltern-Kinder oder gar Wähler-Politiker. Es geht also um alles, was mit Emotionen durchsetzt ist und wo nach einer euphorischen und blinden Liebe oft Enttäuschung und Verlassenheitsgefühl zurückbleiben.

Es ist interessant, dass Menschen in der ganzen Welt Trennung sehr ähnlich erleben, von Schweden bis Argentinien, aber für Drazen Grubisic ist es doch etwas erstaunlich, dass sich im liberalen Westen/Norden die Menschen nur schwer von ihren Gegenständen trennen und ihre Geschichten erzählen, obwohl alles vollkommen anonym ausgestellt wird. Im vorwiegend konservativ-patriarchischen Süden hingegen werden er und seine ehemalige Partnerin Olinka (die meistens mit ihm reist!!), mit Gegenständen und Geschichten überhäuft und die Betreffenden verlangen, dass alles öffentlich bekannt wird. „Was heißt anonym, ich schreibe seinen vollen Namen, Adresse und die Telefonnummer dazu, damit die ganze Welt erfährt, welcher Hurensohn mir das angetan hat“, sagte eine temperamentvolle verlassene Frau in Mexiko bei der Übergabe ihres Erinnerungsstückes zu Drazen.

Wir schreiben hier keine große Weltgeschichte, wir lassen nur einzelne kleine Menschen einen Teil ihrer persönlichen Geschichte erzählen, sagt Drazen Grubisic. Und über 400.000 Besucher aus aller Welt sowie viele junge Volontäre, die sich fast täglich bewerben, geben ihm Recht.

Im Internet ist alles nur kroatisch und englisch, aber im Museum selbst kann man alle Informationen und Beschreibungen der Exponate auch in deutscher Sprache bekommen.

Mitarbeit: Stjepan Milcic

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