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5. Oktober 2015

Traurige Routine auf der Balkanroute

Srdjan Govedarica hat die Eindrücke von der Balkanroute der Flüchtlinge in einer Fotoreportage festgehalten

Auf der Balkanroute der Flüchtlinge hat sich Routine eingeschlichen. Tausende Menschen werden täglich von Grenze zu Grenze gefahren. Von Mazedonien nach Serbien, von Serbien nach Kroatien, von Kroatien nach Ungarn, dann weiter nach Österreich und Deutschland.

Ein Nachmittag an der kroatisch-ungarischen Grenze: Die Menschen kommen in Reisebussen, 60 bis 70 Männer, Frauen und Kinder pro Bus – an diesem Tag kommen 20 Busse – das sind fast 1.400 Menschen. Sie kommen aus der kroatischen Erstaufnahmeeinrichtung Opatovac. Dort haben sie nur wenige Stunden verbracht,  haben etwas zu essen, warme Kleidung und ärztliche Hilfe bekommen. Dann bestiegen sie Busse, die sie an den 90 Kilometer entfernten Grenzübergang Baranjsko Petrovo Selo brachten. Ein Polizeiwagen versperrt den Weg für den Durchgangsverkehr. Die kroatische Grenzpolizei fertigt einen Bus nach dem anderen ab. Die Menschen steigen aus, sammeln sich kurz, sortieren ihr Gepäck. Dann werden sie von kroatischen Grenzbeamten durchgezählt und müssen sich in Zweierreihen aufstellen. Auf ein „Go“ von der ungarischen Seite setzen sich die Menschen in Bewegung. Syrer, Afghanen, Iraker, Palästinenser, junge Männer, Frauen, Kinder, Säuglinge, Alte, Kranke, Menschen in Rollstühlen. Auf der ungarischen Seite werden sie von Stacheldraht empfangen, neben den ungarischen Grenzbeamten schultern Soldaten in Tarnuniform ihre Waffen, im Hintergrund ragt das Maschinengewehr eines Panzerwagens in den Himmel. Bis hierhin dürfen wir Journalisten die Flüchtlinge begleiten, dann sehen wir sie hinter Containern verschwinden.

Es hat schon etwas von industrieller Abfertigung, wie die Menschen hier umgeschlagen werden. Besonders eingebrannt hat sich die monotone Stimme des kroatischen Grenzbeamten beim Durchzählen der Flüchtlinge: „Mann, Frau, Mann, Kind, Frau, Mann“. Empathisch ist das alles nicht.

Andererseits: Für die Flüchtlinge heißt diese Praxis, dass sie schnell und sicher von A nach B kommen. So müssen sie nicht im Freien schlafen, längere Zwischenstopps verbringen sie in Aufnahmeeinrichtungen, im kroatischen Zeltlager Opatovac oder im serbischen Prinzpovo, wo ein verlassenes Kinderkrankenhaus als Rastplatz für die Flüchtlinge dient. Auf der Strecke werden sie von Freiwilligen und Hilfsorganisationen versorgt. Die meisten Flüchtlinge sind froh, dass sie in Bewegung bleiben können, denn sie trauen der Route nicht. Wer weiß, wie lange die Grenzen noch offen sind.

 

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